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Urbilder als utopische Projektionen



Martin Bubers 'Chassidische Legenden" sind als ein solches Gegenbeispiel aufzufassen. Joseph Roths 'Hiob" ist die Urgestalt des jüdischen Volkes, die in Mendel Singer, dem galizischen Juden, mitten in die Gegenwart tritt. In der 'Kapuzinergruft" wird die skeptische Vorkriegsgeneration mit der ehrwürdigen Gestalt des galizischen Juden und Fiakers Manes Reisiger konfrontiert. Arnold Zweig stellt dem ehrgeizbesessenen General Schieffenzahn, der frei nach Ludendorff gezeichnet ist, die von religiöser Zucht ge= prägte Figur eines jüdischen Sargmachers gegenüber. Max Brod schreibt den Gottsucherroman 'Tycho Brahes Weg zu Gott" und den zionistischen Heldenroman 'Reubeni, Fürst der Juden". In den Büchern von Schalom Asch — so in 'Warschau" — werden rationales und von Gott verordnetes Gesetz aneinander gemessen. Franz Werfel schildert in einer unvollendeten Erzählung seine Begegnung mit der ihm längst entfremdeten, aber unbewußt zugehörigen Welt jüdischer Väter und Vorväter. Alfred Döblin schildert ein ähnliches Erlebnis in seiner 'Reise in Polen". Gustav Mey=rink zeichnet in seinem 'Golem" den Zwiespalt zwischen religiösem Erbe und von außen übernommener Bildung. Wenn hier in der Hauptsache jüdische Schriftsteller genannt werden, so geschieht dies mit der Absicht zu zeigen, daß hinsichtlich der Problemlage nicht jene Artverschiedenheit zwischen jüdischer und nichtjüdischer Literatur bestand, von der später gesprochen wurde. Der jüdische Rassegedanke fand in der Literatur der zwanziger Jahre auch dichterisch vielfältigen Ausdruck. Daß er nicht in das Dilemma von Mythos und Ratio führte, war der Gebotsethik des jü= dischen Glaubens zu danken. Der jüdische Glaube kennt den Lebenswert nur in göttlich geprägter Form.

     
Doch war das Bestreben, auf rationalem Wege zu einer neuen seeli= sehen Ganzheit zu kommen, ein gemeinsamer Grundzug der jüdischen wie der nichtjüdischen Literatur. Daß hier Gegensätze auftraten, die — auch jenseits des vul= gären Antisemitismus — auf beiden Seiten empfunden und nicht selten verschärft wurden, ist nicht weiter erstaunlich, wenn man bedenkt, daß sich hinsichtlich der rationalen Ver= bindlichkeit auch verschiedenartige Glaubensformen einigen können — der Toleranzgedanke hat immer rationale Prä= gung — daß aber dort, wo symbolische Einheitsvorstellun= gen ins Spiel kommen, mögen sie sich auch vom religiösen Bekenntnis fernhalten, der Andersgläubige solche zwar dul= den und schätzen, aber nicht teilen kann. Die Vermischung von rationalen und irrationalen Elemen= ten, die gerade für die Literatur der zwanziger Jahre typisch ist, trug zur Verschärfung der Gegensätze bei. Nicht selten spielten auf beiden Seiten in die rationale Beweisführung, die von der Richtigkeit ihrer Schlüsse zu überzeugen ver= suchte, irrationale Impulse so vorherrschend herein, daß die Vernunft selber kompromittiert wurde. Irrational genährte Beweise sind am ehesten geeignet, die Mißverständnisse zu vermehren. Hinzu kam, daß man sich der Liebe zu eigenen Wertbildern insgeheim schämte und zum Entgelt die Wert» bilder des Gegners mit Hohn überschüttete.
     

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