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Der dunkle Effekt



In seiner Einführung zu den 'Reden" von Rudolf Borchardt sagt R. A. Schröder, daß zwar über dem Leben aller Erden» söhne das 'balzacsche Korrelat Glanz und Elend" stehe. 'Aber" — so fährt er fort, auch eine zweite Gewißheit hat sich ihm immer mehr gefestigt, und zwar die, daß Bahn und Ziel des Menschengeistes nicht im Durchstöbern und Durchgründen seiner eigenen Ohnmacht beschlossen, son= dem sein gewiesener Weg von allem Anfang an der des Aufstiegs sei, nicht nur per aspera, sondern im allerernste* sten Sinne 'per atra ad astra".
      Aber vermag die pechschwarze Nacht der modernen Ver« zweiflung immer von ihrem Ernst zu überzeugen? Es ist nicht nur die Unverständlichkeit vieler moderner Gedichte, die das Mißvergnügen des Lesers hervorruft, sondern es ist ihr Wiederkäuen ohnmächtiger Verzweiflung in hyperboli» sehen Chiffren.
      In den Gedichten von Wolfgang Weyrauch schwingt das Pendel zwischen lyrischem Bekenntnis und eiskaltem Tech» nizismus. Die Sammlung 'Gesang um nicht zu sterben" enthält das geglückte Gedicht 'Beim Häherstrich".

     
Ich werde aus dem Labyrinth der Furcht vor Eurer Alchimie entfliehn, ins VJaldgebirg, zu Wind und Windesruh. Ich kehre nie zurück. Ich war ein Partisan, von Anfang an, ich tarnte mich. Kräht heut dreimal der Phosphorhahn, troll ich mich zu dem Häherstrich und bin allein. Allein zu sein, ist gut. Die Frage stürzt sich in die Antwort. Die Gedanken schrein nicht mehr. Ich schrei, ich denke, bin.
      Wie tritt hier unter einigem modernen Firnis wie 'Parti* san" und 'Phosphorhahn" die romantische Folie hervor! Und wie eng berührt sich Weyrauch mit Ernst Jüngers 'Waldgänger" in der Haltung, wenn er die moderne Tech= nik 'Alchimie" nennt, mit der sie doch wahrlich nichts mehr zu tun hat. Im vorigen Kapitel wurde gezeigt, daß die jün= gere Generation insbesondere die romantisierende Chiffre aufs Korn nimmt. Hier wird sie der Stimmung zuliebe auf= gewertet. 'Die Frage stürzt sich in die Antwort" — das ist mutatis mutandis das Leitmotiv der naturmystischen 'WakU einsamkeit" bei Tieck. Aber im selben Band steht das 'Oratorium":
Behauptungn = M1G,

Fragen stellend,
Im Ballon des Beobachters,

H2O = Sabre.
      Muß nicht der Leser an der Aufrichtigkeit des Dichters irre= werden, wenn ihm einmal als 'Alchimie" vorgesetzt wird, was ein paar Seiten später die enthumanisierte Formel des Physikers ausdrückt? Oder:

Mein Buchstab ist der Blitz, mein Wort das Feuer.
      Die Engel trinken Sprit im Paradies,er ist das Wasser, das der Teufel ließ.
      Der Himmel platzt, er war nicht ungeheuer.

     
Das ist radikalisierter Heine. Die echte Blasphemie ist wo= möglich noch schwerer zu treffen als die echte Liebeserklä* rung. Ein paar Seiten später lesen wir:
Sonnenritt und Schmetterling,blaue, gelbe Rose,

Meer, das sich den Himmel fing,
Mondesaprikose.
      So ist der Himmel doch 'ungeheuer" genug, daß ihn das Meer sich fangen kann. Der Einwand, in solchen Wider-Sprüchen würde eben die heillose Zerbrochenheit einer ehe-mals heilen Welt offenbar, wird nur jenen tiefsinnigen Grübler überzeugen, der sich abgewöhnt hat, an die Bürg-schaft des Wortes zu glauben, und der folglich auch nicht mehr weiß, daß Poeten und Gaukler aus derselben Familie stammen. Wieviel wird der Tirade zuliebe behauptet, was vom Gefühl im nächsten Augenblick stillschweigend zu» rückgenommen wird. Es fragt sich dabei immer, an wen die Tirade gerichtet ist. Den frommen Kirchgänger wird man erschrecken, indem man den Himmel 'geplatzt" nennt. Der Geliebten wird man am Ostseestrand versichern, daß er im Schoß des Meeres ruhe. 'Im Grunde", sagt der Amts-rat Zihal bei Doderer, 'sind das alles Gemeinheiten". Es gibt — und das wird häufig übersehen — einen Typus von Gedicht, der sich asketisch und absolut gebärdet, aber gerade mit dieser Eigenschaft auf einen rhetorischen Effekt abzielt. Das 'epater le bourgeois" — so müßig es scheinen mag, da es den Bourgeois, der sich epatieren ließe, nicht mehr gibt — hat doch insofern seinen guten Sinn, als man damit der Zunft imponieren kann. Gibt es doch unter den Dichterkollegen immer noch Halb» oder Dreiviertels= radikale, die man zu übertrumpfen hofft, indem man ihnen die letzte Kühnheit vorexerziert. Das Bürgertum oder was an seine Stelle getreten ist, hat sich hinter diesem Schirm von Gleichstrebenden, aber nicht gleichmäßig Fortgeschrittenen längst den Blicken entzogen. Jeder Kritiker oder Dichter, der nicht mit dem 'dernier cri" der Lyrik Unisono bläst, wird als Bürgerattrappe angepfeilt. Wie schmerzlich vermissen wir den ehemaligen Bourgeois, der sich noch zur Lyrik der Zeit äußerte! Dieses Memento, so ungern es vernommen werden mag.sollte bei der Betrachtung moderner Lyrik immer beachtet werden. Es schützt die Selbstverständlichkeit echter Dichtung vor der imitierenden Unverständlichkeit.
     

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