Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Die deutsche literatur
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WANDLUNGEN DES ROMANS



Die Krisenfrage
Seit dem Krieg spricht man immer häufiger von
einer Krise des Romans. Optimistische Kritiker behaupten, daß er auf dem Wege sei, eine neue Form zu finden, pessimistische Kritiker, daß er im Begriffe sei zu verschwinden. Über kurz oder lang werde er der zeitgemäßen Reportage, dem Tat= sachenroman ode [ ... ]
Der Roman: ein Zwitter
Karl Voßler ist in einem Kapitel seines nachgelassenen Werks 'Dichtungsformen der Romanen" so weit gegangen, dem Roman den Rang einer literarischen Kunstform über» haupt abzusprechen. Seiner Definition nach ist der Roman ein Zwitter. Ursprünglich für das reine Unterhaltungsbe» dürfnis in Prosa abgef [ ... ]
Fiktion und deren Aufhebung bei Cervantes
Deshalb ist es müßig darüber zu streiten, ob Cervantes im 'Don Quijote" die Ritterromane seiner Zeit habe persi= frieren wollen, da er doch selbst in einem späteren Roman — nämlich in 'Persiles y Segismonda" — deren hochge= stelztem Ideal gehuldigt habe. Deshalb ist es müßig, Be= trachtungen dar [ ... ]
Verbindlichkeit des Individuellen — Unverbindlichkeit des Sozialen
Mithin ist das Verhältnis zwischen Gemeinverbindlichkeit und individueller Verbindlichkeit im Roman zu allen Zeiten kritisch. Der Moderoman, der sich ausschließlich kollektiven Wünschen anpaßt, ist das eine Extrem. Es hat ihn zu allen Zeiten gegeben und gibt ihn noch heute. Das andere Extrem sind je [ ... ]
Döblin: 'Berlin Alexanderplatz
Wie liegt der Fall bei Alfred Döblins faszinierendem Ro= man 'Berlin Alexanderplatz", den wir seines instruktiven Aufbaus wegen als Muster nehmen? Man hat ihn immer wieder mit den Montage=Romanen von Dos Passos ver» glichen, ohne die ungleich interessantere Frage zu stellen, was denn Döblin zum Mont [ ... ]
Pathologie als Spiegel der Utopie
Döblin ist, wie Gottfried Benn, ursprünglich Arzt, und zwar Psychiater. Aber Robert Musil, der kein Arzt war, hat uns den pathologischen Fall des Lustmörders Moosbrugger geschildert. Hermann Broch hat in den Schlafwandlern die psychiatrische Studie der Hanna Wendung ausgeführt. Thomas Mann, von dess [ ... ]
Utopie und Mythos
'Berge, Meere und Giganten" (1921—23) — ein Werk, das 'Berlin Alexanderplatz" vorausging, ist eine kosmische Utopie. Mythisch ist sein umfassender Charakter, denn was hier geschieht, ist nur mit den Ursagen der Menschheit von Sintflut und Weltenbrand zu vergleichen. Rational hin= gegen ist die R [ ... ]
Dämonie und Mystik
Dieser Umschwung ist nicht nur bei ihm festzustellen. Ver» gleichen wir Hesses 'Demian" und 'Steppenwolf" mit dem 'Glasperlenspiel", Brochs 'Schlafwandler" mit dem 'Tod des Vergil" oder den Ersten Teil von Robert Musils 'Der Mann ohne Eigenschaften" mit dem Vierten unvollendeten Teil, so fällt uns d [ ... ]
Das 'allegorische Märchen von Thomas Mann
Als der Roman 'Königliche Hoheit" zum Hörspiel gemacht wurde, schrieb Thomas Mann dazu ein rückblickendes Vor= wort. Es heißt darin: 'Die anspielungsreiche Analyse des fürstlichen Daseins als eines formalen, unsachlichen, über= sachlichen, mit einem Worte: artistischen Daseins und die Erlösung der H [ ... ]
Krankheit und Tod im 'Zauberberg
