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Chiffre und Konstruktion



Höllerer steht am Schnittpunkt zweier Tendenzen. Ãœber* nähme hier, Konstruktion da. Entweder: die Lyrik hält in Chiffren fest, was ehemals Bestandteil eines einheitlich geschlossenen Weltbildes war, mag es aus welchen Schich= ten auch immer — bewußten oder unbewußten — stammen und von der literarischen Tradition reproduziert worden sein. Oder: sie konstruiert das Erleben als selbständiges Gebilde. Die Anthologie 'Transit", die Höllerer herausgegeben hat, macht diesen Schnittpunkt deutlich und stellt somit ein ech= tes Dokument dar, mögen auch die Ansichten über die Bei= träge geteilt sein. Die moderne Lyrik steht auf der Schneide zwischen Atomisierung der Tradition und dem konstruk= tiven Zugriff. Beide Tendenzen haben ihre Wurzeln in den zwanziger Jahren. Damals fanden zwischen ihnen noch Kontakte statt. Wir sind der Dialektik von Archaismus und Rationalität in den vorhergehenden Kapiteln immer wieder begegnet. Heute haben sich beide Tendenzen radi= kal geschieden. Gottfried Benn auf der einen, Hans Arp auf der anderen Seite ziehen Gefolgschaften hinter sich nach, die kaum in Gefechtsberührung treten. Die Gefahr beider Richtungen besteht in geheimwissenschaftlicher Bürokratisierung einerseits und in technischer Verfrem= düng anderseits. Karl Krolow schrieb im März 1957 in der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung" über 'Moderne Lyrik als konzentriertes Leben in dieser Zeit": 'Man ist noch kein moderner Lyriker, wenn man vorgibt, in einem Labor in weißem Kittel mit verbalen Ingredienzien zu han= tieren, sondern bietet dabei — ehe man sich's versieht — einegarantiert keimfreie lyrische Romantizität an, die sich am eigenen Snobismus erregt." Diese unverkennbare Spitze wird jedoch mit den folgenden Sätzen konziliant überspielt: 'Das heutige Gedicht — in seinen besten Ausprägungen — hat wenig mit Avantgardismus und Traditionalismus, mit Konformismus oder Nonkonformismus zu tun. Es ist dafür viel zu unauffällig im Auftreten, im Dasein." Diese Bemerkung ist typisch für eine Generation, die revo= lutionären Auseinandersetzungen ein für allemal abge= schworen hat. Die Einigung auf die 'besten Ausprägun= gen" nimmt den Gesichtspunkt eines späteren Blütenlesers voraus. Während die Chiffrierkünstler über ihren Kanon wachen, hantieren die Männer im Laboratorium mit For= mein und Rezepten, während die einen zu Füßen philoso= phischer Lehrstühle sitzen, nehmen die anderen an der 'Hochschule für Gestaltung" Lehren von Max Bill entgegen. Welcher der beiden Richtungen gehört die Zukunft? Die Frage ist falsch gestellt, denn nie hat in der Lyrik einer Richtung die Zukunft gehört, sondern immer nur dem ein= zelnen Dichter.
      Wir sehen, wie sich in der Lyrik derselbe Weg abzeichnet, dem wir im Roman nachgegangen sind. Tradition und Uto= pie, die in den zwanziger Jahren in heftiger Fehde lagen, haben sich getrennt und verfolgen ihre jeweils absoluten Ziele.
     

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