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Mißverstandene Dichtung



In einer Untersuchung 'Unruhe und Geborgenheit" hat der Tübinger Philosoph Friedrich Bollnow nach Ansätzen zur Ãœberwindung des Existentialismus in der Dichtung der Zeit geforscht und solche unter anderen bei Friedrich Georg Jünger und Werner Bergengruen zu finden geglaubt. Das Problem verdient darum Aufmerksamkeit, weil in der These Bollnows eine typische Einstellung des modernen Menschen hinsichtlich der Dichtung zum Ausdruck kommt. 'Unruhe" heißt auf einen Horizont hinleben, der sich nicht mehr zur Sphäre schließen will oder von dem ganz Anderen — der 'Mauer" bei Sartre oder dem 'Ungemach" bei Camus — verstellt wird. 'Unruhe" heißt: in der Herrlichkeit ihr un= abtrennbares Widerspiel: die Schuld erkennen, eine Ambi« valenz, die Camus aufzeigt, indem er den Kreuzestod Christi als eine Art Buße für den Bethlemitischen Kindermord, von dem Er als einziger verschont blieb, auffaßt. Unruhe heißt mithin: daß jedes erworbene Recht, jeder Vorzug des einzelnen — und sei es des Menschensohnes — mit einem Raub an der allgemeinen Not erkauft ist, daß wir den umgekehrten Weg gehen und die Herrlichkeit dort auf* suchen müssen, wo ihr Glanz den tiefsten Schatten wirft.
      Denn groß ist das Leiden in der Welt, gewaltig ist es und
[unendlich

Es hat umfangen, an dem Himmel und Erde zerschellen, es
[hat ausgehalten das Gewicht der ewigen Liebe.
      So heißt es mit paradoxer Antithetik in den 'Hymnen an die Kirche" von Gertrud von Le Fort. Es ist schwer einzusehen, wie eine Haltung, die einem Grund letzter Selbsterfahrung entspringt, philosophisch überwunden werden soll, und zwar ohne Beihilfe theologischer Begriffe, die — wie Bollnow versichert — nicht ein« bezogen werden sollen.
      Die Frage ist aber schon insofern schief gestellt, als mit dem Begriff 'Existentialismus" die Theorie von der Ge« stalt der Dichtung abgelöst wird. Jede Theorie ist provisorisch. Dichtung kann aber nie provisorisch sein. Der Held von Sartre's Roman 'La Nausee", der 'Juge=penitent" von Camus sind Menschen, an denen der Theoretiker von mor» gen Anstoß nehmen mag, die er als überwundene Größen hinter sich lassen mag, die aber trotz allem als Gestalten existent bleiben und wie der Rastignac von Balzac, der 'Reiser" von Karl Philipp Moritz auf unberechenbare Weise wirksam werden können. Philosophische Theorien können überwunden werden. Dichtung hingegen, wenn es denn wahrhaft Dichtung ist — und nicht philosophisches Surro» gat — kann nicht überwunden werden. Sehr wahrscheinlich wird man in hundert Jahren von dem philosophischen Existentialismus wenig mehr wissen. Aber sollte sich ein Leser finden, der nach hundert Jahren die Erzählung 'La Chute" von Camus in die Hand nimmt, so wird er nicht fragen, von wem oder durch was der unselige Held abgelöst oder überwunden worden ist; vielmehr wird er so naiv sein, dem Vorfall auf der Seinebrücke, der seinen Sturz herbeigeführt hat, sein volles individuelles Gewicht zu lassen, ohne dem Mann eine philosophische Strickleiter zuzuwerfen.

