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Verbindlichkeit des Individuellen — Unverbindlichkeit des Sozialen



Mithin ist das Verhältnis zwischen Gemeinverbindlichkeit und individueller Verbindlichkeit im Roman zu allen Zeiten kritisch. Der Moderoman, der sich ausschließlich kollektiven Wünschen anpaßt, ist das eine Extrem. Es hat ihn zu allen Zeiten gegeben und gibt ihn noch heute. Das andere Extrem sind jene Romane, die sich von jeder Gemeinverbindlich= keit gelöst haben und auf poetische Autonomie präten= dieren — so etwa 'Finnegans Wake" von James Joyce oder 'Der Tod des Vergil" von Hermann Broch. Die tiefgreifende Wandlung, von der wir im Hinblick auf den Roman sprachen, ist darauf zurückzuführen, daß gemeinschaftliche Verbindlichkeit ihren Ort verliert. Allen= falls besteht sie noch in partikulisierter Form — als landschaftliches Milieu, gesellschaftliches Reservat, berufsstän* dische Gruppe usw. Ein Totalbild der Gesellschaft, das Balzac noch in seiner 'Comedie humaine" entwerfen konnte, weil ihm die Idee eines Gesellschaftskosmos vor= schwebte, war bei Zola nur noch durch Summierung parti= kularer Milieus zu gewinnen.
      Je weiter die Partikularisierung fortschreitet, umso mehr verliert die gemeinverbindliche Komponente an Relevanz und Glaubwürdigkeit. Wer wider besseres Wissen an ihr festhält, ergibt sich unweigerlich dem Klischee. Da sich der Romancier nie damit begnügen kann, die Wirklichkeit tel quel abzuschildern — auch Zola hat das nicht getan —, muß er für die ausfallende Komponente poetisch aufkom= men. Das großartigste Beispiel totaler Substitution gesell* schaftlicher durch poetische Realität ist Marcel Prousts Ro= man 'A la Recherche du Temps perdu". Es gibt noch einen anderen Weg. Alain Fournier in 'Le Grand Meaulnes" und Friedrich Huch in 'Mao" versuchen den Ausfall an verbindlicher Realität durch Traumverbindlichkeit wettzu= machen.
      Allein — auch dieser Weg ist nur so lange gangbar, als die Wirklichkeit — wie fragwürdig auch immer — einer Ord= nung gehorcht, wider die der Dichter seine irreale Ordnung ausspielt. Vagabund, Hochstapler oder Taugenichts, die in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg im Roman ihre anti= bürgerliche Rolle spielen, sind nur als Kontrastfiguren zu einer bestehenden bürgerlichen Ordnung denkbar. Wird dieser Ordnung endgültig der Boden entzogen, so ist es auch mit dem ausgleichenden Kontrast von bürgerlicher Moral und persönlicher Laune, von gesellschaftlicher Auto= rität und individualistischer Selbstgenügsamkeit vorbei. Diese veränderte Situation findet ihre getreue Spiegelung im Roman. Es gibt keine Ordnung mehr, über die zwischen Autor und Leser Einvernehmen herrschte. Das bürgerliche Milieu hat im Guten und Bösen seine Rolle ausgespielt. Die 'Kleine Welt" der Provinz oder der Landschaft ist in der großen Welt des Kriegs aufgegangen. Die Großstadt läßt allenfalls eine unpersönliche technische Ordnung er= kennen. Der private Bereich ist gegenüber dem sozialen in völlige Isolierung geraten.
      Der Romancier ist entweder darauf angewiesen, die wirre Anhäufung einer aus den Fugen gegangenen Welt mit künstlerischen Mitteln wiederzugeben oder sie utopisch auf eine künftige Ordnung zu beziehen. War die ehemalige Ordnung durch rationale Faktoren verbürgt, auf die sich ihre Gemeinverbindlichkeit stützte, so liegt nun dem Dich= ter ob, an ihrer Stelle hypothetische Faktoren einzusetzen, die ihren Kredit aus der individuellen Verbindlichkeit der Phantasie empfangen.
      Der utopische Zug, dem wir im Roman der zwanziger Jahre so vielfach begegnen, ist dem Verlust einer gemeinverbind= liehen Ordnung zuzuschreiben.
      Aber auch auf Seiten der individuellen Verbindlichkeit fin= det eine tiefgreifende Wandlung statt. Wenn wir die reale Vorlage des Romans einem Dokument vergleichen, das Zug um Zug in poetische Sprache übersetzt werden soll, so kann dies nur geschehen, wenn der Vorlage ein irgendwie gearteter dokumentarischer Wert zukommt. Wird ihr doku= mentarischer Wert irrelevant, so steht es ganz beim Dichter, wie er über sie befindet: ironisch oder moralistisch, patho= logisch oder visionär. So glaubt sich der Leser des 'Zauber= berg" hinsichtlich der Welt der Kranken mit dem Autor im Einvernehmen, bis ihm aufgeht, daß sie mit der Welt der Gesunden im 'Flachland" vertauschbar ist und deren paus= bäckig tüchtigen Anschein Lügen straft. So glaubt sich der Leser, der mit dem Helden des Romans 'Die Flucht ohne Ende" von Joseph Roth in den Reihen der Roten Armee kämpft, mit dem Autor in der Überzeugung einig, daß die westliche Welt einem raschen Zerfall entgegengeht, bis er die Erfahrung macht, daß in Deutschland und Frankreich eine neue Konsolidierung materieller Interessen stattgefun= den hat.
