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Der allegorische Einschlag



Die Allegorie pflegt immer da aufzutreten, wo ein Ord= nungscharakter, dem sich die Wirklichkeit mehr und mehr versagt, in der Fiktion festgehalten wird. Die Ordnung des Imperium Romanum hat in allegorischer Form weiterge
lebt. Die Verschmelzung des christlichen und des antiken Kosmos in den Fronleichnamspielen von Calderon war nur in der Allegorie möglich. Die Macht der österreichischen Krone hatte vor Ausbruch des Weltkriegs nur noch allegorische Funktion. In der Allegorie wird der Wahrheitscharakter eines Weltbildes in geschlossener Ordnung konserviert. Die Ordnung inspiriert sich am Gegenbild einer chaotischen Wirklichkeit. Doch wird sie in dem Maße abstrakt, in dem sie sich auf Ãœbersetzungsfunktionen beschränken muß. Sie reflektiert schließlich nur noch auf sich selbst und verschlüs= seit ihre Charaktere in einem subtilen Zeichensystem. Viele Züge in der Lyrik der Zeit — so bei T. S. Eliot, aber auch bei Claudel — sind allegorisch zu deuten. Die nur noch als poetische Fiktion bestehende Weltordnung im 'Jedermann" und im 'Salzburger Großen Welttheater" bringt das Individuelle allegorisch in Form. Rilke fingiert eine immanente Erlebnisordnung und allegorisiert indivi= duelle Erlebnismomente. 'Sieh den Himmel! heißt kein Sternbild ,Reiter7", beginnt eines der Sonette an Orpheus. In den 'Duineser Elegien" wimmelt es von allegorischen Chiffren. Einzeldinge einer inkohärent gewordenen Wirk= lichkeit wollen 'gemeint sein", wie der bezeichnende Aus= druck Rilkes lautet. 'Gemeintsein" heißt Versinnbildlichung einer Wirklichkeit, die des Zusammenhalts ermangelt. Die sinnbildliche Sphäre läßt die Erscheinungen kommunizieren. Was in der Wirklichkeit selbstzweckhaft verschlossen ist, schreibt der Schau ein anderes Zeichen ein. Dieses Zweierlei von Sinnbildlichkeit und reiner Gegenständlichkeit ist das Kennzeichen der allegorischen Situation. Allegorische Dichtung gibt immer viel zu denken, weil sie mit einem hohen Maß an Reflexion verbunden ist. Calderon behandelt in den Fronleichnamspielen komplizierte theo= logische Probleme in sinnbildlicher Sprache. Die Logik soll noch einmal einen poetischen Leib empfangen. Die außer= ordentliche Schwierigkeit, der sich Hofmannsthal gegenüber sah, als er den letzten Akt des 'Turm" in Angriff nahm, bestand in der poetischen Ausstattung intellektueller Probleme. Rilkes 'Duineser Elegien" haben nicht zuletzt darum so zahlreiche Deutungen zu verzeichnen, als auch hier über das poetische Sinnbild hinaus ein Ãœberschuß an Reflexion künstlerisch unbewältigt blieb.

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