Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Die deutsche literatur

Index
» Die deutsche literatur
» DER ROMAN DER GEGENWART
» Humoristische Situation ohne Humor

Humoristische Situation ohne Humor



Die Selbstspaltung oder 'Bipolarität", die Hesse im 'Kur-gast" näher erläutert, ist in der Gegenwartsliteratur nicht mehr ein Spiel mit wechselnden Masken, sondern sie be= steht in strenger Absonderung von der Maskenwelt. Das Ich geht seiner Eigenschaften verlustig. Das reine Ich steht schaudernd vor dem Zerrbild seines zeitgenössischen Ich. Es findet nur noch in der Abstraktion eine letzte Zuflucht. Im Grunde liegt hier das Urerlebnis des Humoristen vor. Wenn es in Jean Pauls 'Titan" heißt: 'Albano trat zum ersten Male in die verkehrte Marionettenwelt einer Redoute wie in ein tanzendes Totenreich", so entspricht das genau der verkehrten Welt im modernen Roman. Und es gehört dazu Schoppe, der Bibliothekar, 'mit einem großen Glas-kästen auf dem Bauch und darinnen einer gehobelten Pup-penredoute", von der es weiter heißt: 'Er ließ nun die klei= nen Larven hopsen, parallel mit den großen. Es war ihm um vergleichende Anatomie beider Maskeraden zu tun, und der Parallelismus war betrübt". Bei Flaubert wird auf ähn= liehe Weise vergleichende Anatomie getrieben, und das Ergebnis ist tragisch=grotesk. Denn es bedeutet, daß dem reinen Ich, wenn es sich selber anschaut, eine Maske entgegenstarrt. Wird aber dem Humoristen die Freiheit genommen, die Puppen hopsen zu lassen, muß er selber mithopsen, so vergeht ihm das Lachen. Entweder: er outriert die Gestik des sinistren Spiels, oder er kontert sie mit moralischer Rüge.

      So erklärt sich die spaltsinnige Form einer ganzen Anzahl von Romanen, deren Held das moralische Ich oder, anders gesagt, ein Herr Niemand ist.
      Martin Kessels Roman 'Herrn Brechers Fiasko" , der kurz vor Hitlers Machtergreifung herauskam, wies auf den bevorstehenden Marionettenschwindel mit humoristischer Schärfe hin. Milieu ist — wie in Flauberts 'Bouvard et Pecuchet" — das Büro und die Bürowelt. Die Versicherungsgesellschaft, bei der Herr Brecher tätig ist, nimmt in den Hauptzügen den Charakter totaler Zweckversicherung vorweg: so die Konvertierung von Kulturwerten in Börsenwerte, die mit propagandistischem Effekt manipuliert werden können und je nach Zeitumständen fallen oder steigen, so die Blut- und Bodenspekulation und die Inflation der Phrase. Brecher schildert das Fiasko der reinen Moral, die in ihren eigenen Augen zum Gespenst wird. Dem Zeitgenossen, der gezwungenermaßen unter der Dik= tatur lebt, werden ihre äußeren Erscheinungsformen zu Chiffren. Nicht was sie zu sein vorgeben oder was sie zu verhüllen suchen, macht ihm so sehr zu schaffen, als was sie wider eigenen Willen aussagen, wodurch sie sich ver= raten und ihre teuflische Abkunft enthüllen. Fest über= zeugt, daß ein schlechter Baum nur schlechte Früchte tragen kann, während die Unentschiedenen sich mit dem Anschein von zweierlei Früchten trösten, will er das von Grund aus schlechte Prinzip an der Wurzel packen. Stefan Andres, Theodor Haecker, Karl Kraus, Thomas Mann und andere waren solche unbestechlichen Kritiker. Daneben aber gibt es eine Art zu deuten — auch sie nicht zufrieden mit Augenschein und Nutzeffekt —, die den per= sönlichen Moralismus einem prophetischen Fatalismus opfert. Zwar verwahrte sich schon Nietzsche gegen die Auslegung seines 'So wird es sein" im Sinne eines 'So soll es sein", aber wird nicht der Prophet wider Willen zum Führer, wenn er einem ichbezogenen 'amor fati" huldigt? Oswald Spengler, der das Zeitalter des Cäsarismus prophe= zeite, gab immerhin der jungen Generation den Rat, sie möge nicht mehr auf dem Felde der Kunst, sondern in den Konstruktionsbüros Lorbeeren suchen. Gottfried Benn be» siegelte in eigener Person das Fiasko der Intellektuellen. Die Zweischneidigkeit prophetischer Deutekunst, die ihrer Zeit als Führer voraneilt, prägt sich auch in den Schriften von Ernst Jünger aus. Jünger liest Symptome als Chiffren, doch verwendet er sie als persönliche Geheimsprache. So träumt er von der technischen Landschaft und macht aus seinem Traum echte Prophetie.
      Wer die Schriften von Jünger kennt, weiß, daß ihn tech= nische Phänomene von jeher persönlich faszinieren. Die Faszination verwandelt sich ihm in romantische Magie. Das technische Instrument wird ihm zu einem Faktor persön= licher Machtsteigerung. An die Maschinen gelehnt, die 'Sagunt zu Asche brennen", genießt er wie Don Juan einen Augenblick intensiver Lebenslust. Das Instrument der Weltvernichtung — der Spiegel des Nigromontan — ist zugleich ein Symbol magischer Weisheit. Schlangengift macht fest. Und so ist bei Jünger die Ablösung des Schmer zes von der bisherigen Pathologie, als Phänomen mit großer Schärfe analysiert, einerseits ein Symptom, ander= seits ein Wunschziel. In alldem steckt viel romantische Ver= führungskunst. Der 'Waldgänger" schließlich kann als symptomatische Haltung, er kann aber auch als persönliche Reservatio mentalis gedeutet werden.
      Die Chiffre wird nach dem Zweiten Weltkrieg ihrer roman= tischen Hülle entkleidet. Zwar trug das Reich des 'Ober= försters" in Jüngers 'Marmorklippen" dieselbe Physiogno= mie wie jene künstlichen Tannenschonungen, die Geschützen und Bomben als Tarnung dienten, doch hatte es zugleich archaische Bedeutung und glorifizierte die Hochzeit von Blut und Feuer.
      Diesem mythisch=diagnostischen Doppelsinn rückt die Nachkriegsliteratur zu Leibe. Nur Gerhard Nebel setzt die Tradition romantischer Sachlichkeit fort. Daß sie im allgemeinen mit geschärftem Blick als subtile Falschmün= zerei durchschaut wird, zeigt der 'Graf öderland" von Max Frisch, in dem der romantische Verbrecher zum Doppel» ganger des Staatsanwalts wird. Don Juan ist bei Frisch der undifferenzierte Liebhaber der Frauen und der intellektuelle Liebhaber nackter geometrischer Figuren.
     

 Tags:
Humoristische  Situation  ohne  Humor    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com