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Utopische Wertfunktionen



Umschichtungen innerhalb einer Gesellschaft lassen neue Kräfte in den Vordergrund treten, denen Wertfunktionen übertragen werden. Das Jugendproblem spielt in der Litera= tur der zwanziger Jahre auch deshalb eine so gewichtige Rolle, weil man die Lösung künftiger Aufgaben nicht mehr von abgewirtschafteten Gesellschaftsklassen erwartet, son= dem der nächsten Generation in Auftrag gibt. Doch ist dies nicht der einzige Grund. Daß man nicht mehr ausschließlich in Epochen, sondern in Generationen denkt, daß die Jugendreihe, die Generation als geschichtlicher Fak= tor zur gleichen Zeit Gelehrte wie Wilhelm Pinder, Eduard Spranger, Eduard Wechssler und Ortega y Gasset beschäf» tigt, daß Albert Thibaudet seine Geschichte der Französi= sehen Literatur nach diesem Prinzip gliedert, steht mit der Besinnung auf das Lebensphänomen in Zusammenhang. Vitale Spontaneität wird höher bewertet als rationale Ge= setzlichkeit. Die Generation als ein Wirkungszusammen= hang verschiedenartiger Kräfte steht nicht in einem abge= leiteten Verhältnis zu ihrer Vorgängerin, sondern in einem dramatischen Verhältnis. Sie bildet eine geschlossene Grup= pe, die wider das Bestehende revoltiert, mit der männlichen Reife ihren geschichtlichen Höhepunkt erreicht und nach hartnäckigem Verteidigungskampf von der nachrückenden Generation abgelöst wird. Die Ãœberlagerung mehrerer Ge= nerationen innerhalb eines bestimmten Zeitraums macht die rationale Aufteilung der Literatur in einheitliche Ab= schnitte fragwürdig. An die Stelle des summierenden Sche= mas tritt das der Verzahnung oder des 'overlapping". Mit dem Begriff der Spontaneität kommt ein irrationaler Faktor ins Spiel, der die Berechenbarkeit von Entwicklun» gen in Frage stellt.

      Dennoch wird — auch unter diesem veränderten Gesichts» punkt — an der Vorstellung eines kontinuierlichen Ge= Schichtsvorgangs festgehalten. Nur ist dessen Kontinuität nicht mehr so sehr durch rationale als durch irrationale Verbindlichkeit gewährleistet. So wird die Jugend nicht selten mit einer nahezu religiösen Mission betraut. 'Das Wunschkind" in dem Roman von Ina Seidel verklärt sich gegen Ende zum symbolischen Inbegriff des heldischen Jünglings schlechthin. Bei Ernst Wiechert erscheint der jung gefallene Soldat in legendärer Gestalt. Für einen großen Teil der Generation, die in den zwanziger Jahren heran« wuchs, war 'Der Wanderer zwischen beiden Welten" von Walter Flex ein ans Mythische grenzendes Vorbild. Aber auch Hesses Jünglingsroman 'Demian" wurde als eine Offenbarung erlebt.
      Die Romane von Frank Thieß: 'Abschied vom Paradies", 'Das Tor zur Welt", 'Der Leibhaftige" und 'Der Zentaur", die ausschließlich der jungen Generation gewidmet waren, entrollten eine umfassende Epopöe der Pubertät. Aus der Geschichte wird Lebensgeschichte. Ihr Endpunkt liegt im Absoluten wie bei Hegel. Doch tritt für den Zu= sammenfall von Subjekt und Objekt eine mythische Größe oder das religiös Absolute ein. Auch hier führt die Utopie,wiewohl sie sich auf den Geschichtsvorgang gründet, in die Totalität oder Universalität eines 'anderen Zustandes", der im Gegensatz zur Lebensdynamik umfassend und un= wandelbar ist.
      Ein Blick auf die Utopie der Radikalen zeigt, daß auch bei ihnen wertmäßig unbesetzte Klassen, Gruppen oder gesell= schaftliche Erscheinungen für einen künftigen Totalzustand als Bürgschaft angesprochen werden. 'Der Arbeiter" von Ernst Jünger dankte seine Wirkung nicht zuletzt dem Um= stand, als hier eine mythische Größe auf rationalem Wege eingeführt wurde. Eine ähnliche Tendenz beobachten wir in Hermann Brochs Roman 'Die Schuldlosen". Hier krönt die konstruktive Beweisführung eine mythische Fiktion — 'Der Imker".
      Walter Benjamins unbarmherzige Analyse gesellschaft= licher Symptome ist diktiert von einem Streben nach To= talität, das in der Romantik seinen Ausgangspunkt hat und auf dem Weg in die Zukunft religiöse Urvorstellungen an sich zieht.
      Unter den 'Radikalen" verstehe ich diejenigen, die an eine mögliche Verwirklichung der Utopie glauben. In Musils Roman 'Der Mann ohne Eigenschaften" wird ähnlich wie bei Benjamin die Erlebnisweise der Mystik zurückgewon= nen, aber unter rationale Vorzeichen gebracht. Die okkulten Größen, mit denen Mystiker und Romantiker ihre Rech= nung belastet haben, sollen ausgeschieden, trotzdem aber soll die Richtung beibehalten werden.
      Abgesehen ist es in beiden Fällen auf eine Ãœberwindung des Rationalismus mit dessen eigenen Mitteln. In den No= tizen Musils zu seinem Roman wird diese Tendenz sehr deutlich. Weder soll auf das analytische Verfahren der rationalen Wissenschaften verzichtet noch soll das mysti= sehe Einheitserlebnis geopfert werden. Vielmehr gilt es, beide so eng aneinander zu rücken, daß ihr unterscheidendes Element frei wird. Musil nennt dieses unterscheidende Ele= ment mit einem einprägsamen Gleichnis das 'Hormon der Phantasie".
      Im Werk von Hermann Broch wird das Bestreben, den Mythos als reine Größe zu destillieren, in ebendem Maße bestimmend wie im Werk von Musil. Was Broch die 'Ver= räumlichung der Gegensätze" nennt, ist nichts anderes als der Versuch, die Einheit wiederzugewinnen, ohne die Rationalität opfern zu müssen. Auch das 'magische Theater" in Hesses 'Steppenwolf" gestattet die Verräumlichung von Gegensätzen, die sich — rational betrachtet — antithetisch verhalten. Die moralische Begriffswelt bleibt davon nicht unbetroffen. Nach rationalistischer Moral sind Gut und Böse einander ausschließende Gegensätze. Werden sie jedoch einer einheitlichen Sphäre zugeordnet, so fungieren sie als Pole eines Ganzen und weisen in unendlicher Spiegelung aufeinander zurück. Hesses 'magisches Theater" ist die verräumlichte Theodizee der Einheit.
     
Die Fülle der Beispiele ließe sich beliebig vermehren. Aber es sind nicht nur fiktive Größen — wie 'Der Arbeiter", 'Der Imker", der einheitlich gut=böse Mensch, die in die Rechnung der Zukunft eingesetzt werden. Häufig wird auch in der Literatur der zwanziger Jahre der intellektuellen Auflösung, der Relativität oder 'Dekadenz", der 'Hoffnungslosigkeit" eines gefallenen Geschlechts und ihrer moralistischen Skepsis die Gestalt einheitlich geschlossener religiöser Ãœberzeugung entgegengestellt.
     

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