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Die geistige Elite und die Radikalen



Nietzsche hatte in seinem 'Zarathustra" dem Einzelgänger eine mehr als poetische Legitimation erteilt. Die Umwer» tung aller Werte entsprang einer Neuwertung der Persön= lichkeit. Es gibt zu denken, daß Hesse, als er im Jahre 1919 sein Wort an die deutsche Jugend richtete, im Namen Zarathustras sprach, und daß die Generation junger Front» kämpfer, die aus dem Felde heimkehrte, sich ebenfalls auf den 'amor fati" Nietzsches berief.
      Der Unterschied zwischen der Haltung Hesses und der Haltung etwa des damaligen Ernst Jünger bestand zur Hauptsache darin, daß die junge Generation Zarathustras Verheißung eines neuen Menschen auf eine Situation bezog, die sich aus einer de facto vollzogenen Umschichtung aller Werte ergab, während Hesse die Erfüllung der Verheißung von der moralischen Leistung des Einzelnen, von seiner Selbst» und Schicksalsbejahung abhängig machte. Zwischen den Radikalen, die auf den Umsturz der Gesell» schaft hinarbeiteten, und dem Einzelgänger bestand begreif» licherweise größere Sympathie als zwischen jedem der bei» den und einem zaudernden Bürgertum, das sich aus jeder Richtung gebracht sah und in die Restauration flüchtete. Wo Entschlossenheit zur Tat herrschte, glaubte der Einzel» ganger zumindest den Instinkt für 'Schicksalsreife" zu spü» ren. So ist das oft mißverständliche Einvernehmen zwischen Einzelgängern und Radikalen im Zeitraum der zwanziger Jahre zu erklären. Rollands Bekenntnis zum Kommunismus, Andre Gides Reise in die UdSSR, Leonhard Franks einzel» gängerischer Sozialismus, Döblins Schritt vom Marxismus zur Mystik, Joseph Roths Ãœbertritt vom revolutionären Moralismus zum legitimistischen Bekenntnis sind aus dieser Situation zu verstehen.
      Noch heute wird ein — nicht selten fiktives — 'Bürgertum" bemüht, an dem Einzelgänger und Radikale sich abreagie» ren. Gerade unter den jüngeren sozialistischen Schriftstel» lern herrscht die Gepflogenheit, eine Gesellschaftskulisse aufzubauen, deren satirische Verhöhnung ein mittelbares Bekenntnis zum Radikalismus gestattet. So die Bonner Kulisse bei Günter Weisenborn und Wolfgang Koeppen. Diese Kulisse ist für die Konstruktion radikaler Bekennt» nisse so unerläßlich wie Gott für die Deisten.

     

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