Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Die deutsche literatur

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'Schöpferische Restauration



Borchardts und Hofmannsthals Bestreben galt der Wieder» herstellung der Form und insgleichen der Ehre des Dichters. Borchardt wollte noch einmal alle großen Formen der Lite» ratur — Gedicht, Epos, Drama, Erzählung, Roman usw. — musterhaft erfüllen und hat — wenn auch fragmentarisch — seinen Vorsatz wahr gemacht. Hofmannsthal verdanken wir die Erneuerung der klassischen Tragödie, des Lustspiels, der Zauber» und Märchenoper, der Charakterkomödie und des Mysterienspiels. Von traditionalistischer Kunst sollte man in ihrem Falle nicht sprechen, weil Borchardt und Hof» mannsthal sich von den schöpferischen Momenten abend» ländischer Dichtung unmittelbar getroffen fühlten und sie kraft ihrer Individualität aufs neue ins Recht setzten. Stefan George ließ sich an der Ehre, die von der erfüllten Form auf den Dichter zurückstrahlt, nicht genügen, sondern machte sich zum Meister der Form. Hermann Broch, der ihn unter diesem Gesichtspunkt mit Rilke vergleicht und aus ihren Wahrbildern — dem Heiligen hier, dem Führer dort — auf ihre stärkere künstlerische Intensität schließen zu dür= fen glaubt, verwechselt die soziale Rolle, auf die der Dichter prätendiert, mit seiner Leistung.
      Bei George tritt — von mächtigen Willensmomenten ange= regt — ein ästhetisches Wunschbild nach außen undkonstitu= iert sich de facto. Vorbilder waren in Frankreich zu finden, namentlich in dem Kreis um Mallarme. Während jedoch dort die natürliche Konveniere, die bei aller Ehrfurcht un« angetastete Freiheit des einzelnen ein solches Cenacle elastisch erhalten, mußte in Deutschland der Kreis mit schwe» reren und dunkleren Elementen untermauert werden. Aus dem Maitre wurde der Meister, in dem man bei uns weniger den Lehrer als den Herrn erblickt und dem sich unfehlbar 'Jünger" zugesellen. Aus dem Freundeskreis wurde die Treuegefolgschaft, der sich Hofmannsthal mit seinem schmiegsamen Naturell freilich nie bequemen wollte. Bedenkt man, mit welcher Ehrfurcht Paul Valery zeitlebens an Mallarme gehangen hat, so fragt man sich, ob der Geor» gekreis seiner ganzen Konstitution nach geschaffen war, traditionsbildend zu wirken. Nicht nur Hofmannsthal, auch Rudolf Borchardt und Rudolf Alexander Schröder haben sich im Laufe der Zeit von ihm abgewandt. Und doch hat George durch seine Person beispielhaft gewirkt. Auch in seinen Gedichten zeichnet sich die Krise ab, der wir im Werk von Hofmannsthal und Rilke begegnet sind. Woll» ten wir Georges Werkziel mit einem Wort kennzeichnen, so wäre es mit dem Begriff 'Reinheit" am besten getroffen. Wie sich formale und ästhetische Reinheit immer mehr in ein ethisches Moment verwandeln, wie Leben und Kunst sich scheiden, wie Schönheit mit Größe, Erlesenheit mit Stolz identisch wird, hieße die Linie seiner Werkbiographie nachzeichnen.
     

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