     
Wer sich als Dichter auf den Fortschritt verläßt, ist für die Dichtung meistens verloren. Die 'Geborgenheit" in der Dichtung Friedrich Georg Jüngers oder Werner Bergen= gruens als positiven Gewinn, das heißt als Ãœberwindung der 'Unruhe" buchen, heißt der Dichtung ein Ziel vor= setzen, das sie gar nicht erreichen will, das allenfalls der philosophischen Wahrheitsfindung angemessen sein mag, das aber wie das hypothetische Ziel persönlichen Schicksals eine reine Fiktion bleibt.
      Außerdem: ist es statthaft, das lyrische Corpus im Werk eines Dichters von seinem übrigen Schaffen abzulösen und mit einer Autonomie auszustatten, die existentiell alles über den Dichter aussagen soll und wodurch der Spannungs= koeffizient, den es seiner Verstrebung im Ganzen verdankt, unberücksichtigt bleibt?
Bollnows Hypothese wäre nur dann gerechtfertigt, wenn Bergengruen und Friedrich Georg Jünger ausschließlich Lyriker wären wie Rilke. In Wirklichkeit hat die 'Gebor= genheit", die man aus ihrer Lyrik herauslesen kann, in ihrem erzählenden Werk eine sehr problematische Kehr* seite. 'Einzig das Lied überm Land heiligt und feiert" heißt es bei Rilke. Sollte nicht die Lyrik in ihrem Werk das innig umworbene Wunschbild feiern, dem sie in der Wirklichkeit nicht mehr genügen können, das nur noch mit der idealen Realität von Rhythmus und Form zu beschwören ist und zu dem offenen Horizont, in den sie hineinleben müssen, den geschlossenen Gegenhorizont bildet? Statt jener 'Geborgenheit", von der Bollnow spricht, läge hier mithin eine ähnliche Spaltung vor, wie sie in der Dich» tung von Rilke, Loerke und anderen zu beobachten war, nur daß die Spaltung bei ihnen zwischen den Gattungen verläuft und einer heilen, geschlossenen Welt in der Lyrik eine problematische, reflektierende, philosophisch beun» ruhigte Welt der Epik und des Essays gegenübersteht? Aber auch diese Scheidung ist cum grano salis zu verstehen. Blicken wir in Bergengruens 'Heile Welt" tiefer hinein, so müssen wir uns fragen, was sie vor dem Niedergang, dem Zerfall retten kann, wenn ihr die künstlerische Form ge= nommen wird. Die ewigen Sternbilder leben von Gnaden der Imagination, die ihren Reigen ebenso zur Ordnung fügen wie zerstören kann. Der Komposthaufen in der Gar* tenecke spricht von gärendem Verfall, von ewig unbezwun»genem Chaos, das immer wieder zum Schoß des Lebens wird. Das Elementare ist so mächtig wie das Geistige, und jede Gestalt, jede Figur ist unerbittlich dazu bestimmt, mit dem kreisenden Rad zu steigen und zu fallen. 'Dies Irae" heißt der Gedichtzyklus, der das Strafgericht der Kata= Strophe besingt. 'Metanoeite" heißt die Mahnung an die Völker Europas.
      Erwähnen wir im Vorübergehen, daß bei Reinhold Schnei= der — in den 'Hohenzollerngedichten", bei Jochen Klepper und in dem Gedichtkreis 'Ewiger Kaiser" von Werner Ber= gengruen dem willkürlichen Mißbrauch der Macht ein Ur= bild mystischen Herrschaftsadels entgegengesetzt wird. Karl Kerenyi deutet die X. Ekloge von Vergil und 'Die Friedensfeier" von Hölderlin ähnlich. Die Rückkehr der 'saturnischen Herrschaft", die im Lebensganzen zyklisch gebunden ist, tritt in Gegensatz zur Macht, die geradlinig fortstrebend sich selber zerstört. So auch in Bergengruens 'Am Himmel wie auf Erden".
      Auch die Gedichte von Friedrich Georg Jünger sind als eine Ellipse zu deuten, mit der sich der Dichter vom Treiben der Zeit ausnimmt. Zeitkritik kann ja auch darin bestehen, daß unberührte Gefilde, unbenutzte Quellen, die vom gro= ßen Troß unbeachtet bleiben, durch die Wünschelrute der Kunst zu neuen Kraftspendern werden. Die Lyrik wäre nicht, was sie ist — nämlich unzeitgemäß, da sie immer vom Gesamtschicksal des Menschen Kunde gibt — wenn man sie auf Programme festnageln könnte. Georg von der Vring und Hans Carossa sind ebensowenig programmatisch wie Georg Britting. Es kann nicht die Ab= sieht dieses Ãœberblicks sein, möglichst viele Namen zu nen= nen. Der Betrachter muß sich bei dem Versuch bescheiden, einige der Grundfiguren moderner Lyrik anzudeuten.
     

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