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Das Generationsproblem in der Lyrik



Wie man sich angewöhnt hat, die Schweizer Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt als Vertreter des Dramas in einem Atem zu nennen, so hält man es in der Lyrik mit Karl Krolow und Heinz Piontek. Das ist — soviel ich sehe, kein Zufall. Gewisse Begabungen finden ihren Reflex in anders gearteten Begabungen und lassen einer im anderen Tugen= den und Schwächen hervortreten. Das Freundespaar Goethe und Schiller — im gleichen Altersabstand wie Krolow und Piontek — steht in diesem reflektorischen Verhältnis. Während bei Max Frisch das dramatische Calcul reiner auf= geht als bei Dürrenmatt, hat dieser den unmittelbar zu= packenden dramatischen Griff. Ähnlich stellt sich das Ver= hältnis von Krolow und Piontek dar: Krolow ist der be= wußtere Lyriker, der souverän über seine Mittel verfügt, mithin auch in größerer Gefahr ist, sich virtuos zu veraus= gaben, während Heinz Piontek ein beschränkteres Feld mit größerer Intensität bestellt.
      Das Gedicht 'Undine" läßt ein paar Nuancen der verglei= tenden Kunst Krolows erkennen:
Und du läßt aus der Hand Aale schlüpfen in raschen Wind
Heyms 'Ophelia" ist bei Krolow zu einem Elementarwesen zwischen Nixe und Ariel geworden. Die nächsten Verse stoßen näher zum Kern vor:
Messerwurf hing wie ein Schrei Im Himmel von tödlicher Süße Wasser begrub deine Füße, Stieg an der Stirn dir vorbei —

Die nächsten Verse gehören einzig und allein Krolow:
Tief in Gebüschen aus Zorn Wuchsen die Tischerbrauen
Dann sinkt das Gedicht ab zu der konzilianten Schluß» Strophe:
Aber du hattest gemischt dich unter Vögel und Schatten
Diese flüchtige Analyse mag zeigen, daß Krolows Messer=würfe ins Schwarze nicht selten von konzilianteren Ringenumgeben sind.
      In dem Gedicht 'Die letzte Nacht", das unter ein Motto von

Gerard de Nerval gestellt ist, gibt es schwarze und weiße
Treffer. Aber der letzte Schuß geht daneben — nämlich ins

Allegorische:
Mit dem hygienischen Weiß der Verzweiflung, Mit der Pechfarbe absoluter Stille.
      Diese Zugabe an den Leser — das hygienische Weiß der Verzweiflung stammt aus der Werkstatt der Modistin La Mort — zeigt, wie der Trick gemacht wird. Die Chiffre wirkt banal.
      Am stärksten ist Krolow immer da, wo er jäh und blind= lings trifft. Und zwar ist an solchen Stellen sein inneres Auge von Gewalttätigkeit verdunkelt. Hier erinnert sein Schwarz an Porträtumrisse von Max Beckmann. Der Brodem einer Matrosenkneipe, die scharf ausgeschnittene Figur auf einer Spielkarte, das 'Bateau Ivre" von Rimbaud draußen am Kai. . . Dagegen wenn er seine Dunkelheit sozusagen überbietet, indem er sie in Figuren und Arabesken ausein= anderzieht, verstimmt er uns gelegentlich durch eine Sa= loppheit, die am spezifischen Gewicht seiner Verse zweifeln läßt. Die eigenartige Mischung von blinder Sicherheit — und in solchen Fällen ist er unübertroffen —, die wir im Zustoßen und Zupacken spüren, und wiederholender Kon= zilianz, die das Stichwort punktierend vervielfältigt, bringt Krolow beim Leser in den Verdacht, daß er seine echten Würfe manieristisch auswertet.

     
Heinz Piontek, im Jahr 1925 geboren — das heißt zehn Jahre jünger als Krolow — zehrt von einem poetischen Erbe, des= sen ehemalige Aktualität ihn nicht als Mitlebenden dieser Generation ergriffen hat, sondern das für ihn zum schon archaisch gewordenen Grundbestand gehört. Sollte nicht die ontologische Frage, die in der jungen Literatur eine so her= vorstechende Rolle spielt, weniger auf die philosophische Haltung des betreffenden Autors als auf den literarischen Ansatzpunkt zurückzuführen sein?
Der junge Lyriker, der nach verpflichtenden Vorbildern Ausschau hält, erblickt jenseits einer ungegliederten Fläche — der Jahre 1933—45 — eme lyrische Formation, deren Staffelung in die Tiefe ihm entgeht, weil er sie nicht als Gebirge durchwandert hat. Die Gipfel sind zusammen* gerückt. T. S. Eliot und Gottfried Benn stehen nebenein= ander, Rilke und Ezra Pound. Mit dem schönen Recht des Erben überträgt er ihre Konfiguration in die eigene Lyrik. Da ihm die Spannungen, die ehemals das Feld der Lyrik beherrschten, nicht mehr nachfühlbar sind, gefriert ihm die Landschaft der zwanziger Jahre zu einem zwar inkohären= ten, von Rissen und Sprüngen durchzogenen, aber dennoch geschlossenen Block reinen Seins. Als Dichter in unpoeti= scher Zeit verläßt er sich auf die Bürgschaft jener Dichter, an die er glaubt — und nicht auf die Bürgschaft seines eige= nen Erlebens. Das literarische Seinserleben — bewirkt durch den Ausfall vermittelnder Kontinuität — wird ihm zum Seinserleben schlechthin. Sein alexandrinisches Verhältnis zur Lyrik der großen Vorgänger drängt ihn in die Rolle des alten Mannes, der die Inkohärenz und Rätselhaftigkeit der Welt nicht so sehr am eigenen Leibe erfahren, vielmehr wie Laotse mit siebenzig Jahren den Mutterschoß verlassen hat, belastet mit all dem Wissen, das früher die unmittel= bare Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit einzubringen pflegte.
      Die Differenz zwischen Krolow und Piontek, soweit ihre Haltung als Lyriker in Frage steht, braucht nicht metaphy= sisch gedeutet zu werden. Sie ist hinreichend erklärt durch die zehn Jahre, die der eine dem anderen voraus hat. Für Krolow, der sich noch in größerer Nähe zur Tradition be= findet, sind Spannungen, Metamorphosen, elastische Ver strebungen zwischen den Tendenzen der Vorgänger dem Gefühl noch zugänglich, woraus sich auch seine artistische Wendigkeit, die kritische Beherrschung der Mittel erklärt, während Piontek genötigt ist, den bereits erhärteten Block der Tradition mit eigenen Kräften zu durchdringen. Die Literatur lebt zum guten Teil von der Literatur. Wird die Tradition an einer bestimmten Stelle unterbrochen, so tritt ihre Wiederaufnahme nicht selten unter das falsche Vorzeichen einer philosophischen Haltung, die sich als Welt zueignet, was in Wahrheit literarische Form ist. Wenn Holt-husen in einer kritischen Betrachtung der Lyrik von Piontek sagt, er gehe wie Krolow von der Landschaft aus, so ist demgegenüber festzustellen, daß die Landschaft als erlebte Wirklichkeit des konsistenteste Element der Lyrik von Pion= tek ist, der eigentliche Ausweis seiner lyrischen Stärke, während die weltanschaulichen Folgerungen, die er aus der Lyrik der zwanziger Jahre zieht, literarisch gefärbt bleiben. Von großartiger Wucht sind die 'östlichen Romanzen" in seinem neuen Gedichtband 'Wassermarken".
     

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