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Die Krisenfrage



Seit dem Krieg spricht man immer häufiger von einer Krise des Romans. Optimistische Kritiker behaupten, daß er auf dem Wege sei, eine neue Form zu finden, pessimistische Kritiker, daß er im Begriffe sei zu verschwinden. Über kurz oder lang werde er der zeitgemäßen Reportage, dem Tat= sachenroman oder Dokumentarbericht weichen müssen. Man verweist in diesem Zusammenhang auf die abneh= mende Bedeutung der Lektüre als Bildungsfaktor, auf die Verwandlung des ehemaligen Lesers in einen Fernhörer oder Fernseher, schließlich - was Deutschland angeht - auf das Fehlen einer literarischen Zentrale, wie sie in den zwan= ziger Jahren Berlin darstellte.
      Mag es mit dem aktuellen Befund in vielen Punkten stim= men, so ist es doch äußerst gefährlich, Prognosen aufzu= stellen, die aus einem jeweils aktuellen Moment abgeleitet sind. Wären derartige Momente für das Schicksal einer lite= rarischen Gattung ausschlaggebend, so hätte es gewiß schon früher nicht an Stichworten gefehlt, die den Roman zum Abtreten von der Bühne der Literatur hätten bewegen müssen.
      Argumente wider die fernere Existenz des Romans, die aus der Überbesetzung des modernen Menschen mit irgend= welchem Komfort abgeleitet sind, entbehren schon darum der Stichhaltigkeit, weil sie dem Komfort - sei es auch mit einem fatalistischen Achselzucken - Notwendigkeit zuge= stehen, während sie die geistigen Interessen unter den be= liebigen Luxus fallen lassen. Verfolgt man diesen Gedan= ken bis in die letzte Konsequenz, so ist die Verdrängung des Bücherschranks durch den Eisschrank unausweichlich, da der Eisschrank die soliden und allein wirksamen In= teressen auf seiner Seite hat.
      Nun sind aber geistige oder künstlerische Interessen nicht einfach der Rest, der nach Abzug aller sonstigen Interessen - wie Autofahren, Kino, Toto usw. - übrig bleibt. Geistige Interessen sind nicht der Rest aus einer Subtraktion, son= dem das Produkt einer Selektion. Diese einfache Besinnung führt uns darauf, daß mit der Abschaffung aller zeitraubenden Beschäftigungen des modernen Menschen für die Zukunft des Romans wenig getan wäre. Der Schrift» steller so wenig wie der Leser erübrigen das Interesse an ihrer Lieblingsbeschäftigung - nämlich Schreiben und Le= sen - nach Subtraktion anderer gleichwertiger Beschäfti= gungen, sondern der Schriftsteller ist Schriftsteller, auch wenn er außerdem den Beruf des Arztes oder Lehrers aus» füllt, und der Leser ist Leser, auch wenn er an einer Ge» sellschaftsfahrt nach Spanien teilnimmt. So wie für den Schriftsteller das Schreiben, auf das sich alle seine übrigen Tätigkeiten beziehen, obenan steht, so steht für den Leser das Lesen obenan, und nichts wird ihn daran hindern, ein Buch in ungewohnter Umgebung sozusagen im Reinzu* stand aufzunehmen.
      Daß die Romanlektüre nicht mehr so geschätzt ist, liegt weder am Schriftsteller noch am Leser, sondern an der Gat» tung selber, die eine tiefgreifende Wandlung durchgemacht hat. Wenn wir auch an dieser Stelle von einer ausführlichen Ästhetik des Romans absehen müssen, so können wir doch zwei Momente hervorheben, die am Roman von jeher auf» gefallen sind. Wir stellen fest, daß er eine eigenartige Mi» schung von gemeinschaftlicher Verbindlichkeit - die dem Geist einer Zeit, der Konvention oder der Mode Rechnung trägt -, und individueller Verbindlichkeit der dichterischen Phantasie darstellt.
     

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