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Heimito von Doderer



Was hier theoretisch auseinandergesetzt wurde, ist am Wachstum zweier großer Romane abzulesen, deren Wur= zeln bis in die zwanziger Jahre hinabreichen, die aber erst nach diesem Krieg ihre breitästige und labyrinthisch ver= schlungene Krone entfaltet haben. Es sind: 'Die Strudlhof= stiege" und 'Die Dämonen" von Heimito von Doderer. Der erste Roman wurde bei seinem Erscheinen als ein Ram= penwerk bezeichnet, gedacht als eine Art Vorbau zu dem umfänglichen Komplex des Hauptwerks, das nicht so sehr den Schauplatz einer Handlung als das Panorama einer Chronik sein sollte. In der Tat öffnen erst 'Die Dämonen" den Blick für das tiefere Anliegen Doderers. 'Die Strudlhofstiege" hat trotz arabeskenhaft verschlun= gener Handlung die durchlaufende Linie eines Entwick= lungsromans. 'Melzer oder die Tiefe der Jahre" — so lautet der Untertitel — ist der schmerzliche Prozeß einer Mensch= werdung . Melzer kommt aus einer Ordnungswelt mit vorbestimmtem Charakter. Als Leutnant brauchte er sich nur einzufügen, den Charakter zu übernehmen, um selber Stil zu haben. Diese Ordnungswelt ist nach dem Ersten Weltkrieg dahin. Nicht wenige der Helden von Joseph Roth — so Trotta in der 'Kapuzinergruft" — haben mit dem Leut» nant Melzer eine gewisse Ähnlichkeit. Sie gehen mit einem Stil herum, der in dem gründlich veränderten Wien nicht mehr gefragt ist. Sie klammern sich an ihre Standesgenos= sen und Kameraden — wie Melzer an den 'Rittmeister" — bilden Gruppen und Zirkel in den Cafes und fühlen sich alsabgekapselte Relikte einer Ordnung, die auf unabsehbare Zeit in der Schatzkammer der Hofburg deponiert oder in der Kapuzinergruft eingesargt ruht.

      Unter solchen Umständen wird die Lebensordnung zum heilig gehüteten Komplex. Mit Vorliebe zeigt Doderer, wie sich für den Menschen zweierlei Welten auftun, wenn er einem Komplex verfällt und sich ängstlich gegen die Wirk= lichkeit abschirmt. Während sich — wie Doderer glaubt — der Stil in lebendiger Auseinandersetzung mit dem Gesche= hen zu bilden hat, wird er in der abgekapselten Sphäre des Komplexes zu dürrem Schematismus, verholzter Abstrak tion, unmenschlicher Methode.
      Leutnant Melzer kann nur Mensch werden, wenn er durch seinen Komplex mitten hindurchgeht und jenseits den An= Schluß an die Tat wiederfindet. Solange er in dem Komplex befangen bleibt, tauscht er für die echte Münze der Ver= gangenheit Falschgeld ein. Die täuschende Ähnlichkeit der Zwillingsschwestern Edith und Mimi Pastre, die Melzer prompt miteinander verwechselt, steht in Doderers Roman für den kaum wahrnehmbaren Unterschied von Echt und Falsch, von Erlebnis und Erlebnisspiegelung, der den wunschbefangenen Menschen verwirrt. Am Schluß des Ro= mans tut Melzer den Schritt, der ihn aus dem quälenden Bann befreit. Er handelt unter der Eingebung des Augen= blicks im Nächstliegenden richtig und heiratet bald darauf ein schlichtes, aber kernfestes Wiener Mädchen. Schon die 'Strudlhofstiege" ließ ahnen, was einem solchen Vorwurf abzugewinnen ist, wenn er nicht wie hier die Menschwerdung eines Einzelnen, der freilich zugleich Stell= Vertreter einer Generation ist, sondern ein öffentliches Er= eignis zum Mittelpunkt hat. Das öffentliche Ereignis in den 'Dämonen" ist der Brand des Wiener Justizpalastes im Jahr 1927. Um zu schildern, wie es zu diesem Mahnzeichen kam, das nach Doderer die Niederlage der österreichischen Freiheit besiegelte, muß der Dichter sein Netz sehr weit spannen. Denn ein Ereignis deuten heißt ja den unterir* dischen Gängen nachspüren, die am Punkt ihres jähen Aus= tretens in die Wirklichkeit zusammenlaufen und den Anteil des Einzelnen in die kollektive Schuld umschlagen lassen. Insofern es ein öffentliches Ereignis ist, müssen alle an ihm beteiligt sein. Die 'Chronik des Sektionsrats Geyrenhoff" soll dieses untergründige Tableau festhalten. Aber da Geyrenhoff sel= ber mitbeteiligt ist, kann er nur die Chronik der anderen abfassen; die eigene Perspektive kommt nicht ins Bild. Das nötigt Doderer, der auf die Wahrheit versessen ist, zu einer labyrinthischen Komposition rund um das Zentralereignis. Die Gänge des Labyrinths sind gelegentlich unterbrochen und eröffnen Durchblicke auf die Nachbargänge. Aber man stelle sich unter diesem Labyrinth keine nackte Konstruk= tion vor. Das Labyrinth ist dem Schauplatz des Romans adäquat. Die Gänge sind die wirren Gassen und Straßen der Stadt Wien, die als Stadtwesen in Geyrenhoffs Chronik eingeht; die Durchblicke sind die unvermuteten und doch wie von langer Hand geplanten Begegnungen zwischen den einzelnen Figuren, die Nischen und Grotten sind die Cafes, die Beisel und die Bahnhöfe, und wenn man die Parallele noch weiter zieht, so ist der Minotaurus ein großer Zeitungs= konzern.
      In den 'Dämonen" wird der Wirklichkeitsverlust der mo demen Menschheit in der Form eines Massenkomplexes dargestellt. Die privaten Dämonien sexueller Aberrationen treten in Verbindung mit den ideologischen Aberrationen. Doderer ist ein Wirklichkeitsfanatiker. Er spürt den un= merklichen Fälschungen nach, die uns im Verhältnis zur Wirklichkeit unterlaufen und die rückwirkend unser Be« wußtsein verfälschen. Es entgeht ihm keine psychologische Unredlichkeit, kein Make=believe, keine Ausflucht ins Ge dachte. Seine Aufrichtigkeit findet Rückhalt an Sprache und Grammatik. Er ist wie Karl Kraus ein Moralist der Sprache. Er horcht die Sprechweise seiner Figuren ab und zeichnet die Kurve euphorischer Schwellung und depressiver Verdün= nung nach. Er stellt in dem Wiener Arbeiter Leonhard Kakabsa einen Menschen nach seinem Herzen dar: einen Kerl, der innerlich gerade gewachsen seinen Stand im Leben sich selber schafft und auf eigene Faust das Abenteuer des Geistes wagt. Dieses Abenteuer führt nicht in utopische Ferne, sondern wird täglich in der Wirklichkeit bestanden.
     

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