Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Die dichtung der ritterlichen welt

Index
» Die dichtung der ritterlichen welt
» Das Höfische Epos

Das Höfische Epos



Das Höfische Epos unterscheidet sich vom Volksepos nach Entstehung und Gehait. Im Höfischen Epos, deren Dichter wir namentlich kennen, werden die Ideale des Rittertums in zuchtvoller Sprache besungen. Die bedeutendsten deutschen Dichter des Höfischen Epos sind Heinrich von Veldeke, Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach und Gottfried von Straßburg.
      Heinrich von Veldeke ist der eigentliche Begründer des Höfischen Epos deutscher Zunge. Sein Epos Eneit ist eine Bearbeitung von Vergils 'Äneis". Er hat sich hierbei einer französischen Vorlage bedient. Heinrich von Veldeke läßt seine Helden reden und handeln, als ob sie deutsche Ritter und Hofdamen des 12. Jahrhunderts wären. Eine Schilderung des Reichsfestes zu Mainz fließt mit ein. Unter den besungenen Rittertugenden wird vor allem 'diu ma3e" verherrlicht. Heinrich hat auch an der gänzlichen Einführung des Endreimes großen Anteil.
      Der erste große Meister des Höfischen Epos ist Hartmann von Aue . Hartmann war ein schwäbischer Ritter von gelehrter Erziehung und ein Lehensmann der edlen Herren von Aue. Vermutlich nahm er am Kreuzzuge 1189-1191 teil, worauf sein Kreuzzugslied deutet. Hartmann zeigt in allen seinen Dichtungen eine bewundernswerte Beherrschung der Sprache. Seine Verse fließen rein und anmutig dahin. Er galt seinen Zeitgenossen als der hervorragendste Vertreter der adeligen Hofdichtung. Durch seine Epen findet die bretonische Artussage, die großen Einfluß auf die höfische Dichtung ausübte, Eingang in das deutsche Ritterepos. Sein erstes großes Werk ist das Epos Erek. Seine Quelle zu diesem Werk war der französische Roman 'Erec et Enide" von Chretien de Troyes. Sein Epos dürfte um 1192 vollendet worden sein und schildert den Zwiespalt zwischen den Geboten der Ritterehre und der Minne. Auch das zweite Werk Hanmanns, Gregorius auf dem Steine, geht auf eine französische Vorlage zurück und zeichnet sich, wie alle epischen Werke des Dichters, durch eine gepflegte Reim- und Sprachkunst aus. Es verwandelt sich unter seinen Händen aus einer einfachen Legende in eine höfische Erzählung.
      Hartmanns Hauptwerk, die anmutvolle Erzählung vom Armen Heinrich, scheint eine selbständige Schöpfung zu sein. Sie behandelt eine Sage aus der Familiengeschichte der Ritter von Aue, der der Gedanke zugrunde gelegt ist, daß nur durch Ergebung in Gottes Willen die göttliche Gnade erlangt werden kann.
