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Der Dichter: Mensch aller Zeiten



Es hieße jedoch, die Lyrik auf utopische Programme oder auf religiöse Glaubenslehren festlegen, wollte man nicht zu= geben, daß immer wieder schöpferische Momente weit zu= rückliegender Epochen in ihren Gebilden auferstehen kön= nen. Cyril Conolly, der als 'Palinurus" die Jahrhunderte und Gesellschaften aufzählt, in denen er wahlweise gelebt haben möchte, rührt damit an eine bedenkenswerte Tat» sache. Nur in Epochen, die sich jeder Tradition entschlagen haben, wird das aktuelle Moment derart überschätzt, wie es heute vielfach geschieht. Noch in den zwanziger Jahren knüpfte Brecht an Francois Villon, an die Bettleroper von Gray, an den 'Sturm und Drang" von Lenz und die Lehre des Laotse an. Klabund schrieb mit dem Blick auf seine Zeit die 'Literaturgeschichte in einer Stunde". Oskar Loerke schuf in seiner Sammlung 'Deutscher Geist" ein Hausbuch der Tradition. Wir könnten so fortfahren. Mit der Lyrik einer ganzen Anzahl von Dichtern der Gegenwart steht es nicht anders. In den Gedichten von Günter Eich lebt etwas von Matthias Claudius fort. Walter Höllerers Gedichte durchweht ein Hauch des mediterranen Mythos. Kuno Raeber zieht die Ãœberschneidungspunkte kulturgeschicht» licher Fluchtlinien in einem magischen Objektiv zusammen. Nur liegt bei allen der Nachdruck auf Ergebnis und Befund, nicht auf dem Entwicklungsgedanken. Paul Celan steht am Ende einer Tradition, die über Poe bis zu Novalis hinabreicht.


      Das Liebhaberische ist in unserer Zeit zu Unrecht verpönt, wenn es sich nicht als Konstruktion legitimiert. 'Dunkel» heit" ist nicht immer ein Zeichen von Tiefe. Peter Gan zeigt in seinen Gedichten, bis zu welcher Subtilität die Sprache gelangen kann, ohne das Medium der Mitteilung zu verdunkeln. Seine Lyrik mag den Leser gelegentlich pre= ziös anmuten, doch wenn Preziosität ein Ausdruck von Reichtum, nicht von Armut ist, sollten wir sie um der Kunstwillen lieben. Gesucht ist sie bei Peter Gan nie; dem Schlich» ten gibt er auf schlichte Weise Ausdruck. Hans Schiebet huth — der Ãœbersetzer von Thomas Wolfes Romanen — befand sich in einem ähnlichen Fall. In seinen Gedichten — 'Der Schlafdieb" — blühte die Sprache. Daneben standen Verse, die selbstverständlich ins Ohr fielen. Aber solche Verse gelingen zumeist nur dem, der durch verschlungene Labyrinthe gegangen ist. Trakls Verse:
Vielen ist der Tisch bereitet Und das Haus ist wohlbestelltzählen zu den großen Wundern der Lyrik. Es gibt solche Wunder auch bei Rudolf Alexander Schröder, bei Hof= mannsthal, in den frühen Gedichten von Borchardt, ja selbst bei George.
      Erschüttert vernahmen wir nach dem Krieg die 'Neue Stimme" von Karl Wolfskehl aus dem Exil. Hier war ein Dichter zum Urbild seines Schicksals durchgestoßen. In einem Brief an einen Freund bekannte er, den die Flucht bis nach Neuseeland verschlagen hatte, wo er sein Grab fand: 'Vom Tage ab, als das Schiff vom Hafen Europas abstieß, hab ich's gewußt, gelebt, ausgesprochen, ausge= schluchzt, ausgesungen, das Zeichen, unter dem mein Le= ben, die letzte Phase dieses Erdengangs seitdem steht. Die= ses Zeichen, mehr als ein Bild, es ist der ewige Fug des Judenschicksals. Und ich, zuckend, und fast widerstrebend gehorsam, fühl ich, der Mitwalter, der Mithüter des deut= sehen Geistes, mich dazu bestimmt, das lebendige, ja das schaffende Symbol dieses Schicksals darzustellen. Seit jenem Augenblick steht alles, was ich bin, was ich fühle, unter dem ewigen Namen Hiob, seitdem bin ich, leb ich, erfahr ich Hiob. Alles, was seitdem entstand, führt diesen Namen, oder, auch wo es abseits gewachsen scheint, ist es von ihm durchwebt."
Dichter, die in mittelbarer oder unmittelbarer Nachfolge Georges stehen — wie Henry Benrath und Fritz Usinger — hatten ein Ideal zu verantworten, das nur die strengste Wahrung der Form vor narzißtischer Verkümmerung schützen konnte. Emil Barth rang in den 'Xantener Hym= nen" mit der Realität des Krieges und der Zerstörung, die sich mit dem Pathos der hohen Form nicht verbinden wollte. Dagegen sind ihm in dem abgeschirmten Bereich, wo Schön heit der Kunst und Natur noch unversehrt an ihrem Platz stehen, vollendete lyrische Schöpfungen gelungen. Daß in chaotischen Zeiten die Frauen auf natürliche Weise zu Wahrerinnen der Tradition werden, ohne sich einem Formideal zu verpflichten oder in einsamer Strenge preziös zu werden, haben wir im Laufe unserer Betrachtung mehr= fach beobachtet. Die Dichterin Oda Schäfer ist in ihrer Lyrik so modern wie zeitlos. Der romantische Zauberfaden läuft noch immer durch ihre Hand, etwas vom Wesen der Pere* grina geistert durch ihre Gedichte, die schmale Gänge eines Labyrinths schwebend durcheilen. Nirgends ist Aufenthalt, Bilder knüpfen sich an Bilder, und zuweilen ergreift uns Angst, daß die Grellheit des Tages die Nachtwandlerin wecken könnte, so hauchleicht ist ihr Traum. Ein Lyriker, bei dem das Bekenntnisgedicht noch seinen ursprünglichen Platz voll behauptet, ist Albrecht Goes. Auch er 'ein Feind der bequemen Halbwahrheit, ein Feind der Unmenschlichkeit, ein Feind der öden Uniformierung in jeglicher Gestalt; ein Freund aber des Menschen", wie er in einer Rede — zwischen Lessing und Wolfgang Bordiert einen Bogen schlagend — sagt.
     

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