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Eigenschaf tslosigkeit. Robert Musil



Robert Musil hat in seinem Roman 'Der Mann ohne Eigen= Schäften" die Persönlichkeit ihres Eigenschaftsinventars ent= kleidet. Er hat gezeigt, daß Eigenschaften mit den Zusam= menhängen verwechselt werden, in denen sie jeweils auf= treten und die ihren Kurswert bestimmen. So nennt man tatkräftig einen Mann, der sein abgebranntes Haus wieder aufbaut, aber nicht den Einbrecher, der einen Geldschrank aufknackt.

      Musil schließt hieraus, daß nur bei stabilen Gesellschafts= Verhältnissen der Einzelne mit seinen Eigenschaf ten überein= stimmt, sofern die Wertmaßstäbe des Standes, dem er angehört, mit seinen eigenen Maßstäben harmonieren. Fällt hingegen der übereinstimmende Wertmesser fort, so werden auch die Eigenschaften vertauschbar. Als Beispiel nennt Musil den Begriff 'Genialität". Er ist nicht ange= stammte Eigenschaft des Künstlers, sondern Maximalwert innerhalb eines Gefüges, das den Künstler am höchsten stellt. Beim Zerfall dieses Gefüges kann der Begriff 'Ge= nialität" die Stelle wechseln und einem Tennisspieler oder Rennpferd als Auszeichung verliehen werden. Die 'Eigenschaftslosigkeit" des Helden von Musil — Gegen= stück zur Relativierung gesellschaftlicher Wertmaßstäbe — findet ihren tätigen Ausdruck im 'Essayismus". Ulrich, der 'Mann ohne Eigenschaften", ist kein Zuschauer seiner selbst wie Harry Haller, kein lerneifriges Medium wie Hans Castorp, sondern eine tatkräftige Natur mit Kampf= instinkten. Den Einwand, daß er ja in Wirklichkeit nichts tut, wehrt Musil mit der Begründung ab, daß nicht die getane Tat, sondern die Tatbereitschaft den Täter ausmache. Wenn Ulrich nichts mehr zu tun findet, so ist daran ein Gesellschaftszustand schuld, bei dem jede Tatmöglichkeit durch eine Gegenmöglichkeit aufgehoben wird. Musils Roman spielt im Jahr 1914. Der Zustand der Donau= monarchie, die auf eigene Initiative verzichten und zwischen entgegengesetzten Strömungen und Tendenzen lavieren muß â€” zwischen dem Nationalismus der Kleinvölker und dem Wirtschaftsimperialismus des deutschen Reiches — ent= spricht dem Zustand Ulrichs. Es fehlt nicht an Tatbereit» schaft, aber die Karten sind verteilt. Die 'Parallelaktion", die als eine österreichische Kundgebung geplant ist, bringt den Charakter von Unwirklichkeit zum Vorschein, dem sich die moderne Gesellschaft zubewegt. Österreich und der Mann ohne Eigenschaften befinden sich auf dem Wege zur Utopie. So wie die staatliche Gesellschaftsordung wesenlos wird, da sie nur noch heterogenen Tendenzen ein Stelldich= ein bietet, ohne aus sich selbst heraus etwas zu sein, ebenso wird das Ich, je mehr die Wissenschaft seine Elemente, Aufbauformen und Entwicklungsstadien kennenlernt, zum imaginären Treffpunkt von Gesetzmäßigkeiten. Und da Gesetzmäßigkeiten unpersönlich sind, fällt der Charakter des Persönlichen mehr und mehr aus.
      Wir stoßen hier auf dasselbe Problem wie in 'Zauberberg" und 'Steppenwolf". Auch dort lösten sich ja die Eigen* Schäften vom Romanhelden ab und bedeuteten in verschie= denen Zusammenhängen Verschiedenes. Vor dem Röntgen* schirm lernte Hans Castorp sich selber in abstracto kennen, aber dieses abstrakte Bild seiner selbst war — obwohl das intimste, zugleich das unpersönlichste.
      Harry Haller erblickt sich mit doppelter Selbstentfremdung sowohl in Tiergestalt wie als Geistwesen. Er selber jedoch ist nur das Medium, das die Extreme in die Erscheinung zwingt. Das 'magische Theater" entfächert in seinen laby= rinthischen Gängen alle Rollen, die er spielen könnte. Doch sind es immer nur Scheinrollen, weil sie nur durch den Ein= satz des persönlichen Ich Wirklichkeit werden könnten.
     

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