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Selbstgenügsamkeit des Kunstwerks



Die 'Fibel" enthält Versuche in einer aus verschiedenen romanischen Sprachen entwickelten Kunstsprache. Für das Gedicht wird eine eigene Typographie geschaffen. Das Buchwird als käufliche Ware dem Markt entzogen. Aus alldem spricht das Bestreben, die Reinheit des poetischen Gebildes zu wahren und es schon rein äußerlich von der Sprache der Mitteilung, der Promiskuität mit anderen Druckerzeug= nissen abzusetzen. Doch es kommt dieser kunstpädago= gischen Tendenz eine innere Tendenz entgegen. Das Ge= dicht wird als Kunstgegenstand behandelt und in einen architektonisch gegliederten Raum versetzt. Schon Baude= laire, dessen 'Fleurs du Mal" George übersetzt hat, schwebte das Ideal des 'livre unique" vor, eine nach Zahlenprinzipien gegliederte poetische Summa. Das Ideal wurde von Mal= lärme zum 'Poeme unique" — dem universalen Eingedicht — intensiviert. 'Der Siebente Ring" von Stefan George ist ebenfalls nach einem strengen Zahlenschema gebaut. Bor= chardt kritisierte in seinem berühmt gewordenen Aufsatz über den Siebenten Ring den George'schen Kompositions= zwang, da die Zahlenkomposition nicht in das Gefühl des Lesers eingehe, sondern nur beim Nachzählen seine Stim= migkeit erweise. Doch zielt Borchardts Kritik an der Sache vorbei. Der ideale Raum, in den George seine Gedichte ver= setzte, sollte ja gerade die Perspektive des Lesers über= flüssig machen. Um dieselbe Zeit wies Marcel Proust auf jene Steinmetzfiguren an den gotischen Kathedralen hin, die dem Beschauer verborgen bleiben, aber zur höheren Ehre Gottes mit der gleichen Liebe ausgeführt sind wie die Fassadenfiguren. Die Architektur des Siebenten Rings mochte dem Leser verborgen bleiben: im Namen der höhe= ren Ehre der Kunst erfüllte sie ihren Sinn. Es handelt sich hier um keine vereinzelte Tendenz. Die Ver= Stärkung des einzelnen Gedichts durch den Zyklus, die Ab= rundung poetischer Sammlungen zu streng komponierten Büchern, schließlich — bei Josef Weinheber — die ineinander greifenden Sonettenkränze und die nach dem Schema der Barockarchitektur entworfenen Kompositionen von 'Späte Krone" und 'Adel und Untergang" zielen ebenfalls auf eine räumliche Vergegenständlichung der Lyrik hin. Wir weisen hier noch einmal auf jenes Ideal einer 'Verräum= lichung der Gegensätze", das Hermann Broch für die Dich= tung formuliert hat.
      Und da in diesem Zeitaum das Erhabene nie ohne seinen parodistischen Gegeneffekt auftritt, wird auch die Kunst des Moritatensängers in die Lyrik aufgenommen, wird das Gedicht mit drastischer Vergegenständlichung dem Publikum vorgezeigt. Wedekind und Bert Brecht, Klabund und Erich Kästner haben den Bänkelsang zu dichterischen Ehren ge= bracht.
      In beiden Fällen wurde der Leser mit der Dichtung kon= frontiert, wobei die Absicht, ihm ein Bild der Mahnung oder Rüge vorzuhalten, mit im Spiele war. Die Ader senti= mentaler Nachfühlung wurde so mit einem Schlag unter= bunden. Die maßlose Polemik, die sich in einer Reihe von Gedichten im 'Siebenten Ring" Luft macht — so in 'Porta Nigra" und in dem Gedicht auf Goethes Geburtstag, die Berufung auf Dante und Nietzsche und die ehemalige Kul= tureinheit zwischen Deutschen und Franken — machen für die Lyrik den Anspruch einer wertverbürgenden Instanz geltend. Es entspricht dieser Versachlichung des Gedichts — wenn man das Wort recht versteht —, daß nach dem Ersten Weltkrieg von der Bretterbühne des Moritatensängers herab soziale Manifeste erlassen wurden.
     

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