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Kritische Vorbemerkung



Der lyrische Frühling, der nach dem Ende des Krieges auf brach, hat verhältnismäßig geringe Frucht angesetzt. Es gibt dafür äußere und innere Gründe. Gedichte, die zum Teil auf losen Blättern oder Packpapier vertrieben wurden, be« reiteten dem Verleger geringere Schwierigkeiten als umfang reiche Manuskripte. Zudem bot das lyrische Dichten Ge legenheit, sich lange zurückgedämmter Gefühle auf die leichteste Art zu entäußern. Der Bruch in der Tradition machte sich hier nicht so geltend, weil man, auf die Spontaneität des lyrischen Genius vertrauend, dichten zu können glaubte, wie einem gerade ums Herz war. Nun ist aber die lyrische Mitteilung von Stimmungen, die sich, um Einverständnis werbend, in irgendeine Form ergießen, das Hinfälligste, was sich denken läßt, und erregt, in der Masse genossen, binnen kurzem Überdruß. Nur vorüber» gehend hielt die Täuschung vor, als seien die neuen Stim= men, die in die endlich verkündete Waffenruhe hineintönten, wirklich neue Stimmen, als sei der bloße Erweis, daß es noch ein Gemüts* und Empfindungsleben gebe, hinrei» chend, um die Lyrik zu legitimieren. Die Tatsache, daß wie» der gedichtet wurde - und zwar nicht nach Vorschrift von oben, sondern aus dem Herzen - versah die Lyrik vorüber» gehend mit einer Bedeutung, die auf Grund inflationärer Massenproduktion alsbald der Entwertung verfiel. Die Lyrik nimmt auch heute noch einen breiten Raum ein. Aber es läßt sich voraussagen, daß von den Figuren, die sie entwirft, von den Tendenzen und Programmen, die sie be= folgt, nur ein geringer Teil lebenskräftig bleiben wird. Die selbstbeschwichtigende Redensart, daß Lyrik ihrem We=> sen nach transitorisch sei, verrät die innere Unsicherheit, die dem Experiment vor der Leistung den Vorzug gibt. Es handelt sich hier um eine geläufige Verwechslung. Der theo= retische Betrachter der Lyrik kann die Behauptung auf stel= len, daß die Dichtung in ständigen Übergängen begriffen sei. Der Dichter schwächt seinen Elan, wenn er vorgibt, er habe es nicht auf Dauerhaftigkeit abgesehen, wenn er uns