Auch im 'Zauberberg" finden wir im Vordergrund eine ver= bindliche Ordnung, in deren heikle und nicht immer leicht durchschaubare Gesetzlichheit der Leser Zug um Zug ein= geweiht wird. Hans Castorp besucht seinen Vetter Joachim Ziemßen im Sanatorium in Davos. An dem Vorgang, der sich im weiteren abs [ ... ]
Verbindlichkeit des Humanen
Alle diese Möglichkeiten, die hier zur Diskussion gestellt werden und in ihrer Dialektik scharf hervortreten, — Welt der Kranken und Welt der Gesunden, Liberalismus und Gewissensdiktatur, persönliches und kollektives Abenteuer — zeichnen sich bei Thomas Mann vorm Hintergrund der Konvention ab. W [ ... ]
Schicksalscharakter des Abenteuers
Der 'Donnerschlag von 1914" hallte in der bürgerlichen Welt als schicksäliges Echo wider. Aber das Schicksal trug die Maske des Abenteuers. Die Zitadelle leidlicher Sicher= heit, in der sich die europäische Menschheit vor dem Ersten Weltkrieg befunden hatte, stand dem Einbruch des Elemen= taren offe [ ... ]
Geschwisterliebe
Mit auffallender Häufigkeit stoßen wir im Zeitraum der zwanziger Jahre auf das Thema 'Geschwisterliebe". Zweier* lei ist an den Gestaltungen, die es gefunden hat, bemerkens= wert: einmal der Gedanke, daß hier die Wiederherstellung einer ursprünglichen Einheit von zwei Menschen als Aben= teuer gewagt [ ... ]
Das Abenteuer des Narziß. Hermann Hesse
Narziß und tragisches Abenteuer. Halten wir die beiden Pole des Themas fest im Blick, so erschließen sich uns auch im Werk Hermann Hesses die eigentlichen Probleme. In 'Narziß und Goldmund" kommt der Leser nicht an dem Gedanken vorbei, daß Goldmund nur darum seiner Lebens= und Liebeslust so unbekümm [ ... ]
Vervielfältigung des Ich
Im 'Tractat vom Steppenwolf" verwahrt sich Hesse gegen die Unterstellung, daß der Gegensatz von Mensch und Wolf den Charakter seines Helden erschöpfend wiedergebe. Ginge es um den Gegensatz von Geist und Animalität, so läge eine moralische Lösung des Problems nahe. Faßt man dagegen das Verhältnis zw [ ... ]
Eigenschaf tslosigkeit. Robert Musil
Robert Musil hat in seinem Roman 'Der Mann ohne Eigen= Schäften" die Persönlichkeit ihres Eigenschaftsinventars ent= kleidet. Er hat gezeigt, daß Eigenschaften mit den Zusam= menhängen verwechselt werden, in denen sie jeweils auf= treten und die ihren Kurswert bestimmen. So nennt man tatkräftig eine [ ... ]
Lebenskritik
So finden wir bei Thomas Mann, Hermann Hesse und Robert Musil 'Eigenschaftskritik" in dreierlei Gestalt. Die= ses Verfahren hat der Literatur der zwanziger Jahre den Ruf eingetragen, daß sie zersetzend oder auflösend sei und an die Stelle des Menschenbildes, das sie annulliere, nichts Aufbauendes zu [ ... ]
Zeitkritik
Nicht selten wird in der Literatur dieses Zeitraums der Zer= fall einer ursprünglichen Einheit dargestellt. Im Roman er= scheint sie noch einmal als vergeistigter Zusammenhang, aber die Risse und Ambivalenzen, die Entwertung zu blo= ßem Schein, die Verdünnung der Konvention zu abstraktem Zeremoniell [ ... ]
Gerechtigkeit und Macht
Nicht zufällig nimmt aber auch das Rechtsproblem in der Romanliteratur der zwanziger Jahre einen so breiten Raum ein. So hat Musil am 'Fall Moosbrugger" das Problem der Zurechnungsfähigkeit erörtert und die Inkompetenz der Rechtsprechung festgestellt, ohne daß sich der Ort echter Kompetenz angeben l [ ... ]
Der Individualismus der Linken