      Der reiche schwäbische Ritter Heinrich von Aue wird vom Aussatz befallen. Er zieht, Hilfe suchend, nach Salemo, wo ihm ein Arzt sagt, daß er nur durch das Herzblut einer reinen Jungfrau geheilt werden könne, die sich freiwillig für ihn dem Tode weihe. Verzweifelnd kehrt Heinrich von Aue in seine Heimat zurück und lebt einsam auf einem kleinen Meierhof. Die zwölfjährige Tochter des Meiers, die ihn sorgsam pflegt, erfährt nach drei Jahren den Ausspruch des Arztes und beschließt, sich für den Ritter zu opfern. Dieser reist mit ihr nach Salerno. Schon hat der Arzt das Messer angesetzt, als der Ritter die Tötung verhindert und mit der darob zürnenden Jungfrau nach Schwaben zurückkehrt. Weil sich aber der Ritter vor Gott gedemütigt hat, mit dem er bisher gehadert, genest er von seiner Krankheit und nimmt das Mägdlein zum Weibe, um es für seine liebevolle Treue zu belohnen.
      In einem weiteren Werk Hartmanns, im Iwein, gerät der Held in Schuld, weil er über den Abenteuern die Pflichten gegen seine Gattin versäumt. Iwein, ein Ritter der Tafelrunde des Königs Artus, gewinnt nach mannigfachen Abenteuern die Gunst der Königin Laudine, die im Besitze eines Zauberbrunnens ist. Er vermählt sich mit ihr, aber bald erwacht in ihm die Lust nach neuen Kämpfen, und er zieht mit König Artus trotz der Klagen seiner Frau wieder fort. Als er in einem Walde einen Löwen im Kampfe mit einem scheußlichen Drachen erblickt, befreit er jenen, worauf ihn das dankbare Tier auf seinen Zügen begleitet und ihm bei allen seinen Abenteuern getreu beisteht. Da er sein Versprechen, nach Jahresfrist wieder zu seiner Gattin zurückzukehren, nicht hält, verliert er deren Gunst. Voll Verzweiflung hierüber zieht er sich in einen Wald zurück und führt hier ein erbärmliches Leben, bis ihn die Verzeihung seiner Gemahlin aus seiner freiwilligen Verbannung erlöst.
      Der größte Epiker des deutschen Mittelalters ist Wolfram von Eschenbach . Wolframs Heimat ist Franken, und das ritterliche Geschlecht, dem er angehörte, bezeichnete sich nach dem Städtchen Eschenbach südöstlich von Ansbach. Um 1220 starb er in seiner Heimat,- und in der Frauenkirche in Eschenbach wurde er beigesetzt, wo man sein Grab erst jüngst wieder aufgefunden hat.
      Wolframs Hauptwerk ist das große Epos Parzival, vergleichbar etwa Dantes Göttlicher Komödie oder Goethes Faust.
      Parzival stammt von seiner Mutter her aus dem Geschlecht der Gralskönige. Nach dem frühen Tode seines Vaters im Orient wächst der edle und treuherzige Knabe bei seiner Mutter Herzeloyde in inniger Verbundenheit mit ihr und mit der Natur als 'reiner, tumber Tor" im Walde auf:
Bogen unde böl3elin,die sneit er mit sin selbes hantund scho vil vögele, die er vant.
      Swenne aber er den vogel erscho,des schal von sänge e was so gro3,so weinder und roufte sich,an sin har kert er gerich .sin lip was clär unde fier .
      üf dem plan am riviertwuog er sich alle morgen.erne künde nicht von gesorgen,nez enwaere ob im der vogelsancdie süe3e in sin her3e dranc.
      Bogen und Bölzlein, die schnitt er sich mit eigner Hand und schoß viel Vögel, die er fand. Doch wenn er dann den Vogel schoß," des Schall und Sang erst war so groß,dann weinte er und rauft' sich gar und rächte ihn am eignen Haar. Sein Leib war licht und Wohlgestalt. Im Bächlein auf der Wies im Wald wusch er sich alle Morgen. Er wußte nichts von Sorgen, es sei denn, daß vom Vogelsang süß Sehnen in sein Herze drang.

