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Die Frage nach dem Wert des Lebens



Es mag zum Schluß dieses Kapitels angedeutet werden, worin der Betrachter eine Möglichkeit der Befreiung aus der Unwegsamkeit erblickt, in der sich die Lyrik gegen= wärtig befindet. Rudolf Borchardt hat in seiner Rede über 'Dichten und Forschen", die er im Jahre 1925 an der Uni= versität Zürich hielt, für die Poesie ausdrücklich die Teil= nähme an den Erkenntnisvorgängen der Gegenwart gefor= dert, wobei freilich der Unterschied im Auge behalten wurde, der zwischen ihrem Anliegen und dem Anliegen der Wissenschaft besteht. Während die Wissenschaft ihre Front immer weiter hinausverlegt und dem Dienst an der Wahr= heit wohl auch die eigene Persönlichkeit opfert, liegt nach Borchardt der Dichtung ob, jene Grundsteine zu bewahren, die in Form von Axiomen, über die hinaus nicht zurück-gegangen werden kann, auch die schwindelndsten Gebäude der Wissenschaft tragen. Loerke sprach vom 'Heimleiten des Erlebens in die Form seiner Existenz durch Sprache". Borchardt spricht von 'Bewegungen aus der Menschheit" oder — wie er gleich hinzufügt — 'aus der Poesie" heraus, durch deren Impuls die Frage nach dem Wert des Lebens neu gestellt wird und die stark genug sind, das Gebäude einer Weltanschauung zu zersprengen. In der Anthologie 'Transit" hebt sich ein Abschnitt durch überzeugende Geschlossenheit hervor. Er umfaßt die Ge dichte: 'Der lag besonders mühelos am Rand" von W. Hol lerer, 'Der junge Soldat" von Hans Bender, 'Ein bleicher Troß, heimwärts" von Höllerer, 'Nachtstück mit fremden Soldaten" von Karl Krolow, 'Todesfuge" von Paul Celan, 'Gesang um nicht zu sterben" von Wolfgang Weyrauch. Die Gedichtgruppe überzeugt deshalb unmittelbar, weil sie ohne den Umweg über eine ästhetische Theorie die Frage nach dem Wert des Lebens stellt. Man hätte das Gedicht 'Ein Traum" von Peter Gan 'Mir träumte diese Nacht, es wäre Krieg" mit hinzunehmen können. Mag die Frage auch mit der größten Enthaltsamkeit eher negativ als positiv ge« stellt sein, so tritt uns doch hier der Charakter einer Ge» neration, die die Urfrage der Poesie vom Menschen der Gegenwart aus stellt, nachdrücklich entgegen. Oder eine andere Beobachtung: in zwei Anthologien der Gegenwart — 'Ergriffenes Dasein" und 'Transit", die in ihren Gesichtspunkten weit voneinander abweichen, ist Ber» tolt Brecht, wenn auch nicht der Zahl, so doch dem Gewicht nach gleich stark vertreten. Wer künftig eine Anthologie besorgt, wird ebensowenig an seinen Gedichten vorbei» gehen können, will er nicht das Gesicht der Auswahl ver» fälschen. Daß dem so ist, hat mit ästhetischem Werturteil erst in zweiter Linie zu tun. Entscheidend ist, daß Brecht die Frage nach dem Wert des Lebens auf präzise Art ge= stellt hat, und daß es wenig verschlägt, ob wir seine Antwort falsch, dogmatisch oder voreingenommen finden. Die Tatsache, daß ein Dichter vermocht hat, das soziale Schick-sal zum Gegenstand einer Lebensfrage zu machen, daß er den Nerv eines kollektiven Anliegens getroffen, daß er ein Problem spruchreif gemacht hat, bedeutet, rein für sich betrachtet, eine Aufwertung der Lyrik. Weniger scharf unddoktrinär, aber in der Sache eindeutig haben Erich Kästner, Hugo Ball und Klabund die Gegner des Humanen in die Schranken gefordert. Daß Eugen Roth Gedichte ge= schrieben hat, die mit der Zeile 'Ein Mensch ..." anfangen, ist in weiten Kreisen bekannt. Daß es aber Jugendsonette von ihm gibt, die auf dem mystischen Pfad einer Einheitslehre wandern, dürften nur wenige wissen. Beides gehört zusammen. Die vollständige Ausgabe der Gedichte von Brecht wird zeigen, daß es diesem bitteren Polemiker an einem elementaren Einheitsgefühl ebensowenig gefehlt hat wie dem Songdichter Klabund an einer visionären Gesamtschau. Die Gedichte aus der Zeit des 'Baal" können davon überzeugen. Wir haben bei Morgenstern gesehen, wie sich das mystische Erlebnis dissoziiert und in ein objektiv Hingestelltes und ein subjektiv Diffuses auseinandertritt. 'Korf erfindet eine Art von Witzen" und 'Palmström wünscht sich manchmal aufzulösen".
      Die beiden Vorgänge verhalten sich komplementär. Die konstruktive Ballade Brechts, die vorzeigen, den Effekt verfremden will, hat in einem umfassenden sozialen Erbarmen ihr Gegenstück. Galilei will die Menschheit durch Experimente unterweisen und zur Vernunft erziehen: aber eine Gegenfigur des Stücks verweist auf die trostlose Lage der Bauern, die von ihren Pachtherren geschunden werden. Das lyrische Gedicht zielt wie die Wissenschaft auf Wahrheit, doch es hat zum Partner die Menschheit. Zitieren wir, um an Hand von Kontrasten das Gemeinsame herauszuarbeiten, ein anderes Beispiel: 'Die Hymnen an die Kirche" von Gertrud von Le Fort. Hier ertönt nicht die subjektive Stimme der Dichterin, sondern die liturgische Stimme der Vorsängerin einer Gemeinde. Das Gedicht rückt ein in den Raum der großen Litaneien. Es beklagt das Menschenlos, die Einsamkeit zwischen Mensch und Mensch, die Einsamkeit des eigenen Weges, die Einsamkeit des eigenen Sterbens. Aber indem das Gedicht die Menschheit in seinen Atem faßt, nach dem Sinn des Lebens fragt und sie der göttlichen Verheißung entgegenträgt, wird es stark genug, eine eigene Wirklichkeit zu begründen. Ob wir den Glauben der Dichterin teilen, ob wir mit Brecht den 'Nachgeborenen" zutrauen, daß sie uns gerechter beurteilen werden — auch darin liegt ja ein transzendentes Moment — ist nicht so entscheidend, als daß wir uns angestoßen und in Be= wegung gesetzt fühlen. Hier wird — unabhängig von der Antwort — die Frage nach dem Wert des Lebens erhoben, die in einer seelenträgen, verödeten Zeit reinigend wirkt.

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