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Der Individualismus der Linken



Von den Schriftstellern, die ins Exil gingen, wird im großen und ganzen behauptet, daß sie während der zwanziger Jahre für einen linksgerichteten Kurs in der Literatur eintraten. Jedoch — ob wir Erich Kästner, Ernst Glaeser, Joseph Roth, Hermann Kesten oder Erich Maria Remarque nennen: immer gilt die Einschränkung, daß sie nicht Ideologen, sondern Individualisten waren. Der Moralist 'Fabian" von Kästner wirkt im Vergleich mit den Moralisten unserer Nachkriegs» literatur romantisch.
      Ein markanter Fall ist Leonhard Frank, der nicht aus der Arbeiterschaft, sondern aus dem Handwerk kommt und der mit dem Pseudonym Michael Vierkant sein Wesen treffend bezeichnet hat. Franken, die deutsche Kernlandschaft, deren Charakter nichts Werbendes hat wie das Rheinland, die vielmehr ihre weicheren Seitqn hinter knorriger Substanz versteckt, die auf eine anonyme, aber umso intensivere Weise deutsch ist — wovon Jean Paul und Ernst Penzoldt überzeugen können — Mainfranken ist die Heimat dieses eigenwilligen Individualisten, der in München Maler wer» den wollte, einen Roman über seine Jugend in Würzburg schrieb und in den zwanziger Jahren mit ein paar großen Schritten in die Vorhut der Literatur eintrat. Der heutige Leser schätzt an seinen Büchern nicht so sehr den neuartigen Ton als den sparsamen künstlerischen Griff. Die Erfindung wird von einem praktischen Sinnfür das Notwendige in Zucht gehalten; der Stil umschreibt nicht, er gibt! Frank stellt der Literatur der zwanziger Jahre die Gestalt eines Pioniers aus dem Volk. 'Das Ochsenfurter Männerquartett" und die Novelle 'Karl und Anna" sind seine reifsten Bücher, während 'Bruder und Schwester", zwar künstlerisch vollkommen, einen Stich ins Artistische hat.
      Wenn Frank als ein Schriftsteller der Linken bezeichnet wird, so gilt dies mit der Einschränkung, daß sein politisches Bekenntnis eine individualistische Dimension hat, die in romantische Richtung weist. 'Karl und Anna" gründet sich so ausschließlich auf die felsenfeste Sicherheit des Gefühls wie Kleists 'Marquise von O." Und wie durchgehend dieser Zug bei Frank ist, wie seinem rationalen Bekenntnis immer ein irrationaler Schicksalsglaube die Waage hält, davon können seine Lebenserinnerungen überzeugen, die nach dem Krieg unter dem Titel 'Links wo das Herz ist" erschie= nen sind.
      Alfred Neumann, dessen geschichtlicher Roman 'Der Teu= fei" am weitesten bekannt geworden ist, analysierte die Psychologie der Macht. Und zwar nicht nur der Macht, wenn sie den Gipfel erklommen hat, sondern ihrer kon= spiratorischen Vorstadien. 'Der Held" gab die Psychologie des politischen Attentats - ein Problem, das nach der Er= mordung Rathenaus in der Luft lag. Auch der Rebellenfüh= rer in seinem Roman 'Guerra" wird aus dem Hinterhalt erschossen. Es sind bei Neumann immer zwei Ebenen, auf die er seine Handlungen situiert. Die vordergründige Schrift der Tatsachen verdeckt die eigentlichen Züge, die in Schatten geschrieben sind. So ist im 'Teufel" der Barbier von Gent als schattenhafter Ratgeber des Königs der eigentliche Pa= triot, der Ludwig XI. von Frankreich zu einer guten Figur vor der Geschichte verhilft und dem abstrakten Genuß der Macht Freundschaft und Lebensglück opfert. Neumanns 'Tragödie des 19. Jahrhunderts" ist in Deutsch» land nicht mehr bekannt geworden. Auch sein Roman der Geschwister Scholl 'Es waren ihrer sechs" blieb ohne grö= ßere Wirkung.
      Während bei Neumann das Marionettenspiel der Geschichte von einem irrationalen Prinzip in Gang gesetzt wird, dessen verworrenen und berechnend verknüpften Fäden seine Ro= mane nachtasten, steht für Hans Henny Jahnn die Welt auf dem Kopf, weil sie das Nächste zum Fernsten macht. Das Nächste sind für Jahnn: leibliche, animalische, triebhafte Impulse, an die sich unser Seelisches bindet, während alles, was darüber ist, auf Unterdrückung, Reglementierung und Verdrängung der Triebsphäre ausgeht. In Jahnns Romanen und Bühnenstücken erklingt dasselbe Hohnlachen des Gei= stes auf seinen dunklen tierischen Bruder, dessen Rechte er mißachtet, wie in Hesses 'Steppenwolf". Aber während bei Hesse die Sphäre kreist und ihr Umschwung bald die dunkle bald die bestrahlte Hälfte zeigt, entfaltet Jahnn aus der dunklen Hemisphäre ein totales Weltbild. Die Trilogie 'Das Holzschiff", 'Die Niederschrift des Gustav Anias Hörn" und 'Epilog", die unter dem Gesamttitel 'Fluß ohne Ufer" nach dem letzten Krieg erschien, ist eine teils ergreifende teils schaurige Odyssee des Fleisches, die sich — wundersam genug — mit absoluter Musik verbin= det. Hier klaffen absolute Harmonie und absoluter Trieb am weitesten auseinander.
      Daß Trieb und Ideologie, Untersphäre und Obersphäre in ständigem Kontakt sind, daß Ideengebäude in der Lust= befriedigung ihren letzten Grund haben können, und daß der Geist nie ohne das Tier ist: diese Anschauung zeugt auf andere Weise von dem Trachten nach Totalität, das wir in den zwanziger Jahren mannigfach ausgeprägt finden. Ernst Glaeser schildert in 'Jahrgang 1902" das chaotische Schwan= ken seiner Generation zwischen den verschiedensten Wunsch= und Triebzielen. Wer sich von der halb bewußt halb unbewußt durchgorenen Anschauungsmystik jener Jahre, in der Freuds Psychoanalyse mystifiziert, die Män= nerbünde entdeckt und archaische Gemeinschaftsformen erotisch aufgewertet wurden, eine Vorstellung bilden will, der lese Hans Blühers Erinnerungen 'Werke und Tage" und lasse sich von ihm in die Katakomben des Eros ein= führen.
      Wir könnten die Beispiele häufen. Remarque's 'Im Westen nichts Neues" war bei aller Kraßheit ein empfindsames Buch, was der zwar weniger gelesene, aber künstlerisch wertvollere Fortsetzungsband 'Der Weg zurück" erst recht erkennen ließ.
      Immer wird mit rationaler Technik Irrationales beschwor ren. Auch in Satire und Polemik der Zeit spiegelt sich das Bestreben, Ideologien auf seelische Abnormitäten zurück zuführen. In Hermann Kestens Roman 'Ein ausschweifender Mensch" ist der Aristokrat homosexuell; in Joseph Roths 'Rechts und Links" handelt der Völkische aus Min= derwertigkeitskomplexen. Dieses Ineinander von Zeiter= scheinungen, die getroffen werden sollen, und Intimitäten, die visiert werden, verleiht der Polemik eine Schärfe, der es auch nicht an Gehässigkeit fehlt. Sie hat zur Vergiftung des Klimas am meisten beigetragen.
     

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