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Der Outsider: Exponent der Elite



Hier wird der Abenteurer und Außenseiter zum Exponenten der Elite. Ein Blick in die Literatur der ersten Jahrhunderthälfte läßt als repräsentative Figur den 'Outsider" erkennen. Da ist der Mythus um Rimbaud, den in Deutsch» land Stefan Zweig und A. Wolfenstein gefördert haben. Da ist der Mythus um Van Gogh und um Dostojewskij in den Büchern von Julius Meier=Gräfe. Da sind die Außenseiter Romain Rolland und Hermann Hesse, die gegen den Krieg protestieren. Da ist der Einzelgänger T. E. Lawrence, von dessen 'Aufstand in der Wüste" Hofmannsthal begeistert ist, während C. J. Burckhardt Bedenken äußert. Der Außen» seiter Andre Gide wagt das Abenteuer eines Individualis» mus, der vor keinem Widerspruch zurückscheut. Claudel, kein geringerer Außenseiter, wagt das Abenteuer des Glau» bens. Die Frontkämpfergeneration bringt in Deutschland den abenteuernden Einzelgänger Ernst Jünger hervor, in Frankreich Andre Malraux.

      Auffallend ist, daß dem Einzelgänger fast immer eine Mis= sion oder eine Heilbotschaft zugeschrieben wird. Das allein erklärt die mythenbildende Kraft, die sich an Gestalten wie Rimbaud, Van Gogh, E. T. Lawrence usw. entzündet hat. Daß nicht selten ein Mythos dem anderen widerspricht, daß derselbe Einzelgänger von radikal entgegengesetzten Parteien reklamiert wird, ist nicht weiter verwunderlich. Da er unter keiner bestimmten Flagge segelt, wird er zu einem neutralen Niemandsland, an dem sich alle Parteien ihren Anteil sichern. Sein utopischer Kurs rückt für jeden in die Perspektive des eigenen Kurses. So ergeht es auch dem Ein= zelgänger Ulrich im Laufe der 'Parallel» aktion".
      Die Figur des Außenseiters hat in der Literatur unserer Tage nichts von ihrer repräsentativen Funktion eingebüßt. Doch ist sie in dem Maße abstrakt geworden, in dem sich die eindeutigen Bekenntnisse verbraucht haben. Der Außen» seiter von heute frondiert nicht mehr wider die Gesell» schaft, sondern praktiziert ein Außenseitertum an sich. Seine Freiheit, seine Moral, sein Ich verwandeln sich in absolute Größen.
      Außenseiter und Elite bilden im Zeitraum zwischen den bei» den Kriegen eine unzertrennliche Einheit. An der Existenz des Außenseiters wird als revolutionär der Eigenwert einer Haltung empfunden. Die von ihm vorgelebten Tugenden sollen sich dereinst in einer Führerschicht durchsetzen oder die Gesellschaft zu einer gemeinsamen Initiative entflam» men. Die quantitative Mechanik der 'großen Zahlen", aufdie sich die Lenkung der Massen gründet, soll abgelöst werden von der qualitativen Funktion der Auslese. Bei» spielhaftes Handeln von Einzelpersönlichkeiten — Albert Schweitzer oder Gandhi — tritt in Gegensatz zu wahllosem Konformismus. Das Interesse der zwanziger Jahre an der Biographie steht hiermit in Zusammenhang. Es ist heute abgeklungen oder in tiefere Literaturschichten abgesun» ken. Bei Stefan Zweig war es die Aktualität der Persönlich» keit, die geistige Bewegungen auslöst oder der Forschung neue Wege weist, an deren Funke sich der energische Idea» lismus dieses europäischen Humanisten entzündete. Der heutige Leser steht unter dem Eindruck, daß Balzac, Dik= kens und Dostojewskij oder Mesmer und Sigmund Freud von Zweig wohl als Einzelgänger gesehen werden, daß aber ihr Einzelgängertum von dem Kosmos abendländischer Kultur kompensiert wird. Das latente Vorhandensein die» ses Kosmos, der über die Grenzen der Einzelkulturen hin» ausreicht und das Erkenntniswissen der Menschheit um» spannt, verleiht der Gestalt des Einzelgängers ihr bewe» gendes Pathos. Er fällt dem Unverstand seiner Zeit zum Opfer, wird totgeschwiegen oder als Narr und Scharlatan verhöhnt. Dennoch ist er Verkünder einer Idee, Don Qui» jote eines Ideals, dessen Bedeutung von den Nachlebenden erkannt wird. Trotz seiner Vereinsamung reicht er die Fackel weiter, fügt er sich als Glied in eine Kette, die durch Jahr» tausende reicht.

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Der  Outsider:  Exponent  der  Elite    





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