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Geschichte als Einheitsschau



Wird äußere Geschichte durch Meditation innerlich wieder= holt, so tritt zweierlei ein. Erstens verwandelt sich das vor= dem blinde Geschehen in Sinnfigur. Zweitens bleibt die so entstehende Sinnfigur auf den Erlebenden als Sinnträger bezogen. So ließe sich aufs kürzeste die religionsgeschicht= liehe Theorie von Leopold Ziegler in seinem 'Gestaltwandel der Götter" charakterisieren. Die Glaubenswelt einer ver= gangenen Epoche erschließt sich bei Ziegler nur dem, der sich in ihren Erlebnismittelpunkt versetzt. Aber der Mittel* punkt wandert, er legt einen geschichtlichen Weg zurück. Und entsprechend dem Erlebniswandel vollzieht sich der Gestaltwandel der ihn umgebenden Glaubenssphäre.

      * Doch sei auf die baltische Abkunft beider verwiesen.

     
Oder ein anderes Beispiel: Ziegler läßt die antiken Bau» figuren aus dem Kreis hervorgehen. Der einheitlich ge= schlossene Kreis — Symbol der Weltsphäre, in deren An= blick sich der Demiurg versenkt — wird ausgeschnitten und auf Richtungen festgelegt. Aber jede der ausgeschnittenen Figuren und Formen weist auf die ursprüngliche Einheit zurück. So entsteht ein Rhythmus zwischen Herausstellen und Hineinnehmen, der dem Stilverhältnis von Klassik und Romantik entspricht. Klassik gestaltet den Raum. Romantik sucht die verlorene Totalität in der Zeit. So charakterisiert auch C. J. Burckhardt in einem Brief an Hofmannsthal aus dem Jahr 1927 die beiden Stile: 'Der klassische Mensch denkt räumlich, Vergangenes, Gegenwärtiges, Zukünftiges, alles in einem großen, groß gesehenen Raum vorhanden, über dessen Wölbung der menschliche Geist wie eine Sonne in sicherm Kreislauf zieht, die Zeit hat ihre Schrecken ver= loren, eigentlich steht sie still, man lebt in einer klassisch sich ordnenden Ewigkeit; der andere, der romantische Mensch, ist völlig der Zeit ausgeliefert, ihrer Angst, ihrer Wehmut, ihren kranken Zukunftshoffnungen, er stürzt nach vorwärts, er ist immer froh zu verlassen, aufzubrechen, mitgerissen zu sein, er ist zugleich utopisch und interessiert, er erpreßt beständig Gefühl und Anteil, indem er klagt und verspricht und auf der Saite sentimentalen Mitleids herum= spielt. Klassisch, romantisch — Bezeichnungen unpräzisen Inhalts, aber sie lassen sich mit Gehalt erfüllen, sobald man sie auf das menschliche Wesen mehr als auf die mensch= liehen Werke anwendet."
Auf Grund dieser ungemein fruchtbaren Unterscheidung können wir den utopischen Geschichtstraum der zwanziger Jahre, der ängstlich vorwärts stürzt, um die in Stücke ge= gangene Welteinheit wenigstens symbolisch wiederherzu= stellen, als im Grunde romantisch ansprechen. Romantisch ist aber auch der synkretistische Charakter, der in klassi= sehen Epochen fehlt und der Projektion unterschiedlicher An= schauungselemente auf eine symbolische Ebene entspringt. Hesses 'magisches Theater" vereinigt in seinem labyrinthi= sehen Gewölbe magisch=animistische Elemente und harmo= nisch=rationale Gesetzlichkeiten. So wird der Einheitsgedan= ke geschichtlich relativ, da Summa und Entwicklungsge= danke immer nur vorübergehend zur Deckung zu bringen sind.

     
Das führt Max Scheler in seinen späteren Schriften zu der Theorie vom 'werdenden Gott", der sich in verschiedenen Epochen jeweils vollkommen abbildet, ohne doch in seinem Werden innezuhalten. Vergröbert und mit Zügen der Dar= win'schen Zuchtwahltheorie, der Philosophie Nietzsches und der Evolution creatrice von Bergson ausgestattet, finden wir denselben Gedanken in der Schrift 'Askese" des Griechen Niko Kazantzakis, der den Menschen als Retter und Be= freier des verborgenen entwicklungsträchtigen Gottes auf= treten läßt.
      Hermann Broch erblickte in der 'überbürgerlichen Haltung" Goethes den Ansatz zu einer neuen Gesamtanschauung, die hundert Jahre nach seinem Tode ihre dichterische Krönung erfahren sollte. Das polyhistorische Wissen der Gegenwart, die Bekanntschaft mit den Mythen aller Zonen und Epochen, die Entdeckung unwandelbarer Archetypen in der mensch= liehen Seele: all das schien ihm die Gewähr für ein Gesamt= symbol der Menschheit zu bieten, das zu schaffen der Kunst vorbehalten sein sollte.
      Unter ähnlichen Voraussetzungen, die jedoch die Wandel= barkeit und Freiheit des Spiels mit einschlössen, kam es bei Hesse zum Symbol des Glasperlenspiels, in dem sich das 'Pantheon der Menschheitskultur" darstellen sollte.
     

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