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Sinnbildliche Intimität



Zwei Bücher, die nach dem Krieg in Deutschland erschienen, tragen dieses Dilemma mehr oder weniger deutlich an der Stirn: das eine ist die 'Deutsche Novelle" von Leonhard Frank, das andere ist ein satirisches Kabinettstück des Wie= ner Dichters Heimito von Doderer: 'Die erleuchteten Fen= ster oder die Menschwerdung des Amtsrats Zihal". In beiden Fällen wird ein Komplex vorgeführt, und zwar mit symbolischer Absicht. In der 'Deutschen Novelle" er= liegt eine Baroneß in kritischem Alter dem dämonischen Zwang ihres Dieners, der als Peiniger und Verführer ihr Seelenleben verwüstet, sie als Mensch entwürdigt, bis die hilflos Gebannte mit einem letzten Aufschwung ihrer Kraft sich und den Unhold erschießt.

      Im Amtsrat Zihal verfällt ein pensionierter Beamter metho= discher Anarchie. Seine Lebensregelung, die nach außen hin den Anschein pedantischer Ordnung wahrt, ist in Wahrheit von Triebkräften gespeist, die ihn tiefer und tiefer in das Pandämonium selbstverschuldeten Wahns hineinziehen. Schon diese Andeutungen zeigen, daß Frank und Doderer zwischen Sexualität und totaler Ideologie eine intime Be= Ziehung sehen. Es steht uns frei, in der Baroneß ein Sinn= bild des deutschen Volkes zu erblicken, das hilflos in den Bann der Verführung geriet und mit Entwürdigung und Schmach büßte. Die Selbstbefreiung der Gepeinigten um den Preis des eigenen Untergangs mag Frank seinem Volk als letzten Ausweg nahegelegt haben.
      Für Doderer steht die totale Ideologie im selben Rang wie die sexuelle Zwangsvorstellung. Beide entwirklichen fort= schreitend die lebendige Fülle der Welt und kaschieren den Zwang hinter pedantisch methodischer Ordnung. Nichts hat das so deutlich gezeigt wie die technisch perfektionierten Vernichtungslager, wo brutale Mordlust mit Präzisions= methoden befriedigt wurde.
      Und doch — so einleuchtend die Erklärung sein mag — haben wir weder bei Frank noch bei Doderer das Gefühl,daß ihre Erfindung sinnbildlichen Rang hat. In beiden Fäl= len werden obskure Geschichten erzählt, von denen nur wenig in die Öffentlichkeit sickert und die im Rahmen der privaten Tragödie oder Tragikomödie verbleiben. Dies hindert aber auch den Leser, an ihre Allgemeingültig* keit zu glauben. Der Komplex kann schon darum kein Sinnbild abgeben, weil der mit ihm behaftete Mensch ihn als einzigartig empfindet, wohingegen die Suggestion, die von Massenideologien ausgeht, dem Menschen das Gefühl seiner Einzigartigkeit nimmt und eben dadurch Triebe frei= setzt, deren er sich nicht zu schämen und die er nicht zu verantworten braucht.
      Das Leiden der Baroneß bei Frank besteht darin, daß sich ihr Komplex nicht mitteilen läßt und daß sie ihm deshalb unentrinnbar verfällt. Die Entdeckung Zihals besteht darin, daß methodische Ordnung noch keine Moral verbürgt, son= dem im Gegenteil auch das Untermenschliche scheinbar legitimiert. Aber auch Zihals Menschwerdung erfolgt aus seinem eigensten Komplex.
      Zwar reicht der Komplex in unbewußte Schichten hinab. Wird er aber analytisch bewußt gemacht, so verliert er seine kommunikative Fähigkeit und unterscheidet sich von dem Leiden der Zeit nicht anders wie der Gallenstein von dem Leiden, das er verursacht.
      Die eigentliche Schönheit der Novelle von Frank liegt nicht so sehr in dem makabren Vorwurf als in Partien, die Ju= genderinnerungen des Dichters beschwören und an seinen ersten Roman 'Die Räuberbande" anklingen. Da werden die Handwerksgeheimnisse von Schuster, Schreiner und An= Streicher enthüllt, da erfahren wir von den ersten Ver= suchen jenes jungen Malers, dem wir unter demselben Na= men Michael Vierkant in dem Roman 'Links wo das Herz ist" wiederbegegnen. Da spüren wir die Atmosphäre des Maintals mit seinen Weinbergen und dem roten Sandstein seiner gotischen und barocken Kirchtürme. Ein heraufzie= hendes Unwetter, das den Himmel verfinstert, haftet stär= ker in unserer Erinnerung als die abgefeimten psychologi= sehen Kniffe, die Josepha ihrem Diener ausliefern. Auch der 'Amtsrat Zihal" — dieses groteske 'Nachtstück" — kann mit seinem hoffmanesken Schnörkelwerk der politi= sehen Folie durchaus entraten.

     

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