Von den Schriftstellern, die ins Exil gingen, wird im großen und ganzen behauptet, daß sie während der zwanziger Jahre für einen linksgerichteten Kurs in der Literatur eintraten. Jedoch — ob wir Erich Kästner, Ernst Glaeser, Joseph Roth, Hermann Kesten oder Erich Maria Remarque nennen: immer gilt [ ... ]
Die erledigte Haftpflicht
Diese Stimmlage hat sich nach dem Krieg nicht wieder= hergestellt. Versuche, die in dieser Richtung unternommen wurden, sind samt und sonders gescheitert. Daran trägt nicht Prüderie die Schuld, auch 'Mauerblümchenpoesie" und 'Spitzwegromantik", von denen in diesem Zusammen= hang gern gesprochen wird [ ... ]
Die Elite: ein Versuch utopischer Realisierung
Der eben berührte Sachverhalt schärft unseren Blick für ein eigenartiges Phänomen, das in der Literatur der zwan= ziger und dreißiger Jahre häufig zu beobachten ist. Es ist der Elite-Gedanke in seinen verschiedenerlei Ausformungen. Dazu muß vorausgeschickt werden, daß es sich jeweils um eine Elite h [ ... ]
Der Outsider: Exponent der Elite
Hier wird der Abenteurer und Außenseiter zum Exponenten der Elite. Ein Blick in die Literatur der ersten Jahrhunderthälfte läßt als repräsentative Figur den 'Outsider" erkennen. Da ist der Mythus um Rimbaud, den in Deutsch» land Stefan Zweig und A. Wolfenstein gefördert haben. Da ist der Mythus um V [ ... ]
Die Elite der 'Morgenlandfahrer
Hermann Hesse feiert in seiner Erzählung 'Die Morgen» landfahrt" den Elitegedanken in einem dichterischen Sym» bol. Romantische Elemente sind unverkennbar. Denken wir an die 'Kronenwächter" von Arnim oder an die 'Sera» pionsbrüder" von E. T. A. Hoff mann! Wichtig sind in un= serem Zusammenhang die U [ ... ]
Die geistige Elite und die Radikalen
Nietzsche hatte in seinem 'Zarathustra" dem Einzelgänger eine mehr als poetische Legitimation erteilt. Die Umwer» tung aller Werte entsprang einer Neuwertung der Persön= lichkeit. Es gibt zu denken, daß Hesse, als er im Jahre 1919 sein Wort an die deutsche Jugend richtete, im Namen Zarathustras spra [ ... ]
Die Utopie des Einzelgängers
Es ist das Dilemma zwischen Einzelgänger und Kollektiv, deren Wege sich an der Utopie scheiden. Die Utopie des Einzelgängers entspringt dem Glauben an die Selbster= mächtigung des Geistes. Von Plato über Thomas Morus bis zum Gesellschaftsvertrag von Rousseau wird dem Geist als autonomem Gesetzgeber [ ... ]
'Die Schlafwandler von Hermann Broch
In dem dreibändigen Romanwerk von Hermann Broch 'Die Schlafwandler" wird der Weg von der Romantik über die Anarchie zur modernen Sachlichkeit dargestellt. Die Handlung endet mit dem Jahr 1918, in dem der Wertzerfall offen zu Tage tritt. Die Helden der Trilogie: Pasenow, Esch und Huguenau stehen für [ ... ]
Kompensationen im politischen Roman
Im Werk von Heinrich Mann ist trotz sozialkritischer Note der Hunger nach Größe, Schönheit und echter Leidenschaft nicht zu verkennen. Ein Renaissancemensch bricht hier den Stab über die Zerrform des Bürgers. Das deutsche Kaiser reich wird demaskiert. Der aufstrebende Nationalstaat, des= sen beschle [ ... ]
Der utopische Charakter des deutschen Gesellschaftsromans
Mit dem Ausfall der Reichshauptstadt hat der deutsche Ge= sellschaftsroman sein konstruktives Milieu verloren. Aber auch der Berliner Inflationsroman der zwanziger Jahre be= ruhte auf einer Fiktion. Deshalb trägt die gesellschaftliche Comedie humaine bei uns unfehlbar utopische Merkmale. So zutreffe [ ... ]
Utopische Wertfunktionen
