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Expressionismus
Die Epoche individueller Anarchie, die bereits vor 1914 einsetzt, ist im wesentlichen so zu charakterisieren, daß die aktuelle Zeitlandschaft von einer Zeiten und Völker überspannenden Geschichtsvision überlagert wird. Zwarist es nichts Ungewöhnliches, daß eine Kulturgemeinschaft auf ein erhöhtes Bild ihrer selbst hinlebt; daß aber die Anarchie einer Gesellschaft als Bürgschaft genommen wird, um in den wertfrei gewordenen Raum ein jahrtausendwei= tes Geschichtspanorama zu projizieren und in Gestalt von Leitbildern zu restaurieren, ist ein außergewöhnliches Phä= nomen. Es läßt sich nur so beschreiben — wenn auch nicht erklären —, daß beim Zusammenbruch der Geschichte als Ordnungsmacht ihr Widerschein in den Raum des dich= terischen Bewußtseins fiel.
Das Verhältnis zur Geschichte erfährt eine grundsätzliche Wandlung. Das Vorurteil einer bestimmten Geschichts= epoche hinsichtlich ihrer Vorgänger wird durchschaut und gleichsam übersprungen. Anstelle der faktischen gewinnen die urbildlichen Züge erhöhte Bedeutung. Hofmannsthal dringt auf die Problematik des Vater=Sohn=Verhältnisses schlechthin und fühlt sich durch C. J. Burckhardt bestätigt, der ihm Anekdoten über das Verhältnis zwischen Napoleon und seinem Sohn Leon und dem Herzog von Reichsstadt mitteilt. Die Versenkung in die urbildliche Sphäre, die sich aus der geschichtlichen gleichsam herausschält, führte ihn weiter zu deren sinnbildlicher Gestaltung im 'Turm". Hier liegen — ähnlich wie im Werk Rudolf Borchardts — expressionistische Momente, wenn auch formgebunden, vor. Die Frage — nicht was die Dinge sind, sondern was sie aussagen oder 'aus dem Unbewußten hervorschreien" — wie Gomez de la Serna die Intention seiner 'Greguerias" deutete —, ist die eigentliche Frage des Expressionismus. Unterhalb der geschichtlichen Bedingtheit, die nichts Tren= nendes mehr hat, seit unser eigener Standort fluktuierend geworden ist, tritt eine urbildliche Schicht zu Tage, die Kul= tur auf andere Weise kommunikationsfähig macht. Expressionismus ist somit zwiefach bedingt: einmal durch den Verlust geschichtlicher Ortsfestigkeit; zum anderen durch Erlebnisdynamik, die frühere Bewußtseinszustände als Metamorphosen durchläuft.
So läßt sich auch die irrelevante Frage bereinigen, wie Impressionismus und Expressionismus zueinander stehen. Ist es schon an sich bedenklich und im Grunde unfruchtbar, Stilprinzipien der bildenden Künste auf die Literatur anzu= wenden, so wächst sich diese Prinzipienreiterei vollends zum Verhängnis aus, wenn man Gesichtspunkte, die ohne den Bezug auf ein Werk schematisch bleiben, zu Begriffen heraufzüchtet. Im Expressionismus wird schon darum stets ein impressionistisches Element enthalten sein müssen, weil nur gesteigerte Eindrucksfähigkeit ausdrucksfähig zu werden vermag. Und ebenso wird die Eindrucksfähigkeit des Impressionisten auf gesteigerten Ausdruck hin tendieren, wenngleich an der individuellen Bezogenheit festgehalten wird.
So ist in der Lyrik von Franz Werfel der nackte Mensch eben der Narziß, den ehemals der spiegelnde Grund gefangen hielt. Seine Lust an unmittelbarer Berührung — mit den Elementen, dem Tag, dem fruchtbaren Chaos, äußert sich enthusiastisch. Und doch ist der Nächste auf der Straße, vor dem er den Hut zieht — man erinnere sich an das griffige Reimwort auf 'gut"! — nur auffangender Spiegel seines eigenen Glücks. 'O Mensch! Ich bin dir gut!" be= zeichnet jenen altruistisch gewendeten Narzißmus, der für die expressionistische Lyrik typisch ist. Die Parodien von Robert Neumann — 'Mit fremden Fe= dem" — waren nicht nur Spielerei, sondern angewandte Kritik. Wir haben schon mehrfach auf den parodistischen Gegeneffekt der hohen Formen hingewiesen. Neumann trifft die Schwäche des Expressionismus im Zentrum. Sie bestand in der vermessenen Identifikation, die Neumann bei Ernst Lissauer festnagelte in der Parodie 'Luther putzt sich die Zähne". Sie bestand im Heranziehen extremer Ana» Iogien und Figuren, um ein poetisches Bewußtsein, das sei= ner durchaus nicht sicher war, durch Großformat zu ok= troyieren. Sie bestand in der gewaltsamen Zerfällung und Ausrenkung der Sprache. Die meisten dieser Irrwege wer= den heute mit schwächerem Effekt zum zweitenmal be» schritten.
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