Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


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GRUNDSITUATION DER LYRIK



Kritische Vorbemerkung
Zwölf Jahre Nach
kriegsdichtung geben noch nicht das Recht, von einer neuen Epoche der Lyrik zu sprechen. Ansätze der modernen Lyrik finden wir bereits in der Romantik. Außer» dem erhebt sich die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, die deutsche Lyrik der letzten dreißig oder fünfzig Jahre gesondert [ ... ]
Das Vorurteil des Lesers
Im allgemeinen läßt es der Leser bei der Feststellung be= wenden, daß Gedichte offenbar nicht mehr dasselbe seien wie früher und getröstet sich künftiger Zeiten, in denen es Gedichte der früheren Art wieder einmal geben mag. Diese bequeme Haltung geht von der unausgesprochenen Voraussetzung aus, daß [ ... ]
Ich und Welt
Die zwei Beispiele, die wir mit Absicht der epischen Li= teratur entnommen haben, bezeichnen die Ausgangssitua= tion der modernen Lyrik. Eine feste Relation zwischen Ich und Welt besteht nicht mehr. Im Idealfall empfindet sich der Mensch als das verkleinerte Abbild des Kosmos, zu dessen Erscheinung [ ... ]
Transit
Insofern ist der Titel, den Walter Höllerer seiner Antho» logie moderner Lyrik gegeben hat, richtig gewählt. 'Tran» sit" ist eine intransitive Verbalform. Transit heißt: 'es geht hinüber" oder 'es geht darüber hinaus". Figuren der Wirklichkeit, die nirgends mehr einen gemeinsamen Ort haben, werden i [ ... ]
Enthumanisierung
Doch wird man der radikalen Behauptung mit Recht miß» trauen dürfen, daß hiermit die Enthumanisierung des Ge= dichts tatsächlich vollzogen sei. Es gibt Laboratoriums» gedichte, die uns kalt lassen, weil sie auf jederlei Maßstab der Bewahrheitung verzichten. Es gibt Gedichte, bei denen wir das unabwe [ ... ]
Prosa und Lyrik
Die außerordentliche Vielseitigkeit der Lyrik im Zeitraum zwischen 1900 und der Gegenwart spiegelt auf mannigfache Weise die Krise der Individualität. Wir haben im vorigen Kapitel auf drei Stadien hingewiesen — Loslösung, Anarchie, Einheitsfügung —, die der moderne Roman bis zum Ende der dreißig [ ... ]
Form und Ehre
Der Einwand, daß hiermit ein Generalverzicht auf vorge= gebene Formen — wie Ode, Sonett, Elegie usw. — ausge» sprochen sei, führt auf ein wichtiges Problem. In der Tat wird die abgelöste Form zur bloßen Schablone, wenn ihr nicht im Bewußtsein des Dichters eine Dimension offen» steht, die sein em [ ... ]
Hofmannsthal
In Hermann Brochs Essay 'Hofmannsthal und seine Zeit" wird das Verhalten des Dichters aus soziologischen Voraus» Setzungen deduziert. So bestechend die Analyse durchge= führt ist: indem Broch die gesellschaftlichen Realitäten als bestimmend an den Anfang stellt, deutet er künstlerisches Verhalten al [ ... ]
Rilke - Und ich weiß nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang,
Auch die Lyrik von Rainer Maria Rilke ist von der Erlebnisform des Abenteuers geprägt. Doch ist es hier nicht so sehr hinbezogen — auf eine Gestalt — als hingenommen — von einer Gestalt her. Es ist reziprokes Abenteuer, dem die Empfänglichkeit des Dichters Resonanz verleiht. Während Hofmannsth [ ... ]
Der allegorische Einschlag
Die Allegorie pflegt immer da aufzutreten, wo ein Ord= nungscharakter, dem sich die Wirklichkeit mehr und mehr versagt, in der Fiktion festgehalten wird. Die Ordnung des Imperium Romanum hat in allegorischer Form weitergelebt. Die Verschmelzung des christlichen und des antiken Kosmos in den Fronleic [ ... ]
Objektivierte Empfänglichkeit
Für Rilke liegt die Bewährung nicht so sehr in der Bewährung an der Ehre der Form — mit der hierdurch gebotenen Diskretion — als in der Vertiefung subjektiver Empfänglich» keit. Die Krise mußte für ihn an dem Punkt eintreten, wo er an seiner Selbstauffassung als Dichter irre wurde. Das pas» sive [ ... ]
Das Kosmische Abenteuer
Das Abenteuer, dem eine entbundene Welt zufällt und das sich exzentrisch in ein Jenseits der Wirklichkeit verlagert, wird schon in der Lyrik vor 1914 gefeiert. Der Begriff Expressionismus verliert mit wachsendem Abstand immer mehr an definitorischer Bedeutung. Die hymnische Dichtung von Theodor Däub [ ... ]
Kontrast der Maßstäbe
Die Dichter verlangen nach einem Größenmaßstab, der mit der Kleinlichkeit der Zeit kontrastieren soll. Darüber hinaus offenbart sich auch hierin die exzentrische Bewußtseinslage. In einem kleinen Gedicht von Mombert treten Sternenräume und das heimatliche Haus in einen wohlberechneten Gegen» satz. A [ ... ]
Arbeiterdichtung
