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Geschwisterliebe



Mit auffallender Häufigkeit stoßen wir im Zeitraum der zwanziger Jahre auf das Thema 'Geschwisterliebe". Zweier* lei ist an den Gestaltungen, die es gefunden hat, bemerkens= wert: einmal der Gedanke, daß hier die Wiederherstellung einer ursprünglichen Einheit von zwei Menschen als Aben= teuer gewagt wird. Zum anderen: daß sie als Ausnahme den Strahl des Schicksals auf sich herabziehen. Bruder und Schwester finden sich in dem Gefühl, daß sie zwei Pole eines Ganzen sind, oder daß sie aus edlerem Stoff als alle übrigen Menschen gemacht sind und außer dem geliebten Du ihresgleichen nicht finden. In der Geschwisterliebe findet der Narziß sein Du, aber Liebe ist zugleich Schicksal. Sie nimmt sich von jeder Ord= nung aus und findet ihre Bestätigung allein im Du. Zwar stellt die Verschmelzung von Ich und Du die ursprüngliche Ordnung wieder her, aber nur in tragischer Gestalt. Kaum ein Thema ist so geeignet, die Problematik der zwanziger Jahre zu entschlüsseln wie das Thema Geschwi= sterliebe. Am populärsten dargestellt hat es Frank Thieß in seinem Roman 'Die Verdammten". Hier wird denn auch auf den Mythos angespielt, den Aristophanes im 'Gast* mahl" des Plato erzählt: den Mythos von jenen Kugelmen» sehen, die zerschnitten wurden, so daß sich die getrennten Hälften ewig suchen müssen.
      Der mythische Grundzug ist bedeutsam. Die ehemalige Totalität der Welt soll sich in zwei Menschen noch einmal bezeugen, aber die Vereinigung der beiden heißt Schicksal und Tod. Die Liebe der Milchgeschwister Christoph und Delphine in dem Roman 'Das Wunschkind" von Ina Seidel hat das Märchen von Jorinde und Joringel zur Folie. Bruder und Schwester lieben einander schicksalhaft in ihrem Roman 'Der Weg ohne Wahl", und die Geschwister Tarda und Gregor in der Erzählung 'Unser Freund Peregrin" stehen auf dem Goldgrund der Legende von der Welteinheit. Aber auch zwischen dem Roman 'Bruder und Schwester" von Leonhard Frank und seiner bekanntesten Erzählung 'Karl und Anna" besteht engste thematische Verwandt» schaft. Nicht die Konvention entscheidet — sie wird vielmehr brüsk zur Seite geschoben — sondern die Bestimmung. Und Schicksalsbestimmung zieht sich für den Dichter der Zeit wie in einer Spitze im Eros zusammen.
      Auch hier wieder das dialektische Verhältnis zwischen per= sönlichem Gefühl, das allein verbindlich ist, und Konven= tion, die sich feindlich widersetzt.
      In 'Lord Byron" von Kasimir Edschmid wird das Thema auf die Dialektik von Genie und Gesellschaft zugespitzt. Am tiefsten jedoch hat Robert Musil in seinem Roman 'Der Mann ohne Eigenschaften" in das Problem hineingeleuchtet. Hier finden wir denn auch den Schlüssel, der uns die häu= fige Behandlung des Themas zu deuten erlaubt. Musil sagt in Notizen zu seinem Roman, daß die im Grunde autistische Veranlagung seines Helden keine andere Art von Liebe zulasse als die zu seiner Schwester Agathe. Sie ist seine ein= zige Möglichkeit, zu einem Du zu kommen, die einzige

Kommunikation, die ihm erlaubt ist. Der Abschnitt des Romans, der Ulrich und Agathe gewidmet ist, trägt den Titel: 'Ins Tausendjährige Reich" oder 'Die Verbrecher". Er spiegelt aufs genaueste die doppelte Tendenz, die wir immer wieder hervorheben. Das 'Tausendjährige Reich" ist jene utopische Totalität, die sich nur dem Ich aufschließt, wenn es sein gleichgeartetes Du findet. 'Die Verbrecher" deutet auf das Schicksal hin, das wie ein Blitz die Häupter des schuldig=unschuldigen Paares trifft. Thomas Mann hat in einer frühen Novelle 'Wälsungen= blut" das Thema der Liebe zwischen Siegmund und Sieg= linde frei nach Wagner gestaltet. In dem Roman 'Der Er= wählte" kehrt der tragische Vorwurf in jokoser Form wie= der. Doch sind auch hier die ursprünglichen Elemente zu erkennen. Die Geschwister lieben einander, weil sie keinen finden, der ihrer Liebe so würdig wäre. Die Schuld heckt neue Schuld. Aber das tragische Schicksal wird zur Bürg= schaft der Erwählung.
     

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