     

Seine Mutter hält ihn, um ihn vor dem Schicksal seines Vaters zu bewahren, von der Welt fern. Das ritterliche Geblüt in ihm aber ist stärker, und als er eines Tages im Wald einer Schar von Rittern begegnet, die ihm vom glänzenden Leben am Hofe des Königs Artus erzählen, nimmt er Abschied von seiner Mutter, die ihn vergeblich zurückzuhalten versucht. Es hilft auch nichts, daß sie ihm Narrenkleider anlegt: sein Drang nach Abenteuern ist unwiderstehlich. Er gelangt, obwohl vielfach verspottet, zum Hof des Königs Artus, an dem er sich durch Ritterlichkeit und Tapferkeit auszeichnet und in die Tafelrunde aufgenommen wird. Doch bald treibt ihn seine Tatenlust weiter. Auf einer seiner Fahrten kommt er zur Burg des Ritters Gurnemanz, der ihn über höfische Sitte belehrt und ihm rät, stets demütig und bescheiden zu sein und nicht viel zu fragen.
      Bald kann er echte Rittertugend üben: Er befreit die Königin Kondwiramur, Gurnemanz' Nichte, in ihrer belagerten Stadt, und die Fürstin schenkt ihm Hand, Herz und Land. Doch die innige Liebe zu seiner Frau hindert ihn nicht, bald 'Urlaub" zu nehmen, im Minnedienst für seine Gattin auf Abenteuer auszugehen und nach seiner Mutter zu suchen. Auf seinem Ritt kommt er zu einem See, wo ihm ein Fischer den Weg zur nächsten Burg, der Gralsburg, weist, die gewöhnlichen Sterblichen unzugänglich ist. Dort erlebt er die Wunderwelt des Grals. Er wohnt geblendet der Enthüllung des heiligen Grales bei, durch dessen Anblick der kranke König sein Leben fristet, und sieht die blutige Lanze, die dem Amfortas die Wunde zugefügt hat. Parzival bleibt aber stumm, ohne zu ahnen, daß er durch seine Frage den kranken König geheilt hätte. So hat also Parzival dadurch, daß er die höfische Sitte über das menschliche Mitleid stellte, sein Glück verscherzt. An Artus' Hof, wohin er zurückkehrt, sieht er sich von der Gralsbotin Kundrie verflucht, zieht viele Jahre verzweifelnd und mit seinem Schicksal hadernd durch die Welt. Da gelangt er nach viereinhalb Jahren an einem Karfreitag zu dem Einsiedler Trevrizent, seinem Oheim, der ihm vom Tode seiner Mutter Herzeloyde erzählt. Er weiht ihn in die Geheimnisse des Grals ein und ermahnt ihn, daß er nur durch Herzensreinheit und Gottvertrauen das Gralskönigtum erlangen könne:
Wirf deine Sünde auf mich:ich will vor Gott Bürge für deine Wandlung sein. Du aber befolge das, was ich dir gesagt habe und bleibe unverzagt dabei.
      Der Vergebung gewiß und voll Sehnsucht nach Kondwiramur bricht er zum Artushof auf, den er nach mancherlei Kämpfen, so mit dem Artusritter Gawan, erreicht. Dort wird ihm von Kundrie verkündet, daß er von Gott zum Gralskönig bestimmt sei, und wird von ihr zur Gralsburg Monsalvage geführt. Durch seine Frage heilt er den kranken Amfortas und vereint sich wieder mit seiner Gattin Kondwiramur und seinen beiden Söhnen, von denen der eine — Lohengrin — zu seinem Nachfolger bestellt wird.
      Die Wandlung vom unreifen und tumben Jüngling zum reifen Menschen stellt Wolframs tiefsinniges Epos an den Beginn der großen deutschen Entwicklungsromane. Nur der suchende und strebende Mensch findet seinen Frieden und sein Heil in der Gnade Gottes. Wer die irdischen Güter über die himmlischen stellt, geht dieser Gnade verlustig.
      Drei Stufen der Läuterung muß Parzival durchlaufen, ehe er der Gralswürde teilhaftig wird. Der Mutter verdankt der Knabe einen kindlichen Gottesglauben. Vom Ritter Gurnemanz wird der Jüngling über die ritterlichen Tugenden unterrichtet und gleichzeitig mit den weltmännischen Formen des Christentums bekannt gemacht. Aber erst bei dem Klausner Trevrizent wirdihm echte Heilung zuteil: als der Held sich in tiefer Demut dem Willen Gottes beugt, findet er den Weg zum Gral zurück.swes leben sich so verendet, Wes Leben so sich endet,daj got niht wirt gepfendet daß er Gott nicht entwendetder sele durch des libes schulde, die Seele durch des Leibes Sdiuldund der doch der werlde hulde und er daneben doch in Huldbehalten kan mit werdekeit, der Welt mit Ehren sich erhält,da ist ein nüt3iu arbeit. der hat sein Leben wohl bestellt.
      Neben das tiefreligiöse Werk Wolframs hat Gottfried von Strassburg das Hohelied menschlicher Liebe, Tristan und Isolde, gesetzt.
      Tristan, der Neffe des alten Königs Marke von Kurnewal in England, wirbt für diesen um die blonde Königstochter Isolde von Irland. Vor der Abfahrt gibt deren Mutter der Vertrauten ihrer Toditer, Brangäne, einen Liebestrank mit, der für Isolde und Marke bestimmt ist und die Kraft besitzt, sofort gegenseitige innige Zuneigung zu erwecken. Auf der Meerfahrt trinken Tristan und Isolde unwissentlich davon und werden gegen ihren Willen von tiefer Liebe zueinander erfaßt. Gleichwohl vermählt sich Isolde mit König Marke. Doch Tristan und Isolde sind so von ihrer unseligen Leidenschaft ergriffen, daß sie, ungehindert durch die Gebote der Sittlichkeit und Religion, Marke hintergehen. Selbst vor Mord und Meineid beim Gottesgericht scheut Isolde nicht zurück. Da verbannt der König sie vom Hofe. Isolde und Tristan ziehen in eine Wildnis, bis König Marke der Untreuen vergibt und diese an den Hof zurückkehren kann, während Tristan Hof und Land verläßt und in der Fremde Isolde Weißhand heiratet.
      Verkörpert Wolframs Parzival echte christliche und sittliche Weltanschauung, so bevorzugt Gottfried mehr die verinnerlichte Welt zarter Empfindungen. Dies wirkt sich auch in der sprachlichen Gestaltung aus: der ursprünglichen â–  Darstellungsart Wolframs steht die formvollendete Ausdrucksweise Gottfrieds ebenbürtig zur Seite.
     

 Tags:
Das  Höfische  Epos    




Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com