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Frauendichtung



In der Frauendichtung der jüngsten Gegenwart ist dieser Charakter einer spröden gläsernen Gebrechlichkeit häufiger zu finden. Ilse Aichingers Roman 'Die größere Hoffnung", auf den wir im vorigen Kapitel eingegangen sind, hat jene Dünnwandigkeit, die jederzeit in die Tiefe hinein durch» brechen kann. Er ist nicht eigentlich Roman, sondern die negative Aussparung von Märchen, die der Welt verloren gegangen sind. Ihre Spiegelgeschichte ist ein Gang durch den Spiegel. Wir müssen ihre Lyrik im Zusammenhang mit der Epik betrachten, weil die Grenzen zwischen beiden fließend sind. Herbert Eisenreich, der im Hinblick auf seine eigene Erzählweise für den Zusammenhang zwischen Ge= schichtenerzählen und lyrischem Dichten ein sicheres Ge= fühl hat, sieht ihr Gemeinsames in der relativen Distanz. Die erzählte Geschichte hat eine verstellbare Optik. Ebenso das Gedicht. Eisen* reich fixiert vom Fenster eines Büros herab ein Liebespaar, das im Begriff ist, sich im Streit zu trennen, und macht daraus eine Vor= und Nachgeschichte. Die szenischen Dia= löge von Ilse Aichinger — 'Zu keiner Stunde" — sind in Wahrheit lyrische Perspektiven, die an Partner verteilt sind. Ihr mystischer Gehalt tritt als Hieroglyphe nach außen. Wir haben auf einen ähnlichen Vorgang bei Christian Mor= genstern hingewiesen. Der 'Käfer", in den Gregor Samsa bei Kafka verwandelt wird, und Palmström, der sich ineinem Glase Wasser auflösen möchte, machen den gleichen Prozeß durch. Auch die Wortspiele — wenn der pfiffige von Korf zu dem Kleidungsstück 'Westen" sogenannte 'Osten" erfindet, haben bei Kafka Parallelen. Wortspiele sind häufig auch das Gelenk in den Dialogen von Ilse Aichinger. Der Gegenstand wird zur Replik einer mystischen Grunderfah= rung, die ihrer inneren Leere nach außen entflieht und den Spiegel der Wirklichkeit durchbrechen will. Die Vision
— 'der feurige Wagen des Elias" — am Schluß eines dieser Stücke wird als Regieanweisung so weit wie möglich von der Erlebnismitte abgerückt. So steht bei Christian Morgen= stern der 'Forstadjunkt", der das wüste Theater einer Sturmnacht erlebt, ganz abgerückt als winziger Punkt am Ende des Gedichts. Wer Spiegelschrift zu lesen versteht, wird in den Gedichten von Ilse Aichinger eine große Anzahl ähnlicher Beispiele finden.
      Christine Busta, die mit dem Trakl=Preis ausgezeichnet wurde, verwandelt den starren Schicksalsraum Trakls, dem sie aus weiblicher Polarität zustrebt, in die bergende Höhle. Was bei ihm hart und schneidend ist, wird bei ihr weich und lindernd. Ein Gedicht, das von einem Gemälde Cha= galls angeregt ist, hat die gedämpfte Glut einer magischen Welthöhle. Man ist versucht zu meinen, dies sei der eigent= liehe Ton der Dichterin, wenn auch dergleichen Meinungen ohne jedes Gewicht sind. Warum die selbstverlorene Ma= gie, die Unwegsamkeit, die metallene Kälte gerade Trakls? Tieferes Eindringen in die Gedichte legt den Gedanken nahe, daß ebendiese Kälte, diese Erstarrung, dieser eisige Block zu irgendeiner Zeit die innerste Lebensmitte der Dich= terin getroffen haben muß, und daß die warme Welt, die Höhle diesen Block als ihren Kern umschließt. Es ist der Meteor, den die Erde vergebens sich einzuverwandeln trach= tet, den sie nur umhüllen, begraben, in Muster des eigenen Lebens kleiden, aber nie auflösen kann. Trakls Schicksal
— oder das Schicksal schlechthin ist in Christine Bustas Gedichten das entfremdende Prinzip, das den inneren Raum mit gewendeten Bildern des Lebens umstellt.
      'Ja, da warst du mir hingerollt, Großer Ball voll Saft und Farbe", heißt es in den Gedichten von Ina Seidel hymnisch von der Erde. Dieser Ton ist aus der Lyrik der Gegenwart ganz verschwunden. Bei Ingeborg Bachmann herrscht ein asketischer Ton vor:

