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Das Dilemma der zwanziger Jahre



Die zunehmende Differenz zwischen rationaler Begriffs= Zergliederung und seelischem Einheitserlebnis ließ sich nur hypothetisch bereinigen. Die Utopie der zwanziger Jahre überwindet in jeweils hypothetischer Form die schier un= überbrückbare Kluft zwischen rationaler Zerlegung und ganzheitlicher Fügung. Mangelerscheinungen der westlichen Zivilisation sollen durch die Seelenkultur des Ostens auf= gewogen werden. Der große Auftrieb, den die Indologie, die Beschäftigung mit chinesischer Philosophie, schließlich das Interesse für den Taoismus gewinnt, ist aus diesem Trach= ten nach Ergänzung zu erklären. Und zwar ging es nicht so sehr darum, die Lehren des Ostens einfach zu übernehmen, als durch die Berührung mit ihnen Reserven der eigenen Kultur — die Mystik, die Romantik — zu reaktivieren. Der östliche Zug ist fast überall in der Literatur des Expressio» nismus festzustellen — bei Döblin, bei Klabund, bei Oskar Loerke. Hermann Kasacks 'Stadt hinter dem Strom" stellt einen letzten Ausläufer dar. Theoretisch hat sich Kasack zu dem gleichen Problem in seinem Aufsatz 'Das Chinesische in der Kunst" geäußert. Auch in der 'Märkischen Argo= nautenfahrt" von Elisabeth Langgässer wird der östliche Einschlag des Expressionismus noch einmal sichtbar. In der Dichtung von Ina Seidel tritt die romantische Gesamt= anschauung des Novalis in eigenartige Berührung mit dem östlichen Seelenwanderungsgedanken. Das 'Reich des Pere= grin", in das sich die Geschwister Gregor und Tania hinein» meditieren, ist Innenanschauung der Welt, deren äußerer Augenschein mit all seiner chaotischen Zerstücktheit durch seelische Schaukraft die ursprüngliche Einheit zurückge= winnt.
      Im 'Glasperlenspiel" deutet Hesse eine bestimmte Spiel= weise der Kastalier in ähnlichem Sinne. Und zwar habe der Spieler nach vollzogener Meditation das Gefühl, eine voll* kommene und symmetrische Welt aus der wirren und zu= fälligen gelöst zu haben.
      Er vergleicht die meditative Sphäre mit einer Kugel, die sich um den Meditierenden als ihren wandernden Mittelpunkt wölbt. Eine wandernde Kugel ist aber auch in der Erzäh= lung Ina Seidels der hereinschwebende Kugelblitz, der den leiblichen Umriß der entrückten Tania wie mit feurigem Stift umzieht. Hier wie dort treten pantheistische und buct dhistische Züge miteinander in Berührung. Allbeseelung ist zugleich Allverflüchtigung. In diesem Pendelschlag zwischen All und Nichts bestätigen sich mystische Erfahrungen. Wenn Hesse den meditativen Stil der Glasperlenspieler 'psychologisch" nennt, so hat er nicht die analytische Zer= gliederung rationaler Psychologie im Auge, sondern die ein= heitstiftende Konzentration seelischer Energie, die aus dem Chaos der Wirklichkeit noch einmal den Kosmos hebt. Die= sen versunkenen Kosmos, der so romantisch wie klassisch, so indisch wie griechisch ist, nennt Ina Seidel in ihrer Erzählung 'Das Reich des Peregrin".
      Aber hier wie dort ist es ein bewegter, ein wandernder Kos= mos. Das heißt: er ruht nicht jenseits der erfahrbaren Wirk= lichkeit abgeschlossen in sich selbst, sondern er nimmt auf seinem Weg die Geschichte in sich hinein und erlöst ihr Chaotisches und Verworrenes zu urbildlicher Figur. Halten wir an dem Bild der wandernden Kugel fest, die ein Erlebnis der Schau als individuellen Mittelpunkt umkreist, so erschließen sich uns in der Dichtung der Zeit weitere Zusammenhänge. Damit soll der Dichtung von Hermann Hesse und Ina Seidel keine paradigmatische Bedeutung zu= geschrieben werden.* Das Motiv, von dem wir ausgehen, hat einfach den pädagogischen Wert, daß es einen nicht ohne weiteres einsichtigen Zusammenhang anschaulich macht.
     

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