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Robert Walser



Wenn wir chronologisch verführen, hätten wir sein Werk schon an viel früherer Stelle erwähnen müssen. Denn Wal» ser, der 1878 zur Welt kam, hatte Christian Morgenstern und Hermann Hesse zu Generationsgefährten, die ihm ihre Liebe und Hochachtung bezeugten, er übte Einfluß auf Kafka und zog seine poetische Spur bis in die Gegenwart, wo er wiederentdeckt und mit wahlverwandten Dichtern in Vergleich gesetzt worden ist. Und doch ist sein Weg — wie bei vielen Schweizer Dichtern — auf eine besondere Weise unvergleichlich, da der Dichter, der ihn wandelt, zwar nicht umhin kann, die Luft seiner Zeit zu atmen, ohne doch einer anderen Richtung als seiner poetischen Selbstbestim» mung zu folgen. Nicht selten nehmen die intellektuellen Verästelungen, die ästhetischen Nuancen, die schillernden Figuren der Oberfläche in der Dichtung der Schweiz plasti-sehen Kontur, ausgeprägte Lokalfarbe und moralisches Ge= wicht an. Der Unterschied zwischen Rousseaus 'Emile" und Pestalozzis 'Lienhard und Gertrud", zwischen politischer Theorie und Gottfried Kellers 'Martin Salander", ja der Unterschied zwischen Sigmund Freud und Carl Gustav Jung mag das deutlich machen.
      Walser stellt innerhalb seiner Zeit die glückliche Ellipse dar, die spielerische Abweichung von der Norm, die anmutige Ausnahme. Er gefällt sich nicht in einer romantischen Hal= tung, wiewohl sein Leben wie ein abenteuernder Streifzug anmutet. Er entzieht sich geläufiger Anpassung, kann aber in eine Skizze ganz nebenbei die Bemerkung einstreuen, daß er sich auf die Lust am 'Lärmieren" verstehe, weil er einst für seinen gräflichen Herrn Perser geklopft habe. Nichts Menschliches ist ihm fremd und darum auch nicht überwichtig, es sei denn das große Wunder des Daseins, das aus vielerlei rätselhaften Zeichen spricht und das er für keinen verkümmert sehen will.
      Ein Vergleich mit Proust wäre lohnend — der Roman 'Jakob von Gunten" legt ihn nahe — wenn man sich zuvor über den Unterschied zwischen Interieur und Plein-air ins Bild setzte.
      Er hat nicht die Muße, seine Erkenntnisse auszubeuten, hat nicht das Sitzfleisch für ein wohlkomponiertes Werk, so reich ist die Fülle, die ihm zuströmt. Aber da steht plötzlich die erleuchtende Bemerkung, daß Othello und Jago im Grunde eine Person seien, nicht nur in der Handlung des Dramas, sondern überhaupt aufeinander angewiesen, da der eine genau das sei, was dem anderen fehle, und umgekehrt. Robert Walsers Dichtungen in Prosa, die seit ein paar Jah= ren gesammelt in zwei Bänden vorliegen, gewähren den reichsten Einblick. Sie mögen dazu verlocken, dem deutschen Leser das übrige Werk zu erschließen.
     

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