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Schwäbische Dichter



In dem schmalen aber gediegenen Werk von Albrecht Goes finden wir alle Elemente versammelt, die von einer schwäbi» sehen Tradition zu reden sinnvoll erscheinen lassen. Wir meinen nicht den naheliegenden Vergleich mit Eduard Mö= rike, da Theologie und Dichtung sich nicht nur einmal im schwäbischen Pfarrhaus beisammen gefunden haben. Son= dem wir meinen jenes moralische Moment, das in Schwaben Humanismus und Christentum verbindet. Die Frage, wie sich der Mensch im Leiden zu bewähren habe, von der Stoa eindringlich gestellt und mit dem Ideal der 'Unangefochten» heit" beantwortet, lebt in der Gewissensfrage des prote= stantischen Christen wieder auf. Unangefochtener Stolz wird durch Nächstenliebe zu Demut und Verantwortung, ohne jedoch seinen männlichen Stand in der Welt preiszu= geben. Ehrfurcht vor dem Menschen, dem sein Ort in der Schöpfung zugewiesen ist, wird zu brüderlicher Gesinnung im Namen des Nächsten.
      So etwa läßt sich der Geist umschreiben, aus dem Albrecht Goes die Novelle 'Unruhige Nacht" und die Novelle der deutschen Schuld 'Das Brandopfer" gedichtet hat. Immer ruht schwäbische Dichtung auf einem Untergrund von Pathos, sei es das klassische Pathos in Schillers 'Braut von Messina", sei es das romantische Pathos Mörikes in der 'Peregrina" des 'Maler Nolten". Es zeugt für die innere Verbundenheit des schwäbisch=alemannischen Dichtungs= raums, daß Walter Muschgs 'Tragische Literaturgeschichte" in diesem Pathos ihren Angelpunkt findet. Pathos bildet auch den Untergrund der Novellendichtung von Albrecht Goes, nicht ausgesprochen, sondern als ein Resonanzraum, der im Leser oder Hörer angesprochen wird. Umso stärker wirkt die Schlichtheit der Aussage. Pathos begründet die moralische Tragödie, die Schicksal spüren läßt und es dem Gewissen auferlegt. Das Gefühl für Menschen= würde hält dem Leiden die Waage, so daß Entwürdigung des Menschen als eigene Entwürdigung gefühlt wird. Schwaben ist aber auch die Heimat des pädagogischen Bil= dungsromans. Nicht zufällig hat Otto Rombach einen Er= zieher der Renaissance, den Magister Vittorino, sich als Helden eines Romans erwählt. Und die Große Tour des 'jungen Herrn Alexius" — das beliebteste Buch von Rom=bach — trägt bei aller Abenteuerlichkeit das Gepräge eines Bildungsromans.
      Die geschlossene Tradition schwäbischer Dichtung macht es auch erklärlich, daß der einheimische Charakter einer brei= teren Wirkung nicht selten im Wege steht. Das vielseitige Werk von Otto Heuschele, das schon Hofmannsthals In= teresse erregt hat — bestehend aus Erzählungen, Novellen, einem großen 'Roman der Nachkriegszeit" — 'Die Sturm= geborenen" — und zahlreichen Essays, in denen er die gei= stige Ernte sichtet, genießt zwar unter Kennern hohe Ver= ehrung, steht aber zu Unrecht im Ruf des Abseitigen und Verborgenen.
      In einer Zeit der Aufbrüche, Umschichtungen und Experi= mente tritt aber auch leicht die Gefahr ein, daß sich das konservative Element schwäbischer Dichtung in die Isolie= rung begibt und eigenwillig verkapselt. Wir deuteten eine solche Gefahr im Werk von Gerd Gaiser an. Es wäre ferner zu bedenken, ob nicht der Roman 'Vanadis" von Isolde Kurz aus ebendem Grund seine Zeit kaum überlebt hat. Ein anderer Dichter ist hier noch zu erwähnen: Fritz Alex= ander Kaufmann. Von diesem Kunstgelehrten, dessen theo= retische Schriften erst zum Teil veröffentlicht sind und der notgedrungen zu den 'Stillen im Lande" gehörte, er= schienen vor einigen Jahren Jugenderinnerungen unter dem Titel 'Leonhard". Eine Urform des deutschen Romans ist der Bildungsroman. Doch haben wir im Verlauf unserer Darstellung gesehen, daß der äußere Rahmen der Bildung so gut wie ganz weggefallen ist. Wenn wir sagen, daß im 'Leonhard" der Gang der Bildung ein innerlicher geworden sei, daß er sich aus frühen Eindrücken, Erlebnismomenten, Bildern und perspektivisch geschauten Gestalten aufbaue, so könnte die Vorstellung entstehen, als handle es sich hier um ein vorwiegend ästhetisches Werk. Falls man den Be= griff ästhetisch richtig versteht, ist gegen diese Vorstellung auch nichts einzuwenden. Wir sahen, wie auch bei Emil Barth die Schönheit als 'forma" zugleich einen sittlichen Wert verbürgt. Nun sucht aber Kaufmann in keinem Augen= blick Anhalt an einer vorgegebenen Ordnung, sondern be= treibt eine schöpferische Weltfindung — und das macht sein Buch für den Leser so tief erregend. Denn hier werden — wie in Stifters 'Nachsommer" — die Erscheinungen dichte= risch wiedergeschaffen. Wenn es eine Pädagogik des Sittlich-Schönen gibt, die sich im Bewußtsein des Dichters entfaltet, wenn er sich noch einmal in den Schatz erlebten Le« bens versenkt, so hat sie im 'Leonhard" reinste Gestalt empfangen. Von der Andacht des Dichters zu Wort und Er-scheinung, die sich immer wieder gültig verbinden, geht eine reinigende Kraft aus, wie sie auch bei dem Schweizer Dichter Robert Walser so deutlich zu spüren ist.
     

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