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Lebenskritik



So finden wir bei Thomas Mann, Hermann Hesse und Robert Musil 'Eigenschaftskritik" in dreierlei Gestalt. Die= ses Verfahren hat der Literatur der zwanziger Jahre den Ruf eingetragen, daß sie zersetzend oder auflösend sei und an die Stelle des Menschenbildes, das sie annulliere, nichts Aufbauendes zu setzen vermöge. Es ist derselbe Vorwurf, der heute wieder gegen die Literatur der Jüngeren erhoben wird. Doch wurde diese Zersetzung nicht um ihrer selbstbetrieben. Es galt vielmehr, ein heillos zerstücktes Weltbild, an dem es nichts zu beschönigen gab, noch einmal in die Totalität zu bergen. Einzig die Kunst schien vermögend, der verlorenen Totalität eine Stätte zu bieten. Zwar — die immer weitergreifende Aufsplitterung der Ordnung, die Relativie= rung der Maßstäbe, die Verabsolutierung von Einzelzwek= ken vermochte sie nicht zu hindern. Grundsätzlich standen ihr nur zwei Wege offen: entweder die heillos zerstückte Welt im Namen einer heilen Welt als deren Gegenbild und Spiegel zu richten. Oder: die Welt, so wie sie der gegenwär= tig lebende Mensch vorfand, in das Kunstwerk aufzuneh= men und sie in all ihrer anarchischen Zusammenhanglosig= keit den Umschlag in die Totalität der Kunst vollziehen zu lassen.
      Diese beiden Wege sind von Dichtern der zwanziger Jahre beschritten worden. Die 'Gegenbildler" waren im großen und ganzen zurückgewandt. Wir werden im zweiten Teil dieses Kapitels sehen, wo sie die Bürgschaft für die ver= lorene Einheit suchen gingen. Die 'Utopisten" blickten in die Zukunft und versprachen sich von einer neu zu stiften= den Totalordnung — gesellschaftlicher, ästhetischer oder philosophischer Observanz —eine Rechtfertigung e contrario des gegenwärtig ablaufenden Prozesses. Es sei hier angemerkt, daß der Nationalsozialismus aus beiden Tendenzen Nutzen zog. Allein der Begriff 'Drittes Reich" kann sowohl gegenbildlich als auch utopisch auf= gefaßt werden. Sein Kredit, der einem vergangenen Zusam= menhang entstammt, wird in die Zukunft projiziert. Aus dem Inbegriff einer längst verjährten Totalität wird ein propagandistisches Leitziel. Auch hier fällt uns wieder die Unfestigkeit der Eigenschaftsbegriffe auf, die Musil an der 'Genialität" von Rennpferden nachgewiesen hat. Das 'Dritte Reich" — ursprünglich ein Begriff mystischer Ver= heißung — wird einer durch und durch rationalistischen Machtideologie aufgestülpt und fungiert etwa so wie ein stilechter Kachelofen, der einer Ölheizung als Gehäuse dient. Die 'Gegenbildler" waren der nationalsozialistischen Pro= paganda insofern genehm, als sie zwar die Heillosigkeit des gegenwärtigen Zustandes vermerkten — was ja auch die Nationalsozialisten taten —, daß sie aber auf Utopien ver= zichteten, die sich die Partei als Reservat vorbehielt. Wurden als Gegenbilder die bäuerliche Ordnung, die nationale Einigkeit in den Befreiungskriegen, die Weltschau des Paracelsus oder die Sippengemeinschaft der nordischen Sagas beschwo» ren, so konnte die Propaganda immer behaupten, daß sie ja im Begriffe sei, dergleichen zu restaurieren. Indem sie Gegenbilder annektierte, verschleierte sie aufs beste ihre eigenen Absichten. Anders verhielt es sich, wenn sie mit Utopien zusammenstieß, die aus dem gegenwärtigen Zu= stand die Notwendigkeit eines künftigen folgerten. Hier bekam sie es mit Tendenzen zu tun, die auf eine aktive Ver= änderung des Bestehenden abzielten. Der Schnitt zwischen genehmer und ungenehmer Literatur im Dritten Reich verlief — zumindest in den Anfangsjahren — ziemlich genau auf der Grenze zwischen gegenbildlich konservierender und utopisch verändernder Tendenz. Mit Gegenbildlichkeit und Utopie steht das Problem der Eigenschaftslosigkeit in engstem Zusammenhang. Wird von dem herrschenden Zustand abgesehen, der allgemeinver= bindliche Wertvorstellungen immer mehr vermissen läßt, so kann die Einheit des Ich nur so gerettet werden, daß man es in eine Ordnung zurückversetzt, die ihm Eigenschafts» werte garantiert. Mag das die ständische Ordnung, die Bil= dungshumanität der Biedermeierzeit, die patriarchalische Gesellschaftsform oder die bürgerliche Kleinstadt sein — immer kommt dem Rahmen eine Bedeutung zu, die auch der Auflehnung wider die Ordnung einen legitimen Sinn ver* leiht. So behält die Persönlichkeit, die über die Enge hinaus* wächst, zwar auf Kosten der Verhältnisse recht; doch festigt die Ordnung, wider die sie sich auflehnt, den Widerstand, dessen sie zu ihrer Ãœberwindung bedarf. Wenn aber die Verhältnisse nicht mehr zum Widerstand herausfordern, sondern eine Fülle gleichgültiger Möglich» keiten offenlassen, verliert auch das Ich seinen festen Stand. Denn nun werden vorübergehend auch diejenigen Eigen= Schäften gleichgültig, die es im Kampf um seine Selbst= behauptung entwickelt hat. Um sie aufzuwerten, muß der Dichter in die Ordnung zurückkehren, wo sie an ihrem Platze waren und als Eigenschaften einen genauen Sinn hatten.
      Oder er muß die Persönlichkeit als freien Abenteurer ihrem eigenen Gesetz unterstellen.
     

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