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Ilse Aichinger



Unter ähnlichen Voraussetzungen steht die Dichtung von Ilse Aichinger. Auch hier wird das 'Leiden am Ich" stilisiert. Es strömt sich nicht unmittelbar aus wie im Expressionist mus — das 'O Mensch" Franz Werfeis ist verpönt —, und doch liegt auch ihrer Dichtung ein Lebenszwiespalt zu= gründe, der in chiffrierten Figuren nach außen tritt. Der Roman 'Die größere Hoffnung" der jungen Wiener Dich» terin entsprang einem Erlebnis jäher Daseinsentfremdung. Dasselbe läßt sich von Risse und Nossack sagen. Jedoch im Roman der Aichinger hatte das Thema aktuelles Pathos. Es ist die Geschichte eines Kindes, das in den Mahlgang der Kollektivschuld gerät.
      Die Kollektivschuld, die im Dritten Reich den Juden auf= gebürdet wurde, steht völlig außer Vergleich mit der pa= pierenen Kollektivschuld, die nach dem Kriege auf das deutsche Konto überschrieben wurde. Den Juden kostete sie das Leben, den Deutschen lieferte sie Entschuldigungsgrün= de. Der Schuldkomplex, der dem Judenkind eingeimpft wurde, griff an die Wurzeln seines Selbstgefühls. Er war unauflösbar, denn das Kind haftete für die Schuld von Ge= nerationen. Der Ahnenpaß entschied über sein Lebensrecht oder =unrecht. Das 'Schalttafelsystem", das in der gleich= namigen Erzählung von Nossack über die Existenz des Ein= zelnen blind verfügt, das eine bestimmte Gruppe als Schlachtvieh abstempelt, eine andere den Verbrennungs= öfen zuweist, trat für die Juden zuerst in Kraft. Die Juden mochten unter dem Bannfluch brutaler Unter* drückung eine gewisse Solidarität empfinden. Die Misch= linge gerieten in einen zerreißenden Zwiespalt. Sie standen nicht in unmittelbarer Todesgefahr wie ihre jüdischen Freunde, wurden aber von den 'Reinen" ausgestoßen. Sie gerieten zwischen die Mühlräder zweier gleich starker Kol= lektivpsychosen.
      Wir müssen in diese schmerzhaften Zusammenhänge hinein* leuchten, müssen sie bewußt zur Kenntnis nehmen, weil sonst die Nachkriegsliteratur unverstanden bleibt. Nossacks 'Schalttafelsystem", Risses 'Weichenstellwerk" versinnbildlichen den Funktionsapparat, der nur zwischen Anpassung und brutaler Zermalmung die Wahl läßt.
      Inmitten dieser Ringburg blind zupackender Maschinen spielt Ilse Aichingers Roman. Ein Karussell dreht sich auf einem Rummelplatz, auf einem Friedhof spielen Kinder Begräbnis, eine Landkarte beschwört die verbotene Ferne, ein Krippenspiel wird hinter verschlossenen Türen unter der drohenden Faust des Henkers aufgeführt. Diese ehemals 'heile Welt" verwandelt sich in eine Hohl= form, die einzig dazu bestimmt scheint, den Schrecken insich aufzunehmen. Auch was Schutz gewährt und vor den anderen verbirgt, ist auf der Kehrseite das Mal der Ver= nichtung. Wenn das Mädchen auf dem Dampfer die Son= nenbrille abnimmt, zerrinnt es wie Schnee. Wenn es sich im Spiegel erblickt, löst es sich im Vergangenen auf. Das allein Beständige sind die Zeichen. Während in den Erzählungen 'Der Gefesselte" der Nachdruck auf dem nega= tiven Vorgang — des Dahinschwindens, Schmelzens, Sich= verwandelns — liegt, treten in den Szenen der Sammlung 'Zu keiner Stunde" die Zeichen als Realabstraktionen her= vor. Die Zeitspanne 'zwischen Drei und Sechs" wird zur märchenhaften Chiffre, die sich mitten in der Vergänglich* keit auftut. Aber als leere Zeit birgt sie ebenso den Schrek= ken wie die Verheißung. Der Zwerg auf dem Dachboden, der dem Studenten im Namen dieser Zeitspanne alles ver= spricht, hat sein Gegenstück in der Stewardeß eines Flug= zeugs, die sie als Komplex eines Versäumnisses oder einer Schuld zeitlos mit sich herumträgt. Diese mystische Dop= pelwendigkeit von All und Nichts, die in gespiegelten Zei= chen nach außen tritt, hat ihren Ursprung in der Märchen= phantasie.
      Es gab eine Zeit: da fühlten sich die Kinder im Märchen geborgen. Jetzt fletscht der Wolf wider sie die Zähne. Der Menschenfresser steht draußen vor der Tür. Der blutdür= stige Herodes mordet die Erstgeburt. Die Mystik der Angst, des Erschreckens, der Einsamkeit findet bei Ilse Aichinger bezwingenden Ausdruck.
     

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