Wirf die Fische ins Meer,

Lösch die Lupinen!
Es kommen härtere Tage.
      Die nicht selten wegwerfende Gebärde ihrer Lyrik, der ab« gebrochene Schwung, die zur losen Perle gewordene Me* tapher passen zu dem enggegürteten Rhythmus. Während Ilse Aichinger auf den letzten, den vorenthaltenen Satz eines Märchens wartet, das man ihr als Kind erzählt hat und der irgendwann einmal die Antwort schlechthin sein wird, während Christine Busta von tönernen Symbolen träumt, die im großen Bauernofen der Welt gebrannt werden, ist Ingeborg Bachmann immer zum Aufbruch bereit und läßt die Metamorphosen der Erde noch einmal an sich vorüber» ziehen.
      Ihre Gedichte ergreifen uns wohl deshalb so stark, weil sie Muster erkennen lassen, wo wir bisher nur Schutt und Trümmer sahen. Das Lebensgefühl ist im allgemeinen zu träge, um die veränderte Landschaft der Welt ebenso gültig wie jede vergangene zu nehmen. Und doch wird diese Landschaft, solange wir leben, die unsere sein. Der Verzicht auf jede Endgültigkeit, die Bejahung des Rätselhaften, die leichtbeschuhte Entschlossenheit in den Gedichten von In* geborg Bachmann nehmen gefangen. Wir betreten Rilkes Landschaft der Klage, aber nicht die Klage führt uns, son» dem eine Ãœberlebende des Schreckens. Ohne Mühe erken« nen wir Beschworenes, das nicht mehr sein kann und in der stummen Chiffre fortdauert, oder wir erkennen künf= tige Figuren, die uns nicht mehr einschließen. Es ist bezeichnend, daß in einer Besprechung der Gedichte von Christine Lavant der Kritiker Curt Hohoff, durch den 'Staub der Straßen" scheu gemacht, an eine Mystifikation glaubte. Er hatte insofern nicht ganz unrecht, als Christine Lavant, obwohl sie ein durchaus greifbares Dasein führt, in ihren Gedichten medial wirkt. Nur stelle man sich dar« unter nichts Verschwommenes, Nebuloses oder gar Morbides vor, eher etwas derb Hexenhaftes, Faszinierendes, ja Alp= druckhaftes. Wenn es einen Beweis brauchte, daß Dichtung immer unberechenbar ist, daß sie ihr Geschöpf, den Dichter, zwingt, sich ihr mit Haut und Haar zu unterwerfen, damit sie zur Welt komme, so wäre dieser Beweis bei Christine Lavant abermals erbracht. Das Archaische, Hintersinnige,oder wie man es nennen mag, auch das Haarsträubende und Atemverschlagende ist hier mit jener Selbstverständ= lichkeit da, vor der jede Kritik resigniert. Es ist nicht an= zunehmen, daß der Dichterin ihre Werke in den Schoß fallen. Es wird harter Mühe bedürfen, um sie einigermaßen glatt zu lecken. Aber die Notwendigkeit ist da, die gerade in der heutigen Lyrik oft so erschreckend fehlt. Ich er= innere mich, wie Arthur Kutscher aus gleichem Grund den Versband 'Sichel am Himmel" von Richard Billinger seiner= zeit enthusiastisch feierte.
     

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