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Die deutsche literatur

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Ich und Welt



Die zwei Beispiele, die wir mit Absicht der epischen Li= teratur entnommen haben, bezeichnen die Ausgangssitua= tion der modernen Lyrik. Eine feste Relation zwischen Ich und Welt besteht nicht mehr.
      Im Idealfall empfindet sich der Mensch als das verkleinerte Abbild des Kosmos, zu dessen Erscheinungen er sich durchweg korrespondierend verhält. Je mehr Stücke aus dem Kosmos gebrochen werden, zu denen er sich nicht mehr korrespondierend verhalten kann, weil sie ihn auf Grund ihrer Autonomie ausschließen, umso mehr ist er genötigt, von seiner ursprünglichen Erlebnismitte abzurücken und in eine gleichfalls autonome Gegensphäre auszuwandern. In Form einer groben Skizze ließe sich der Sachverhalt so darstellen: Zwei Kreise, die sich ursprünglich in vollkomme= ner Deckung befanden, werden auseinandergeschoben. Die ungedeckten Kreissegmente stehen zu der ursprünglichen Erlebnismitte im Verhältnis einer doppelten Entfremdung. Weder ist die Wirklichkeit, was sie im Erlebnis zu sein vorgab; noch kann das Ich an seiner rein empirischen Er= lebnisweise festhalten. Beide Kreishälften werden exzen= trisch. In dem Maße, wie die rationalisierte und technisierte Wirklichkeit sich auf eigene Faust fortentwickelt, müssen Kräfte aus tieferen Schichten wider sie aufgeboten werden. Am beharrungsfähigsten sind die Kontakte in der rein körperlichen Zone. Der Anteil des Fetischismus im Bereich der symbolistischen Lyrik — so z. B. bei Rilke — mit seinen spirituellen Irradiationen müßte daraufhin geprüft werden. Am weitesten divergieren die geistigen Tendenzen. Ra= tionalismus steht gegen Spiritualismus, Positivismus gegen Mystizismus. Dem utopischen Fortschritt von Wissenschaft und Technik entspricht die 'leere Transzendenz" oder 'leere Idealität", wie Hugo Friedrich diesen Hang der Lyrik bezeichnet.
      Aus dem ungedeckten Bereich, dessen erfahrbare Korre= spondenzen erloschen sind, fallen dem Dichter die Zeichen unmittelbar zu. Rationale Verbindlichkeit verwandelt sich in symbolische Verbindlichkeit.
      Die metaphorische Brücke zwischen Ich und Welt ist abge» brochen. Hier stößt der Leser moderner Lyrik auf die Grenze, wo sein Verständnis meistens aussetzt, weil er an der Fiktion festhält, der Dichter wolle etwas erklären, was sich auch mit unpoetischen Mitteln aussagen lasse. Die Un= terscheidung zwischen Inhalt und Form leistet diesem Miß= Verständnis Vorschub. Der durchschnittliche Leser stellt sich unter dem Gedicht ein Konzept vor, das mit künstlerischen Mitteln lyrisch ausgestattet wird. Er geht davon aus, daß für die poetische Aussage jeweils eine rationale Deckung vorhanden sein müsse. Wir haben aber im Vorigen ge= sehen, daß die moderne Lyrik aus einem Zustand der Dek» kungslosigkeit hervorgeht. Wäre der Leser von der Autori= tat des Lyrikers ebenso überzeugt, wie er es im allgemeinen von der Autorität der Wissenschaft ist, so würde er zu= geben müssen, daß die Formeln des Physikers ebenso einer humanen Deckung ermangeln, wie es bei gewissen poeti» sehen Gebilden der modernen Lyrik der Fall ist.
     

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