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Heinz Risse



In Romanen und Erzählungen von Heinz Risse ist dieser Vorgang am deutlichsten abzulesen. Risse begann mit Er* Zählungen, die offensichtlich von der Lektüre Hamsuns in= spiriert waren. Der Hamsun'sche Held ist Nonconformist schlechthin. Doch ist er nicht — wie z. B. Bernard Shaw — kritischer Opponent, sondern Antipode der Ratio. Etwas Ähnliches beobachten wir in den Romanen von Heinz Risse. Dargestellt werden Menschen, die entweder nicht anpassungsfähig sind oder durch einen Schicksalsschlag ihre Anpassungsfähigkeit verloren haben. In seinem stärke sten Roman 'Wenn die Erde bebt" tritt ein Mann auf, der die Gabe hat, anderen den nahenden Tod vom Gesicht abzulesen. Eine Versicherungsgesellschaft trachtet, sich die wertvolle Gabe zunutze zu machen. Doch kann der Hell= sichtige auf den Handel nicht eingehen. Man vergegenwärtige sich die Situation, die von rationalem Calcul einerseits, unberechenbarer Sehergabe anderseits be= stritten wird, so hat man die Formel für eine ganze Anzahl ähnlicher Romane. Wider die Rationalisierung, die alles in Ziffer und Funktion verwandelt, hat der Einzelne nur das Irrationale und Unberechenbare einzusetzen. Es kann das wie in Risses Roman die Gabe der 'Todesweissagung" sein; es kann das — wie in 'Jeder wie er kann" von Simon Glas — die unberechenbare Gewissensregung oder wie inder Erzählung von Rolf Schroers 'In fremder Sache" die Verantwortung für den Nächsten sein. Gerät diese indi= viduelle Komponente mit der Außenwelt in Kollision, so entsteht eine paradoxe Lage. Die Gesellschaft, die auf totale Rationalisierung ausgeht, meldet dem Außenseiter gegen= über ihr Interesse an. Wenn sie auch seine unberechenbare Tugend nicht dingfest machen kann, so trachtet sie doch, ihn als gefährlichen Faktor zu isolieren. Auf das Interesse der Gesellschaft kann der Outsider jedoch am wenigsten eingehen. Denn eben das Interesse als Maßstab für Hand= lungen befehdet er ja am entschiedensten. Die Gesellschaft, die ihn für gesetzlos hält, lebt nach seiner Anschauung unter einem von Interessen verfälschten Gesetz, während er an die individuelle Autarkie des Gesetzes glaubt. So= genannte Legalität führt er auf das Diktat jeweiliger In= teressen zurück.
      Der Unterschied zwischen Gesetz und Interesse, der von dem Einzelgänger der Nachkriegsliteratur getroffen wird, muß darum so scharf in den Blick gefaßt werden, weil an= ders nicht zu erklären ist, wieso in Romanen von Risse und Nossack oder im 'Don Juan" von Max Frisch persönliches Schicksal die Strenge und Eindeutigkeit einer geometrischen Figur annimmt.
      In seiner Schrift 'Das letzte Kapitel der Welt" bekennt sich Risse zur Marionette Kleists, deren Bewegungen dem natür= liehen Gesetz der Schwerkraft gehorchen, und er teilt mit ihm die Hoffnung, daß durch Sublimierung mechanischer Gesetzlichkeit der Umschlag in die ursprüngliche Unschuld eintreten könne. In einer anderen Schrift 'Die Fackel des Prometheus" bekennt er sich zum reinen Idealismus Berke= leys. Beide Bekenntnisse müssen zusammengesehen werden. Fatale Gesetzlichkeit verliert den bloß mechanischen Cha= rakter, sobald ich sie als mein Gesetz bejahe. Dann nämlich ruht der Schwerpunkt in mir selber und bewirkt die Gesetz= lichkeit meiner Welt. Die gleichgültige Ãœbertragung me= chanischer Abläufe auf den persönlichen Schicksalsablauf — die eigentliche Todsünde des Rationalismus — rechnet nicht mit dem individuellen Charakter jeden Schicksals. Don Juans 'Liebe zur Geometrie" in dem Bühnenstück von Frisch ist Liebe zur Eindeutigkeit seiner Schicksalsfigur, die außer ihm für keinen verbindlich ist. Das Dreieck steht jenseits der Grenze subjektiver Täuschung. Zwar ist die Figur eines Schicksals eindeutig, aber nicht auf andere Schicksale über* tragbar.
      In Risses Romanen ist der Fatalismus Reflex des subjek= tiven Idealismus. Die Verbindlichkeit des Fatums, dem der Mensch untersteht, ist jeweils nur selbstverbindlich. Schiebt sich ein Interesse ein, das Selbstverbindlichkeit zum Nenner von Allgemeinverbindlichkeit macht, so wird der Grund= charakter des Daseins verfälscht. Deshalb widersetzt sich Risse der rationalen Psychologie, der technischen Organi= sation, dem statistischen Cakul, der Serienproduktion, der hybriden Leistungssteigerung, in denen er die Versklavung an mechanische Gesetzlichkeiten erblickt, die abtrünnig vom Einzelnen geworden sind. Deshalb tritt er für Schicksals* glauben, Persönlichkeit, Selbstwert der Arbeit und Interes= senfeindlichkeit ein. Bei Risse setzt sich die idealistische Linie Emersons und Thoreaus fort. Doch hat im Gegensatz zu ihnen seine Utopie fatalistisches Gepräge. Das ursprüngliche Fabuliertalent eines Stefan Andres, der gleichfalls aus dieser Richtung kommt, vermag auch die Schicksalskonstruktion mit blühendem Fleisch zu umklei= den. Bei ihm liegt die Gefahr weniger in der abstrakten Ver= dünnung als in der barocken Ãœberladung der Fabel. Auch Rückschau und Rückblendung, Tagebuch und innerer Mono= log, die Andres verwendet, um die intime Utopie seiner Figuren zu rekapitulieren, wachsen sich häufig zu selbstän= digen Erzählgliedern aus.
      Bei Risse droht umgekehrt die Gefahr, daß parallel zur rationalistischen Folie das irrationale Calcul überspitzt wird. So tritt die Landschaft immer mehr zurück. An ihre Stelle tritt die technische Landschaft. Das Schicksal richtet sich nach dem Fahrplan. Die Dynamik eines wachsenden Betriebs versinnbildlicht den inneren Leerlauf. . Oder es macht sich eine Neigung zur Fabel be= merkbar, die streng rational das Vorhandensein von Irratio= nalem beweist. Risse liebt Schicksalsabläufe, die sich zu geometrischen Figuren schließen. Sein Stil ist bewußt trocken, konstatierend und traktatmäßig. Er bemüht sich um jene suggestive Sachlichkeit, die an Schizophrenen fas= ziniert. Es gelingen ihm aber auch Fabeln im Stil des acht= zehnten Jahrhunderts, in dem man sich für Automaten interessierte. Das Kindheitsstadium des Rationalismus — als er sich noch mit dem phantastischen Märchen vertrug

, ist Risses eigentliche Do= mäne. 'Sören der Lump" ist hier anzusiedeln. Auch die abenteuerliche Reisefabel, die zur Schicksalsfabel wird, ge= hört zu seinen Lieblingsstoffen. Man könnte sich ein Buch vorstellen, in dem Risse einen Robinson Crusoe schilderte, der nicht aus den Händen der Vorsehung lebt, sondern sich Zug um Zug in Vorsehung verwandelt.
     

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Heinz  Risse    


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