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Situation der Nachkriegsliteratur



Bei stetiger geschichtlicher Entwicklung liefert eine Genera= tion, wenn sie in die zwanziger oder dreißiger Jahre ge= kommen ist, die ersten Proben ihres Könnens, schließt sich zu Gruppen zusammen, bildet einen Stil aus und setzt sich mit der Vorläufergeneration auseinander. Überblicken wir die heutige Nachkriegsliteratur, die mittlerweile zwölf Jahre alt geworden ist, so bietet sich ein völlig anderes Bild. Zur jüngeren Generation rechnen die Dreißig= und Vierzig* jährigen, während die jüngste Generation bisher nur ver= einzelt in Erscheinung getreten ist. Der Akzent hat sich auf eine andere Altersgruppe verlagert. Während Thomas Mann und Hermann Hesse, noch bevor sie die Grenze der Dreißig erreicht hatten, als Schriftsteller mit reifen Leistun* gen dastanden, bilden sich bei den Nachfolgern die Ansätze später und zögernder aus. Die Zerstörung des literarischen Klimas, die gewaltsamen Unterbrechungen in der persön= liehen Entwicklung, die Dezimierung bestimmter Jahrgänge mögen daran schuld sein.

      Verpflichtungen gegenüber der jüngsten Vergangenheit kommen als erschwerendes Moment hinzu. Die Emigran= tenliteratur ist noch kaum verarbeitet. Viele sehen in Tho= mas Mann den Autor der "Buddenbrooks" oder des "Zau= berberg"; allenfalls haben ihm "Der Erwählte" und die "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" neue Leser zu= geführt. Doch ist der große Komplex der Josephromane, sind die Essays der Spätjahre erst im Begriff, den ihnen gebührenden Platz zu erobern.
      Noch schlimmer steht es um Schriftsteller, deren Name aus dem deutschen Bewußtsein so völlig geschwunden ist, daß er von überlebenden Freunden, im Verein mit uneigen= nützigen Verlegern ein zweites Mal zur Geltung gebracht werden muß.
      Die Literatur der Emigration, die ein Großteil der Literatur der zwanziger Jahre ausmacht, befindet sich auch heute noch in der Diaspora. Als einheitliche Erscheinung, gebun= den an das gleiche Generationsproblem, wird sie bishernur von wenigen gesehen. So führt die Wiederentdeckung des Werks von Joseph Roth, das erst zwölf Jahre nach dem Krieg aus dem Exil heimgekehrt ist, nicht notwendig zur Wiederentdeckung des bestimmten Klimas, in dem es gediehen ist. Wer die mimosenhafte Empfindsamkeit, die Schwermut und den reizbaren Moralismus seiner Jünglinge nachzufühlen vermag, wird diese Scelenlage uneinge= schränkt dem Autor Roth zuschreiben, ohne zu bedenken, daß Arnold Zweig in seinen "Novellen um Claudia" oder Jakob Wassermann in seinem "Faber" unterm Einfluß der= selben Atmosphäre gestanden haben.
      Man gibt sich zufrieden, wenn Robert Musil und Hermann Broch mit James Joyce und Marcel Proust in Parallele ge= setzt werden. Ob jedoch diese Parallele zu Recht besteht, ob ihr nicht nur das Genre "Groß=Roman" zugrunde liegt, bleibt eine offene Frage. Zu beantworten ist sie nur, wenn man die Literatur jenes Zeitraums auf ihre innere Struktur hin prüft.
      In den letzten zehn Jahren sind Franz Kafka, Alfred Döb= lin, Hermann Broch, Robert Musil, Walter Benjamin, Jo= seph Roth, Hermann Kesten und viele andere in den litera= rischen Prozeß der Gegenwart eingeschleust worden. Ste= fan Zweig, Leonhard Frank, Franz Werfel, Jakob Wasser= mann sind mit ihren Büchern zu der Nachkriegsgeneration gestoßen. Theodor W. Adorno, Hermann Kesten und Ver= treter der "Gruppe 47" haben den verlorenen Anschluß an die zwanziger Jahre wiederherzustellen gesucht. Gottfried Benn hat die Ernte des Expressionismus gesichtet. Auf dem Theater haben Carl Zuckmayer und Bertolt Brecht die Tra= dition ihres Bühnenschaffens fortgesetzt. Dies soll nur als flüchtiger Abriß gelten. Aus dieser Über= lagerung ergibt sich eine eigenartige Situation. Der literari= sehen Leistung der zwanziger Jahre blieb bislang der ge= schichtliche Charakter versagt. Ihr Beitrag wurde aufge= spalten, zerstreut und zersplittert, bevor er als geschlossenes Phänomen ins Bewußtsein treten konnte. Alfred Döblin, eine echte Größe der zwanziger Jahre, hat sich nicht wieder durchgesetzt. Bruno Franks "Politische Novelle" wurde zwar nach dem Krieg neu verlegt, doch blieb das Gesamt= werk verschollen. Ebenso steht es mit Rene Schickele. Die falschen Gegensätze zwischen emigrierten und daheimge= bliebenen Schriftstellern, zwischen Juden und NichtJuden, zwischen Radikalen und Konservativen, zwischen Mora* listen und Getreuen setzen sich bis in die Gegenwart fort. Gewöhnlich schreibt eine heraufkommende Generation ihrer Vorgängerin einen bestimmten Charakter zu. Um sich deutlich von ihm abzusetzen, vereinfacht oder verzerrt sie ihn. Wo kein bestimmter Charakter dem eigenen Bekennt* nis einen Widerhalt bietet, nimmt das Wiederaufnahme* verfahren kein Ende.
     

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