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Pathologie als Spiegel der Utopie



Döblin ist, wie Gottfried Benn, ursprünglich Arzt, und zwar Psychiater. Aber Robert Musil, der kein Arzt war, hat uns den pathologischen Fall des Lustmörders Moosbrugger geschildert. Hermann Broch hat in den Schlafwandlern die psychiatrische Studie der Hanna Wendung ausgeführt. Thomas Mann, von dessen Zauberberg gleich zu reden sein wird, hat noch im 'Doktor Faustus" einen pathologischen Fall dargestellt. Hesses 'Demian" und 'Steppenwolf" sindim letzten Grunde Krankheitsgeschichten. Ja, selbst Hans Carossa hat in den 'Schicksalen Doktor Bürgers" und im 'Arzt Gion" der Krankheit einen schicksäligen Rang angewiesen. Ebendies scheidet ihn am deutlichsten von Goethe. Die auffallende Tatsache darf nicht gesondert betrachtet, sie muß vielmehr in ihrem dialektischen Verhältnis zu der ortlos gewordenen, entfesselten und nur noch als Totalität zu fassenden Umwelt gedeutet werden. Warum gibt es in der Literatur der zwanziger Jahre so viele Kranke — Schizophrene und Neurotiker —, um die sich ein chaotischer Wirbeltanz fessellos gewordener Erscheinungen dreht? Sollte der Grund nicht darin liegen, daß die Krankheit — und zumal die Geisteskrankheit — zur sozialen Verfassung des Menschen den schärfsten, weil schicksalhaften Widerspruch bildet? Die Krankheit — mag dies auch nach Binsenwahrheit klingen — läßt so wenig eine Stellvertretung durch andere zu wie der Tod, aber auch wie das Genie. Deshalb rücken in einer Zeit, die an der Konvention, d. h. an der bis dahin geltenden sozialen Verfassung des Menschen, radikal zu zweifeln beginnt, Genie und Wahnsinn immer enger zusammen. Erklärungen physiologischer und psychologischer Art, die zur Erhärtung der These von der Verwandtschaft zwischen Genie und Wahnsinn vorgebracht werden, finden ihren eigentlichen Grund in der Unvertretbarkeit, zugleich aber der höchsten Verbindlichkeit beider. Die Krankheit entfremdet dem Menschen die Wirklichkeit. Auch diese Eigenschaft teilt sie mit dem Genie. Daß am Ausgang der zwanziger Jahre ein Wahnsinniger die Herrschaft an sich riß, der sich für ein Genie ausgab, ist als Möglichkeit von vielen Schriftstellern der zwanziger Jahre vorausgeahnt worden. Der Sadist Reinhold in Döblins 'Berlin Alexanderplatz" trägt ähnliche Züge wie der sadistische Diener in Leonhard Franks 'Deutscher Novelle", die freilich apres coup geschrieben wurde. Der Verfolgungswahn in Jakob Wassermanns 'Gänsemännchen" deutet auf die Pogrome voraus. Thomas Manns Hypnotiseur in 'Mario und der Zauberer" und Robert Musils Scharlatan Meingast, dem die hysterische Ciarisse verfällt, tragen deutliche Züge des Rattenfängers. Marius Ratti heißt bei Hermann Broch der 'Versucher" in dem so betitelten Nachlaßroman. Das Verhältnis zwischen Krankheit und Anarchie ist im Roman dieses Zeitraums ein Phänomen von entscheidender Wichtigkeit. Franz Biberkopf in Döblins Großstadtroman wird von dem Moloch zerstückelt. Mensch und entfesseltes Chaos bilden eine unauflösliche Einheit. Das Vieh, das am Morgen in die Schlachthäuser getrieben wird, ist ein Teil der mythisch=rationalen Legende, die Döblin erzählt. My= thisch, insofern in seinem Roman alles mit allem kommuni= ziert; rational, insofern der Mythos nur noch in der zer= stückten Form der Montage gegeben werden kann. Dieses mythisch=rationale Doppelverhältnis, dem wir auch in anderen Romanen immer wieder begegnen, wird beson= ders deutlich, wenn wir in Döblins Gesamtwerk einen Blick werfen.
     

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