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Die deutsche literatur

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Enthumanisierung



Doch wird man der radikalen Behauptung mit Recht miß» trauen dürfen, daß hiermit die Enthumanisierung des Ge= dichts tatsächlich vollzogen sei. Es gibt Laboratoriums» gedichte, die uns kalt lassen, weil sie auf jederlei Maßstab der Bewahrheitung verzichten. Es gibt Gedichte, bei denen wir das unabweisbare Gefühl haben, daß eine Schrauben» drehung weniger der Verständlichkeit nicht im mindesten Abbruch getan hätte, daß es aber der Dichter für geraten hielt, statt der nächsten die übernächste Assoziation zu wählen. Es gibt Gedichte, in denen echte Errungenschaften des Expressionismus manieristisch fortgebildet werden, es gibt Gedichte, die mit schwächeren Mitteln die Welttrans» fusion Rilkes nachahmen, und es gibt Gedichte, die Gott» fried Benns Zynismus übertrumpfen, ohne sich in der Lei» denschaft für die Kunst mit ihm messen zu können. Wo uns aber Lyriker der jüngsten Gegenwart aufhorchen lassen, fühlen wir uns in unserer Menschlichkeit einbe» zogen. Jener Satz von Herbert Eisenreich: 'Es hätten auch Menschen sein können" bildet den unausgesprochenen Ge= genpol auch des objektivsten Gedichts und erzeugt jene Spannung, die uns — wie utopisch, wesenlos und ausgesetzt wir auch geworden sein mögen — zur Teilnahme befähigt. Der menschliche Ernst, der aus den wirklich reifen Lei» stungen der Nachkriegslyrik spricht, hat auch den Gegensatz zwischen Traditionalisten und Avantgardisten in den Hintergrund treten lassen. Der Weg der Dichtung in den letzten fünfzig Jahren zeigt, daß Traditionalisten und Avantgardisten gleichermaßen gezwungen waren, von der Schablone der Wirklichkeit abzurücken und das empirische Ich der poetischen Ordnung zu opfern. Wenn sie sich in den Dienst von Gemeinschaftsaufgaben stellten, das heißt ihre Direktiven von außen empfingen, konnten sie nur eine verlogene Wirklichkeit vorzeigen. Zwischen dem echten Traditionalismus, der sein Gesetz von der Dichtung selber empfing, und dem Expressionismus eines Gottfried Benn sind die ästhetischen Unterschiede gering. Hinsichtlich der Lyrik von Josef Weinheber ist die Frage berechtigt, ob nicht ihr Traditionalismus die Verkleidung einer expressionistischen Tendenz ist. Anderseits enthält die Lyrik von Benn tradi» tionalistische Elemente in expressionistischer Form. Daß sich der Streit zwischen beiden Richtungen inzwischen so gut wie erledigt hat, läßt darauf schließen, daß er von Momenten genährt war, die mit der Dichtung selber erst in zweiter Linie zu tun hatten.
      Es wird in diesem Kapitel unsere Aufgabe sein, zu zeigen, wie bei den bedeutendsten Dichtern des Zeitraums die empirische Person des Dichters von einem umfassenderen Träger abgelöst wurde, um in einem weiteren Kapitel die Situation der Gegenwartslyrik darzustellen.
     

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