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Döblin: 'Berlin Alexanderplatz



Wie liegt der Fall bei Alfred Döblins faszinierendem Ro= man 'Berlin Alexanderplatz", den wir seines instruktiven Aufbaus wegen als Muster nehmen? Man hat ihn immer wieder mit den Montage=Romanen von Dos Passos ver» glichen, ohne die ungleich interessantere Frage zu stellen, was denn Döblin zum Montageverfahren zwingt. Geht es hier um eine bloße Technik, die ihrer Neuartigkeit wegen ausprobiert wird, oder hat diese Technik notwendige Ur= Sachen? Im Sinne unserer bisherigen Darlegung ist darauf zu antworten, daß sich bei Döblin die Umwelt gegen den einzelnen kehrt und als dessen Todfeind auftritt. So liegt alle Verbindlichkeit wieder im Lebenskampf des einzelnen, der sich wie der Urmensch inmitten eines Dschungels be» haupten muß. Was Döblin darstellt, ist der Kampf zwischen der Großstadt und dem Transportarbeiter Franz Biberkopf. Und zwar stellt Döblin diesen Kampf so dar, daß aus der konventionellen Folie von ehemals — der Stadt Berlin — ein vielarmiges Ungeheuer, ein Gigant wird. Nur ist der Gigant kein mythisches Fabelwesen, wodurch er ja wieder» um in den Bann einer — wenn auch poetischen — Konven» tion geriete, sondern etwas ganz und gar Neues, dem nur mit einer neuen Darstellungsart beizukommen ist. Der Gi= gant besteht aus Straßen und Straßenbahnen, aus Omni» bussen und Untergrundbahnen, aus Schlachthöfen und menschenverschlingenden Geschäftshäusern, aus Gefängnissen und Kirchen. Zola, der ihn noch mit den Augen des Im» pressionisten sah, hat seine verschiedenartigen Aspekte in Tableaux aufgegliedert. Döblin zwingt ihn zu simultaner Präsenz. Er beschwört ihn mit der hämmernden Monotonie seiner Aufzählungen, er vermittelt die Suggestion flutender Massen, er scheut nicht das Schlagzeug des Immer-wieder. Der Begriff Montage bleibt nichtssagend, wenn man nicht begreift, daß Döblin als Ziel seiner Darstellung zweierlei vorschwebte: das verbindliche Einzelschicksal inmitten einer entfesselten unverbindlich gewordenen Totalität zu zeigen. Diese beiden Tendenzen — auf simultane Totalität und in» dividuelle Verbindlichkeit gerichtet — sind in den Romanen, die sich an den Expressionismus anschließen, bis heute be= stimmend geblieben. Worin sich ihr Verhältnis geändert hat, werden wir in dem Kapitel über die Gegenwartslitera= tur sehen.

      Es kommt bei Döblin etwas weiteres hinzu, was uns be= rechtigt, das Berlin seines Romans einen 'Giganten" zu nennen. Und zwar liegt dies nicht so sehr an der Großstadt selber als an der Verfassung des Helden Franz Biberkopf. Dieser im Grunde brave Kerl gerät dem Moloch dreimal in die Fänge. Kaum aus dem Gefängnis entlassen, heftet sich ihm ein sogenannter 'Freund" an die Fersen, bringt ihn buchstäblich unter die Räder, ermordet sein Mädchen und läßt ihn bis auf die Haut geschunden entkommen. Es ist bezeichnend für die neue Spiegelung von Umwelt und Eigen-weit im Roman, daß die Geschichte von Franz Biberkopf pathologisch ausfällt.
     

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