Es konnte nicht ausbleiben, daß sich die Dichtung auch eines Standes bemächtigte, der im Begriffe schien, das Neuland der Zukunft zu erobern. Romantische Sehnsucht des 'Wan= dervogel" und Arbeitermythos gingen eine eigenartige Ver= bindung ein. Zuweilen unterlief auch das Mißverständnis, als sei die [ ... ]
'Schöpferische Restauration
Borchardts und Hofmannsthals Bestreben galt der Wieder» herstellung der Form und insgleichen der Ehre des Dichters. Borchardt wollte noch einmal alle großen Formen der Lite» ratur — Gedicht, Epos, Drama, Erzählung, Roman usw. — musterhaft erfüllen und hat — wenn auch fragmentarisch — seinen [ ... ]
Selbstgenügsamkeit des Kunstwerks
Die 'Fibel" enthält Versuche in einer aus verschiedenen romanischen Sprachen entwickelten Kunstsprache. Für das Gedicht wird eine eigene Typographie geschaffen. Das Buch wird als käufliche Ware dem Markt entzogen. Aus alldem spricht das Bestreben, die Reinheit des poetischen Gebildes zu wahren un [ ... ]
Rudolf Alexander Schröder
Bei den Wahrern der Form mußten die Gegensätze da am tiefsten aufklaffen, wo sie Rückhalt an einem persönlichen Bekenntnis suchten. Borchardt, der für jederlei Falschmün= zerei ein empfindliches Organ besaß, zollte der monumen= talen Beispielhaftigkeit Georges Bewunderung, jedoch nicht seinem schill [ ... ]
Krise der Tradition
Geht es hier — der Gesinnung Schröders entsprechend — um eine letzte Vertiefung der Treue, eine entsagende Läu= terung des Bekenntnisses, so kann anderseits nicht über= sehen werden, wie im Werk dieser letzten großen Dichter aus abendländischer Tradition das Kulturerbe einen dräuen= den Ãœberhan [ ... ]
Die Ballade
Hier muß auch der Ballade gedacht werden, die in diesem Zeitraum eine überraschende Wiedergeburt erfährt. Daß abgesehen von Börries von Münchhausen in der Hauptsache Frauen — Lulu von Strauß und Tomey, Agnes Mie-gel, Ina Seidel — ihrer Form gerecht wurden, ist insofern bezeichnend, als die Balla [ ... ]
Immanenz und Vergegenständlichung
Der Weg kann in beiderlei Richtung beschritten werden. Die Lyrik von Christian Morgenstern wird sich dem Ver= ständnis nur dann voll erschließen, wenn man ihre beiden Phasen im Zusammenhang sieht. In der ersten Phase ver= legt Morgenstern seine spielerische Phantasie nach außen, in den Gegenstand, u [ ... ]
Expressionismus
Die Epoche individueller Anarchie, die bereits vor 1914 einsetzt, ist im wesentlichen so zu charakterisieren, daß die aktuelle Zeitlandschaft von einer Zeiten und Völker überspannenden Geschichtsvision überlagert wird. Zwar ist es nichts Ungewöhnliches, daß eine Kulturgemeinschaft auf ein er [ ... ]
Georg Heym
Die Schwäche der Mehrzahl war die echte Stärke von ein paar wenigen, und zwar umso stärker, je weniger sie ge» wollt war. So spüren wir in den Gedichten von Georg Heym, die an der Schwelle des Expressionismus stehen, das eingeborene Maß echter Vision. Die Fassung ist legitim, insofern hier noch einm [ ... ]
Georg Trakt
Oder aber das Gedicht schließt sich um eine leere Mitte und wird durch Negation, durch 'Abwesenheit" zusammenge= halten. Der Zauber der Gedichte von Georg Trakl beruht ebendann, daß sie niemandes Gedichte zu sein scheinen und so poetische Funde von größter Reinheit darstellen. Das Gedicht Georg Trak [ ... ]
Oskar Loerke
Im Gegensatz zu Trakls statischer Gedichtlandschaft, die von der reinen Kälte der Gestirnwelt einen Hauch ver= spüren läßt, herrscht in Oskar Loerkes Gedichten der flie= ßende Charakter vor, auch da, wo die Großstadt ihm ver= wehrend entgegentritt. Es ist hier des slawischen Unter» Stroms zu gedenke [ ... ]
Dichterisches Bekenntnis
Aber Loerkes Tagebuchnotiz ist keine definitorische Formel, sondern ein Bekenntnis. Darauf muß nachdrücklich hinge* wiesen werden, weil es nach den theoretischen Äußerungen moderner Lyriker manchmal so scheinen könnte, als sei das Gesetz der Lyrik erfüllt, wenn man sich vom persönlichen Erlebnis ab [ ... ]
Die Frage nach der Verständlichkeit
Hier stoßen wir auf den Kern der Frage, die angesichts moderner Lyrik so häufig gestellt wird: nämlich ob ihre 'Dunkelheit", ihre Inkohärenz, ihre Verwandlung des Sprachmaterials notwendig sei. Die Antwort fällt meistens schief aus, weil man 'Verständlichkeit" beziehungsweise 'Unverständlichkeit" zu [ ... ]
Woher und Wohin
Hier stoßen zwei hinsichtlich der Dimension konträre Auf= fassungen zusammen: eine traditionalistische, die jede neue Erlebnisform als Rekapitulation einer vergangenen auffaßt, und eine utopische Haltung, die jede frühere Erlebnisform den Umschlag in die Zukunft vollziehen läßt. Zwischen den beiden [ ... ]


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