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Das 'allegorische Märchen von Thomas Mann



Als der Roman 'Königliche Hoheit" zum Hörspiel gemacht wurde, schrieb Thomas Mann dazu ein rückblickendes Vor= wort. Es heißt darin: 'Die anspielungsreiche Analyse des fürstlichen Daseins als eines formalen, unsachlichen, über= sachlichen, mit einem Worte: artistischen Daseins und die Erlösung der Hoheit durch die Liebe ist, unter der Oberfläche oder hinter dem Vordergrund des 'Hofromans" des Buches Inhalt, und die Geschichte des kleinen einsamen Prinzen, der auf so scherzhafte Art zum Ehemann, Volkswirt und Volksbeglücker gemacht wird, ist nicht sowohl ein realisti= sches Sittenbild aus dem Hofleben zu Anfang des 20. Jahr= hunderts, sondern ein allegorisches Märchen. In ihren Figu= ren und Schicksalen malt sich die Krise des Individualismus, von dem schon meine Generation ergriffen war, die geistige Wendung zum Demokratischen, zur Gemeinsamkeit, zum Anschluß, zum Dienst am Menschen, am Leben, die zum Gebot der Stunde wurde, die Wendung sogar zum Politik sehen, die dem Geistigen erst Jahre später, mit dem Donner= schlage von 1914 voll ins Bewußtsein trat." Nun — diese Deutung des Romans 'Königliche Hoheit" von dem Dichter selber ist gesättigt mit der Erfahrung eines achtzigjährigen Lebens. Wenn wir tiefer in sie hinein» schauen, stellt sich uns, wie durch die vergrößernde Linse eines Panoramas gesehen, das Gesamtwerk Thomas Manns dar. Sehr treffend ist die Bezeichnung 'allegorisches Mär= chen", in ihrem Doppelsinn von Utopie und Mythos. Legte es doch der Dichter späterhin darauf an, den Mythos für die Humanität zu retten und ihn dem Faschismus aus den Händen zu reißen. 'Allegorie" — in dem Sinne, wie Thomas Mann das Wort gebraucht, hat eine sittliche pädagogische Bedeutung. Es meint: Aufhellung dunkler Seelenwinkel, Aufklärung lauernder Komplexe zum Heil des Menschen, der durch das gemeinsame Werk erlöst wird. Und weiter ist hier von der 'artistischen" Existenz des kleinen einsamen Prinzen die Rede, dem Liebe, Volksbeglückung, Erfüllung des Gebots der Stunde zu märchenhaft allegorischer Rettung gedeiht. Passiv leidet unter dieser artistischen Lebensform auch Tonio Kroger, während sie dem aktiven Felix Krull zu einer Quelle der Beglückung wird. Unsachlich, übersach= lieh ist auch der Krankheitszustand Hans Castorps, ja selbst die Schönheit des jungen Joseph; Volksbeglücker aber sind Moses und Joseph der Ernährer.
      Bei Thomas Mann wird das 'Artistische" in all seiner Un= berechenbarkeit verbindlich, indem es seine Einsamkeit durchbricht und sich — märchenhaft im Grunde — an das Ideal der Humanität hingibt.
      Von dem auslösenden Motiv seines Romans 'Der Zauber* berg" sagt Thomas Mann in einem Vortrag über 'Joseph und seine Brüder": 'Die Traumpsychologie kennt die Er= scheinung, daß der äußere Anlaß, der den Traum auslöst, ein fallender Schuß etwa, den der Schläfer hört, in Umkeh= rung der Kausalität begründet wird durch einen langen und komplizierten Traum, der mit dem Schusse — und mit dem Erwachen — endet, während in Wirklichkeit der Chok am Anfang der ganzen Traummotivierung stand. So steht der dichterischen Chronologie nach, der Donnerschlag des Kriegs* ausbruchs von 1914 am Ende des Zauberberg=Romans, in Wahrheit aber hatte er an seinem Anfang gestanden und alle seine Träume hervorgerufen".
     

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