Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Die deutsche literatur

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Woher und Wohin



Hier stoßen zwei hinsichtlich der Dimension konträre Auf= fassungen zusammen: eine traditionalistische, die jede neue Erlebnisform als Rekapitulation einer vergangenen auffaßt, und eine utopische Haltung, die jede frühere Erlebnisform den Umschlag in die Zukunft vollziehen läßt. Zwischen den beiden Haltungen oder Auffassungen tritt in dem Zeitraum, den wir behandeln, eine extreme Zerrung ein. Es wäre müßig, die traditionellen Elemente in der Lyrik von Gottfried Benn zu leugnen, auch oder gerade wenn sie sich zur Tradition in Kontrast setzen. Wir beobachten viel= mehr, daß seine Dichtung im höchsten Grade von der Li= teratur geprägt ist. Wenn er im Vorwort zu der von ihm besorgten Anthologie expressionistischer Lyrik seine Ver= legenheit gesteht, das Phänomen des Expressionismus zu= reichend definieren zu können, so ist der Hauptgrund dafür, daß es schlechterdings unmöglich ist, eine Bewegung, die das Gesamtmaterial der Literatur auf eine neue Gesetz= lichkeit hinordnet, auf irgendwelche Konstanten festzu= legen. Expressionistisch ist das Moment des Ãœbergangs oder Umschlags, das sich allenfalls in Spannungsgraden ausdrücken läßt. Expressionistisch ist Goethes Gedicht 'An Schwager Kronos", das den antiken Mythos in die Erlebnisdynamik einer Fahrt in rasselnder Postkutsche hin= einreißt und die Intensität des Umschmelzungsprozesses in der Verflüssigung der Sprachfügung und im geballten Aus= druck verrät.
      Der Unterschied zwischen Rilke und Benn ist nicht einmal so groß, wenn wir in Betracht ziehen, daß Rilke jedem Ding ein erfühlbares Binnenwesen zusprach und es von innen her transformierte, während es Benn als Ausdruckszeichen in ein unabgestecktes Feld versetzte.
      Das transzendente Innen — eines Gefühls, das keiner Er= widerung bedarf, eines Dings, das bei sich ist —, das Rilke zum Weltinnenraum erweiterte und allegorisch aus= schmückte, entspricht mutatis mutandis dem hypothetischen Jenseits Benns, das Konstellationen in reiner Form darzu= stellen erlaubt. In beiden Fällen wird — eindrücklich und ausdrücklich — ein anderer Zustand angezielt, den allein die Sprache, da sie der Ãœbersetzung mächtig ist, zu be= zeichnen vermag.

     
Benn gerät in das Dilemma jener doppelten Skepsis, die sich bei Nietzsche in dem 'Nur Narr, nur Dichter" einer= seits und dem Zweifel an jeder Wahrheit anderseits aus= sprach. Aus diesem doppelten Zwiespalt befreit nur die Ekstatik, das Außersichsein, der Rausch der Vernichtung, dem das Gedicht als abgelöstes Gebilde entspringt. Der Zynismus Benns, der am häufigsten nachgeahmt wird, ent= stammt ebensowenig einer persönlichen Einstellung, wie sein Enthusiasmus einer Gefühlswallung entstammt. Das Ge= dicht als einzige Auskunft, um den Spannungsbogen zwi= sehen den Extremen rechtmäßig darzustellen, da die geistige Welt in Trümmer gegangen ist und der Seher nur noch auf dem Jahrmarkt sein Dasein fristet, wird zum absoluten Gedicht.
      Die Betrachtung moderner Lyrik entbindet uns so wenig wie zu irgend einer Zeit von der Notwendigkeit, auf die Werkstruktur jedes einzelnen Dichters einzugehen und die Figuren, die sie erkennen läßt, mit anderen Figuren bei anderen Dichtern zu vergleichen. Die moderne Lyrik stellt den Leser auf eine härtere Probe, weil sie ihm keine Aus= flucht in die Convenus eines Verstehens erlaubt, das in Wahrheit oberflächliche Anempfindung ist. Das 'Labyrinth der Brust" in Goethes 'Füllest wieder Busch und Tal" ist nicht minder geheimnisvoll als das 'Einhorn" in einem Gedicht von Ingeborg Bachmann.
      Die Figuren, die wir aufgezeigt haben, könnten unendlich vermehrt werden. Der Kritiker muß, um den Blick für sie zu öffnen, mehr als billig auf dem Charakter logischer Not= wendigkeit bestehen. Das soll jedoch nicht heißen, daß der Weg der modernen Lyrik konstruierbar sei. Die Fülle der Möglichkeiten ist in der Dichtung so groß wie nur je. Das Wunder der Dichtung von Trakl, von Hofmannsthal, von Borchardt, das noch seiner Entdeckung harrt, ist so bestür= zend wie am ersten Tag. Nichts kann dem Kritiker er« wünschter sein, als daß â€” wenn die Schuppen von den Augen gefallen sind — die ursprüngliche Reinheit des Ge= dichts seine Hilfslinien überstrahlt.

     

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