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Mystik des Wortes



Betrachten wir im Gegensatz dazu ein Gedicht von Konrad Weiß â€” 'Der Sämann" —, so fasziniert uns der Eigensinn des Dichters, für den es offenbar keinen anderen Weg, keine andere Notwendigkeit gab, als seine Wahrheit durch diese Gestalt zu pressen. So hartkantig, unumgänglich, schicksalhaft trat sie vor seine Wahrheit, daß er sie noch einmal schaffen mußte und daß, als das Gedicht vollendet war, das eine im anderen lebte.
      Wirklichkeit, wenn sie durch Sprache bewältigt wird und in ihrem Namen die Taufe des Geistes empfängt, ist das unerschöpfliche und unendlicher Vertiefung fähige Medium der Lyrik. In den späteren Gedichten von Oskar Loerke findet ein Umschlag statt, der für die Lyrik folgenreich geworden ist. Die visionäre Expansion verwandelt sich in formstrebige Konzentration. Der frei schwebende Bienenschwarm zieht sich um einen festen Gegenstand zusammen. Das heißt: die visionäre Kraft trachtet nach Bildung und findet sie im konkreten Erleben, das sie in Eigenfigur verwandelt. Der energische Ausschlag wird zu gleich starkem Formeinschlag. Das Gedicht nimmt den Hörer nicht mit, sondern bannt ihn auf der Stelle fest. Aber zugleich fühlt er sich wie von sausenden Flügelschlägen umarmt. In der Lyrik von Wilhelm Lehmann ist die Spanne zwischen

Ausschlag und Einschlag geringer, dafür aber die Optik schärfer. War für Loerke die Naturerscheinung ein Anlaß geistiger Formprägung, — und hierin ist er mit Schiller zu vergleichen, den er als Visionär freilich übertraf —, so ist für Lehmann die bestimmte Pflanze Urphänomen und erteilt dem Kosmos Lebensgesetze. Seine Lyrik ergreift den in sich erfüllten Kosmos und läßt die Beziehungen aufleuchten, die zwischen den Erscheinungen wie zwischen freischwebenden Punkten vielfältig walten. Die Spannung zwischen Rationalität und visionärer Erscheinung, die bei Loerke zu spüren ist, geht in das lyrische Gedicht von Lehmann nicht eigentlich ein, sondern findet gelegentlich in theoretischen Äußerungen ihren Niederschlag. In seinem Roman 'Ruhm des Daseins" hat er sein lyrisches Glaubensbekenntnis gestaltet. Lehmann steht bereits jenseits des expressionistischen Spannungsfeldes. Die prononzierten Gegensätze haben sich nach innen verlagert, in Sprach- und Wortgefüge, in den Rhythmus, der ihre Bebungen nachschwingt. Das verleiht ihnen bildhafte Intensität, die wie aus einem konzentrierenden Spiegel heraufscheint.
      Hier das Goethe'sche Lebenswort, bei Konrad Weiß das schaffende Gotteswort. Indem der Dichter sich zu einer Ordnung verhält, ehrfürchtig vor ihr zurücktritt und sie in die geistige Ordnung der Sprache übersetzt, löst sich die Ãœberspannung des Ich, das an seiner Aufgabe, Brücke zwischen dem Jegewesenen und dem Jekünf tigen zu sein, schier zerbrach.
      Hermann Kasack fand in der Lebenshaltung der Chinesen, wie sie sich in ihrer Malerei darstellt, die Erlösung vom Leiden am Ich. Dies ist auch die Lehre, die er im zweiten Teil seines Romans 'Die Stadt hinter dem Strom" vermittelt. Doch handelt es sich hier nicht um Exotismus; vielmehr werden innerhalb der heimischen Tradition mystische Seelenlagen von neuem erlebnisfähig. Die Wortmystik bei Lehmann, Konrad Weiß, ja sogar bei Loerke, der das 'Erleben heimleitet durch Sprache" — bei Hermann Kasack, dem Mystik durch die Kunst des Ostens zur Bestätigung wird, tritt in vielerlei Aggregatzuständen auf, fußt jedoch auf demselben Grunderlebnis. Bei Kasack verbindet sie sich mit jener feinen Moralität, die ihr ein rationales Element beisteuert und sie der Spruchweisheit gefügig macht.
     
Die Lyrik von Elisabeth Langgässer — in 'Der Laubmann und die Rose" und 'Geist in den Sinnen behaust" — ist ein mystisches Glasperlenspiel. Mythologie, theologische, som= nambule Chiffren treten zu einem Mosaik zusammen, das strahlenförmig auf eine Blume, einen Vogel, eine Land schaft hinweist. Aber der Gegenstand ist jeweils nur Sym= bol einer tieferen Mitte, die verborgen bleibt. Die spie gelnde Glaskugel im Garten, deren Rundung Bilder ein fängt und zu täuschender Einheit versammelt, umschließt einen leeren Raum. Nicht zufällig erscheint die Glaskugel so häufig im Werk von Elisabeth Langgässer. Sie ist die Chiffre einer nihilistischen Mystik.
     

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