Umschichtungen innerhalb einer Gesellschaft lassen neue Kräfte in den Vordergrund treten, denen Wertfunktionen übertragen werden. Das Jugendproblem spielt in der Litera= tur der zwanziger Jahre auch deshalb eine so gewichtige Rolle, weil man die Lösung künftiger Aufgaben nicht mehr von abgewirtschaf [ ... ]
Urbilder als utopische Projektionen
Martin Bubers 'Chassidische Legenden" sind als ein solches Gegenbeispiel aufzufassen. Joseph Roths 'Hiob" ist die Urgestalt des jüdischen Volkes, die in Mendel Singer, dem galizischen Juden, mitten in die Gegenwart tritt. In der 'Kapuzinergruft" wird die skeptische Vorkriegsgeneration mit der ehrwür [ ... ]
Das Dilemma der zwanziger Jahre
Die zunehmende Differenz zwischen rationaler Begriffs= Zergliederung und seelischem Einheitserlebnis ließ sich nur hypothetisch bereinigen. Die Utopie der zwanziger Jahre überwindet in jeweils hypothetischer Form die schier un= überbrückbare Kluft zwischen rationaler Zerlegung und ganzheitlicher Füg [ ... ]
Geschichte als Einheitsschau
Wird äußere Geschichte durch Meditation innerlich wieder= holt, so tritt zweierlei ein. Erstens verwandelt sich das vor= dem blinde Geschehen in Sinnfigur. Zweitens bleibt die so entstehende Sinnfigur auf den Erlebenden als Sinnträger bezogen. So ließe sich aufs kürzeste die religionsgeschicht= lieh [ ... ]
'Joseph und seine Brüder
Aber auch die Josephromane von Thomas Mann stellen sowohl die Entwicklung eines Helden — des symbolischen Namensträgers eines viel weiter reichenden Mythos — als auch die Summa eines bestimmten Kulturkreises dar. Der junge Joseph ist nicht Individualität im modernen Sinne, denn er ist in seiner [ ... ]
'Der Tod des Vergil
Einen ähnlichen Zustand, wie ihn das Pharaonenreich zur Zeit des Zukunftsträumers Joseph darbietet, zeigt in Hermann Brochs Roman 'Der Tod des Vergil" das römische Reich im Augenblick der Zeitwende. Auch hier tritt das Nichtmehr einer abgeschlossenen Kulturstufe in unversöhn= liehen Gegensatz zum No [ ... ]
Geschichte und Totalität
'Das Wunschkind" hat für uns ein anderes Gesicht als für Leser der dreißiger Jahre. Nicht mehr die nationale Wieder» genesung, der preußische Gedanke und die Ãœberwindung der Revolution durch bodenständige Kräfte stehen heute so sehr im Vordergrund als das Generationenproblem, die Muttertragik und d [ ... ]
Poetische Totalität als Gegenbild
Im geschichtlichen Roman dieses Zeitraums ist bereits die Krise angelegt, die nach dem Zweiten Weltkrieg zum Aus» bruch kommt. Wir sahen, daß weder bei Werner Bergen* gruen noch bei den drei letztgenannten Dichterinnen der geschichtliche Bildungskosmos des ig. Jahrhunderts mit dem religiösen Bekennt [ ... ]
Hans Carossa
Die gegenbildliche Ordnung, die als Geschichte, Religion und Bildung beschworen wird, ist in der unauflöslichen Ein= heit ihrer Elemente vorwiegend poetische Ordnung. Das gilt auch für einen Dichter wie Hans Carossa, dessen An= liegen zu leicht genommen wird, wenn man ihn schlecht» weg als Nachfahre [ ... ]
Ergebnisse
Wer sich in die Literatur dieses Zeitraums ernstlich ver= senkt, macht die Erfahrung, daß ihn die hergebrachten Be= griffe alsbald im Stiche lassen. Romantik, Expressionismus, Sachlichkeit usw. sind gleich untauglich, die Phänomene wirklich aufzuschließen. Es scheinen sich nur zwei Wege anzubieten: [ ... ]



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