zu einer Aufmerksamkeit, einer Konzentration nötigt, die er vor sich selber desavouiert. Ist der Lyriker gleichzeitig Theoretiker, so beginne er da zu dichten, wo seine Theorie aufhört.
      Die Lyrik der Gegenwart leidet an einem Übermaß theo» retischer Spekulation. Jede Theorie ist provisorisch. Aber es gibt kein provisorisches Gedicht. Die fragmentarische Verszeile aus einer der späten Hymnen Hölderlins ist nicht provisorisch. Die Variante zu einem Vers von Trakl ist - für sich selbst genommen - endgültig. Dichtungstheorie und Gedicht sind zweierlei. Unstreitig enthalten auch die großen Gedichte von T. S. Eliot theoretische Momente, aber gerade in diesem Punkt ist Eliot nicht nachahmenswert. Unstreitig gibt es auch bei Rilke Stellen, wo ein abstrakter Gedanke allegorisch ausgestattet wird. Man denke an die "Modistin La Mort" und die "billigen Winterhüte" des Schicksals". Aber gerade hier verfällt Rilke einem billigen Manierismus.
      Die Prophezeiung, daß sich ein großer Teil der Tendenzen, die heute befolgt werden, binnen weniger Jahre erschöpft haben wird, ist so zu begründen: Tendenzen, die nicht mehr in einem geschichtlichen Spannungsgefüge stehen, das ihre "raison de vivre" begründet, haben nur noch manieristische Folgen.
      Lyrischer Gefühlsüberschwang taugt ebensowenig für ein wirkliches Gedicht wie theoretisches Bescheidwissen. Der Betrachter moderner Lyrik hat nicht selten das bedrückende Gefühl, als seien die Arsenale und Werkstätten der großen Dichtung dreier Jahrzehnte für das dichtende Publikum freigegeben worden, das sich in ihren Hallen experimentie= rend tummelt. Bedrückend ist vor allem die frischfröhliche Camaraderie, die zu dem einsamen Leiden der Größten un= ter den Vorgängern in schreiendem Widerspruch steht. Und schwer erträglich ist die Süffisance, mit der junge Lyriker gelegentlich zu verstehen geben, daß ihre Gedichte - da sie ohnehin dunkel seien -, überhaupt nicht fehlschlagen könn= ten, daß auch die Schnitzer und Werkschnitzel, mag ihre krasse Verfehltheit mit Händen zu greifen sein, in den Band oder die Anthologie hinein gehörten.
      Ein Versagen scheint es nicht mehr zu geben, und darum auch kein Ringen um Vollkommenheit. Wenn sich der lyri» sehe Impuls, von dem zu reden immer noch sinnvoll ist, erschöpft hat, so muß die Theorie weiterhelfen. Die Not= wendigkeit zu dichten wird dann zu experimenteller Not« zucht an der Dichtung. Die Späne werden in Muster ge= bracht, die Muster werden kopiert.
      Von den Schattenseiten der Gegenwartslyrik mußte zuerst gesprochen werden, weil die Impotenz des Besseren Feind ist. Wenn sich aus unserer Studie ergibt, daß mit einiger Sicherheit gesagt werden kann, wo wir es mit legitimer Fortbildung der Strukturen der zwanziger Jahre zu tun haben und wo mit Klitterei oder schabionisierter Verviel= fältigung, wird die Gegenwartslyrik vielleicht wieder reif für kritische Betrachtung. Die Ohnmacht, in die ein gut Teil der Betrachter moderner Lyrik verfallen - von Siegfried Melchinger, Curt Hohoff, Hans Egon Holthusen und an» deren abgesehen -, wenn man sie mit dem Tabu des schlechthin Modernen schreckt, trägt zur Vermassung der Lyrik bei. Es geht nicht um "verständliche" oder "unver» ständliche" Dichtung - es geht um die lyrische Struktur. Keine theoretische Erklärung, die von außen herangeführt wird, kann Ersatz für sie bieten, wenn sie nicht im Gedicht selber enthalten ist.
      Wir haben im vorigen Kapitel dargestellt, daß die intensive Spannung zwischen Tradition und Utopie, die den Roman der zwanziger und dreißiger Jahre trägt, bei Kriegsende erloschen ist. Der weit ausgreifende Roman von Alfred Döblin "Hamlet oder die lange Nacht nimmt ein Ende", der sich wie ein erratischer Block in die Literaturlandschaft der Gegenwart schiebt, nötigt uns größte Bewunderung ab, doch zugleich erkennen wir in ihm den Zeugen einer an« deren Klimaperiode.
      Die gleiche Feststellung ist hinsichtlich der Lyrik zu treffen. Die Nachwirkung der Lyrik von Gottfried Benn erfolgt in verschobener Form. Hervorgehoben wird sein weltanschau» licher Nihilismus, sein Im=Krelse=Gehen, seine Tabula» rasa=Philosophie. Nicht mehr verstanden wird sein diony= sischer Taumel, sein negierendes Allwissen, seine negative Universalität. Beides gehört aber zusammen. Und nur aus der Spannung zwischen dem einen und dem anderen ist das Phänomen des Gedichtes von Benn zu verstehen. Benns Lyrik ist der geologische Prozeß. Benns Nachfolger machen aus ihm einen Steinbruch, um mit seinen Trümmern ihre eigenen Gebäude zu schmücken.
     
Ähnlich verhält es sich mit der leeren Transzendenz Rilkes, mit der leeren Immanenz Trakls, auf die wir eingegangen sind. Wir finden zwar bei den Trakl=Nachf olgern eine hoch» gradig entwickelte Chiffrierkunst, aber ohne Schicksals» Spannung. Wir finden bei den Rilke=Nachfolgern sub= jektives Allegorisieren, aber ohne den ernstlichen Willen zur Transzendenz. Das eigentliche Spannungsmoment fehlt. "Ein großer Aufwand ist umsonst vertan" - dieses Empfinden steht nicht am Ende, sondern am Anfang des modernen Gedichts. Der Aufwand ist leer, noch bevor er aufgewendet wurde. Diese verkehrte Tendenz, die das Gedicht zum Spiegelphänomen macht, entspricht dem Um» schlag der Utopie in die Eschatologie, von dem im vorigen Kapitel die Rede war.
     

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