      Das heißt: daß alle äußeren Kriterien zur Beurteilung einer Lage weggefallen sind, daß die Phänomene sich selber über= lassen sind. Die anormale Welt der Kranken kann zur eigentlich normalen Welt werden. Die Realität kann sich über Vorstellungen, die wir vom notwendigen Gang der Dinge zu haben glauben, jederzeit hinwegsetzen. Der Maßstab äußerer Verbindlichkeiten wird relativ oder variabel. Er kann nicht mehr als Gesetz einer bestehenden Ordnung vorausgesetzt werden, sondern — da alles in Fluß geraten ist — hat ihn das Individuum je und je in sich selber zu finden. Das konventionelle Urteil des Steppenwolfmen» sehen von Hermann Hesse über Jazzmusik, moderne Tänze und erotische Freizügigkeit hält bei persönlicher Einweihung des Helden in deren Ritus nicht stand. Vorurteile stellen sich als Hemmungen und Inhibitionen heraus. Die Gemein» Verbindlichkeit der bis dahin für gültig erachteten Realität wird im Laufe eines Krankheitsprozesses, der von illusio» nären Hemmungen befreit, überwunden. Die Verbindlichkeit fällt voll und ganz an das Individuum zurück. Das heißt aber zugleich: daß ihm fast alle jene 'Eigenschaften" verloren gehen, die es als soziales Wesen zu haben glaubte. Der einzelne wird anonym — wie der 'Sergeant Grischa" von Arnold Zweig, der in das Räder= werk der Kriegsmaschine gerät, wie Franz Tunda, der seine Heimat verliert, wie Harry Haller, der zwischen animali= scher und Geistnatur in der Schwebe bleibt, wie Musiis 'Mann ohne Eigenschaften", der sich zur Entdeckung des 'anderen Zustands" aufmacht, nachdem er alle Lebens» möglichkeiten essayistisch durchprobiert hat. Der utopischen Tendenz — die wir 'Suche nach der verlöre» nen Einheit" nennen könnten — entspricht im Roman dieser Zeit eine mystische Tendenz. Das Ich geht jener fiktiven Ein» heit verlustig, die durch seinen Stellenwert in einem so» zialen Ganzen verbürgt war. Es vervielfältigt sich. Es durch» läuft noch einmal alle die Metamorphosen, die zur Stufe der Zivilisation hinaufgeführt haben. In Hesses 'Klein und Wagner" wird der Beamte zum Verbrecher, im 'Steppen» wolf" erkennt sich der Homo sapiens im Tier der Wildnis. In Musils 'Mann ohne Eigenschaften" verkörpert sich ein Zustand archaischer Welteinheit in dem Lustmörder Moos» brugger.
      Die Utopie findet allenthalben Rückhalt an Idolen urbild» licher Art. So erklärt sich die Spannung, die den Roman der zwanziger Jahre oft bis zum Zerreißen erfüllt. Die ra= tionale Utopie knüpft an den archaischen Urbestand an, den die Phantasie aus dem Unterbewußten zitiert. Die Wirk» lichkeit ist der Umschlagplatz einer Urvision, die utopisch in die Zukunft entworfen wird.
      Im Unbewußten findet der Dichter noch einmal jene Totali» tat, die außerhalb immer mehr zerfällt. Aber da sie dem Unbewußten des einzelnen entstammt, der sich über den Abgrund des eigenen Inneren beugt, bleibt sie narzißhaft gebunden. So inständig sie nach Gemeinverbindlichkeit trachtet: das eigene Ich vermag sie nicht zu überspringen. Ob wir 'Finnegans Wake" oder Musils 'Mann ohne Eigen» Schäften", den 'Tod des Vergil" oder 'Das Glasperlen» spiel" von Hermann Hesse heranziehen: immer hat Uni» versalität in ihren Romanen den Charakter individueller Verbindlichkeit.
      Mystizismus und Utopie, die sich wie eingangs erwähnt in jenem irrational=rationalem Spannungszustand befinden, der das eigentliche Kennzeichen der zwanziger Jahre ist, sind die Grundpole der Figuren und Strukturen, die wir im fol» genden hervorheben. Der Leser mag sie als geologische Fundstücke betrachten, die zu einer Gliederung der Litera» turlandschaft auf Grund symptomatischer Phänomene bei» tragen sollen.
     

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