Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Die deutsche literatur

Index
» Die deutsche literatur
» WANDLUNGEN DES ROMANS
» 'Die Schlafwandler von Hermann Broch

'Die Schlafwandler von Hermann Broch



In dem dreibändigen Romanwerk von Hermann Broch 'Die Schlafwandler" wird der Weg von der Romantik über die Anarchie zur modernen Sachlichkeit dargestellt. Die Handlung endet mit dem Jahr 1918, in dem der Wertzerfall offen zu Tage tritt.

      Die Helden der Trilogie: Pasenow, Esch und Huguenau stehen für die Phasen eines Prozesses, der mit der totalen Liquidierung endet.
      In 'Pasenow oder die Romantik" wird ein gesellschaftliches Gefüge präsentiert, das an innerer Auszehrung leidet. Die patriarchalische Herrschaftsform des Feudalismus samt ihren Wertvorstellungen gerät in immer schärferen Kon« trast zu den realen Verhältnissen und nimmt gespenstische marionettenhaf te Züge an. Unter 'Romantik" versteht Broch das Festhalten an einem Wertgefüge, das sich nur noch in der Abstraktion zu halten vermag und das der Realität, über die es die Herrschaft verloren hat, als Idol gegenüber» tritt. Konvention und Zeremoniell, die längst um ihren Sinn gekommen sind, versteifen sich immer mehr zu mechani= sehen Prinzipien, je gründlicher sich das gesellschaftliche Substrat verändert.
      In Preußen spielt sich — nach Broch — der Vorgang anders ab als in Österreich, wo ein epikuräisches Bürgertum die längst überfällig gewordene Lebensordnung in ästhetisch scheinhafter Form genießt.
      Was folgt nun aus dieser Konservierung eines Wertge« füges, das mit den realen Verhältnissen nicht mehr über«einstimmt, für die Kultur? Entweder: sie verkapselt sich als eigenes Wertgebiet, oder sie nimmt an den aktivistischen Tendenzen der Epoche teil. Aktualismus und Ästhetizismus treten in scharfen Gegensatz. Der Ausfall einer verbind* liehen Wertordnung macht sich in der Vereinseitigung der Tendenzen geltend. Ästhetischer Schein enträt ebenso der Aktualität, wie bloße Aktualität der ästhetischen Gestalt enträt.
      Die zweite Stufe ist die Anarchie. Mit dem Begriff Anarchie will Broch ebenso einen Gesamtzustand der Gesellschaft treffen wie mit dem Begriff 'Romantik". Auf Symptome der Anarchie haben wir anläßlich der Betrachtung von 'Zau= berberg", 'Steppenwolf" und 'Mann ohne Eigenschaften" bereits des öfteren hingewiesen. Die Anarchie hat eine posi= tive Kehrseite. Sie entzieht einem überlebten Wertgefüge endgültig den Kredit und wird innerhalb einer 'unbeherrsch« ten" Wirklichkeit zum Träger von Spannungen, die bislang unter der Oberfläche verborgen waren. Ohne die Anarchie — worunter Broch im wesentlichen die Aufhebung eines bis dahin geltenden Wertbildes versteht — hätte die Psy« choanalyse, hätte die Mythenforschung die Entwicklung schwerlich so tiefgreifend beeinflußt. Diese Tendenzen bra= chen innerhalb der Neuromantik auf, die im Bereich des Seelischen nach Bürgschaften fahndete, um die sie sich durch den Rationalismus gebracht sah. Kehrseite der Anar= chie ist mithin das Trachten nach echter Verbindlichkeit, nach der Aussöhnung von Ratio und Seele, nach einer Kommunikation von Wirklichkeit und Traum. Im Zweiten Band der Schlafwandlertrilogie dämmert hinter der objektiven Wirklichkeit die urbildliche Folie auf. Esch, der in einem Wirtshaus als Stammgast verkehrt, gerät in den Bann der Patronin hinter der Theke, die ihm Mutter und Geliebte zugleich ist. Die anarchische Gleich« gültigkeit seiner Existenz tritt vor den Hintergrund einer Gefühlsurwelt von strenger nahezu archaischer Bindung. Denselben zwiespältigen Wirklichkeitscharakter finden wir bei Thomas Mann, Hesse und Musil. Auch im 'Zauber« berg" herrscht, von außen betrachtet, eine kaum bemäntelte Anarchie. Doch stellt sie sich vor mythischem Hintergrund dar. Totenrichter, Venusberg, Dionysisches in der Figur des Mynheer Peeperkorn heben die Realität des Vordergrundes auf. Die Seelenführerin im 'Steppenwolf" ist hermaphrodi« tisch gebildet. Auch hier wird das Maskenfest zum Toten* tanz. Der 'Essayismus" des 'Mannes ohne Eigenschaften" ist eine Entdeckungsfahrt ins Reich der unbekannten Seele, ist der Erforschung jenes 'anderen Zustandes" gewidmet, dessen Merkmal nicht die Zergliederung, sondern die Ein* heit ist.
      Aber die Anarchie ist nur ein Ãœbergangszustand. Sie be= zeichnet den Gipfelpunkt der Krise, wo eine Aussöhnung zwischen Ratio und Seele noch möglich oder zumindest ge= boten erscheint. Auf Romantik und Anarchie folgt die 'Sachlichkeit". Sie ist dadurch gekennzeichnet, daß sich spezialisierte Wertgebiete gegeneinander absondern. Kom= munikation findet nicht mehr statt. Trieb und Seele, Idee und Interesse, Technisierung und Individualisierung laufen nebeneinander her und befolgen ihren jeweiligen Standard. Die Anarchie bot noch die Chance eines Ausgleichs, die Sachlichkeit nicht mehr. Unter Sachlichkeit versteht Broch das Nebeneinander autonomer Wertgebiete, die in keiner übergreifenden Idee mehr gebunden sind. Musil hat die Stadien, die das Wertbewußtsein bis zum Weltkrieg durchläuft, ganz ähnlich charakterisiert wie Her* mann Broch. Er spricht von einem 'Ideenfond", der sich bis zum Jahr 1900 zunehmend erschöpft habe. Diese Phase nennt Broch die 'romantische". Er spricht von dem ge= scheiterten Versuch einer Aussöhnung zwischen Ratio und Seele. Diese anarchische Phase in ihrer rational=mythischen Doppelwertigkeit hat mit dem Ersten Weltkrieg praktisch ihr Ende erreicht. Sie spiegelt sich im Roman der zwanziger Jahre. 'Zauberberg" und 'Der Mann ohne Eigenschaften" sind retrospektive Utopien, die bis zum Jahr 1914 reichen. Sie zeigen Möglichkeiten auf, die noch vorhanden waren, aber nicht realisiert werden konnten. Im 'Steppenwolf" ist die Utopie bereits das Innenpanorama einer Person* lichkeit, die den Bezug zur Außenwelt abgebrochen hat. 'Nur für Verrückte" steht über der Schwelle des 'magi* sehen Theaters". Hier werden nicht so sehr Möglichkeiten gezeigt, als kommende Gefahren warnend angekündigt.
     

 Tags:
'Die  Schlafwandler  Hermann  Broch    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com