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Krise der Tradition



Geht es hier — der Gesinnung Schröders entsprechend — um eine letzte Vertiefung der Treue, eine entsagende Läu= terung des Bekenntnisses, so kann anderseits nicht über= sehen werden, wie im Werk dieser letzten großen Dichter aus abendländischer Tradition das Kulturerbe einen dräuen= den Ãœberhang bildet, der bei der geringsten Erschütterung als Lawine niedergehen und zerstäuben kann. Dieses Gefühl findet schon in Hofmannsthals apokalyptischem Jugendge= dicht 'Nox portentis gravida" bezwingenden Ausdruck. Es klingt in den Schlußworten von Borchardts Porträtstudie 'Veitheim" aus dem Jahr 1908 an: 'Europa kann nicht an ders handeln, aber die Welt selber, die alte jugendlich hei» lige Wildnis um die kleine Zitadelle von Sicherheit, die wir alleine kennen, reißt für Minuten das Wort an sich, das heut nur dem klingt, der Ohren hat zu hören, und über» morgen laut genug dröhnen wird, um auch den stumpf gewordensten Nerv zur Wahrheit aufzurütteln." Borchardt zeichnet in seinem Veitheim ein Stück Natur, das in seiner massiven Geschlossenheit nicht anders sein kann, als es ist, und das wie der leichtfertig zitierte Steinerne Gast an der Tafel der Spätlinge Platz nimmt. Er betont an ihm — mit deutlicher Spitze gegen moderne Einfühlung — sein völliges Unvermögen sich anzupassen, sich in Be-Ziehung zu setzen oder seine Farben spielen zu lassen. Er macht deutlich, daß die Gerichtsbarkeit keine andere Möglichkeit hat, als die Gemeinschaft vor diesem heraufgekom» menen Stück Urwelt zu schützen, und doch jubelt sein Le= bensgefühl dieser Explosion des Elementaren zu. So be= trachtet, ist der 'Veitheim" ein frühes Dokument des Ex-pressionismus. Borchardt war in seltenem Maße begabt, die Möglichkeiten des Expressionismus abzuschätzen, weil star= ke Gegenkräfte sein Talent davor schützten, ihm zu ver= fallen. Der empfundene Gegensatz zwischen einer Lebensordnung, die sich nur noch in strengem Gewahrsam erhalten kann, und hereindrängenden elementaren Mächten, die sich keiner Ordnungsmacht hörig erweisen und dennoch als Ausfluß des sich ewig erneuernden Lebens begrüßt werden müssen, verleiht dem 'Veitheim" seine erregende Span-nung.
      In der Lyrik von Gottfried Benn empfängt dieser Zwiespalt dialektische Form. Der Gegensatz zwischen einem liquide gewordenen Weltbild, das noch einmal wie eine alles überwölbende Fata Morgana an den Himmel des Bewußtseins tritt und Hesiod, Dante, Shakespeare mit gleicher Unmittelbarkeit erfassen läßt, und dem beschränkten Erscheinungsort, der dieses ungeheure Gewölbe zu tragen hat, äußert sich in maßlos verzerrter Polemik, in tragischem Gram oder in nihilistischer Lebensverzweiflung.
     

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