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Hans Erich Nossack



Der Roman 'Wenn die Erde bebt" machte Risse im Umsehn bekannt und verbreitete sich in Ãœbersetzungen in fast alle europäischen Länder. Weniger aufsehenerregend, aber eben= so nachhaltig war der Erfolg, den Hans Erich Nossack mit seiner Erzählung 'Nekyia" in Frankreich errang. Nossack steht Risse in der Haltung nahe. Doch kommen beide aus verschiedenen Richtungen. Bei Risse ist der philosophische Ansatz unverkennbar, bei Nossack die ursprüngliche Gabe des Zweiten Gesichts. Während Risse ein widerwilliger Komplize rationaler Berechnung bleibt, steht Nossack von Natur aus auf der anderen Seite. Es fällt ihm nicht schwer, unberechenbare Antworten zu geben.


      Die 'Nekyia" ist nach jenem Gesang der Odyssee benannt, in dem vom Abstieg des Odysseus in die Unterwelt berich= tet wird. Dort begegnet Odysseus der Mutter. Jeder Abstieg ins Reich des Unbewußten zeitigt diese Begegnung. Der Weg Emil Sinclairs in Hesses 'Demian" führt zur Mutter seines Freundes. Der Weg Goldmunds durch die Welt gilt dem verlorenen Urbild der Mutter. Esch in Hermann Brochs 'Schlafwandlern" findet in der Geliebten die Magna Mater. Es scheint, daß nach großen Katastrophen der Geist der Dichtung sich von der gescheiterten Vaterordnung des Tages abwendet und in Traum und Wahrbild die mütterliche Sphäre aufsucht. Erinnern wir an die Mutterdämonie in Ina Seidels 'Renee und Rainer", an Gerhart Hauptmanns 'Insel der Großen Mutter" und an Bachofens 'Mutterrecht und Urreligion", das in den zwanziger Jahren wiederent= deckt wurde und Ludwig Klages Belege für seine These vom 'Geist als Widersacher der Seele" lieferte. In Nossacks 'Nekyia" verschlingt sich die Heimkehrerfabel mit dem Mutterfrevel. Odysseus kehrt nicht so sehr zur Gattin als zur Mutter heim, so wie in einer anderen Ge schichte Nossacks Orpheus überm Anblick der Totengöttin und Mutter die Gattin Eurydike vergißt. Aber zugleich ist Odysseus der Muttermörder Orestes, den sein Verbrechen in den Schoß der Erde hinabzieht. Die Schuld kann nur getilgt werden, wenn der Schuldige bis zum Ur= sprung seiner Tat zurückwandert. Der Mensch hat das Band zur Mutter durchschnitten und sich damit — als reiner Geist — zur Ewigkeit verdammt. Am Scheitel der vermessenen Flugbahn erfolgt der Umschlag. Auf abstrakte Weise zu sich selbst verurteilt, umfängt den Menschen rückkehrend die erfüllte Zeit des Mythos. Doch findet er hier so wenig ein Ziel wie draußen. Die Hyperbel weist zu beiden Seiten ins Leere.
      Es sind nur diese einzelnen Fäden, die wir aus dem Muster der 'Nekyia" herauslösen. Ãœberdies vermittelt die referie= rende Wiedergabe keine Vorstellung von dem eigentlichen Reiz Nossackscher Erzählkunst. In dem Band 'Interview mit dem Tode" steht ein Bericht von der Zerstörung Ham= burgs neben einer mythischen Fabel um die Seherin Kas* sandra, steht eine Geschichte aus der Nachkriegszeit neben einer erzählenden Auslegung der Orpheustragik. In den Liebesroman 'Spätestens im November", der eine tragiko= mische Entführung schildert und zwischen einer Fabrikan= tengattin und einem Dichter spielt, wird die Liebestragödie von Paolo und Francesca eingeblendet. Dieses Nebeneinan= der besagt, daß für Nossack Mythos und Wirklichkeit keine Gegensätze sind, daß vielmehr beide einander ständig durchdringen. Nossack begabt die Welt, in der wir zu leben gezwungen sind und die recht eigentlich unwirklich und phantomhaft ist, mit dem Gegengewicht poetischer Wahr= heit.
      Als Dichter, der im ganzen eine anachronistische Erschei= nung geworden ist, kann er nur einen paradoxen Beweis führen. Es fehlt ihm auch nicht an Humor, wiewohl sein Stil sozusagen keine Miene verzieht. Der Humor liegt in der Situation selber, über die uns die Augen geöffnet wer= den.
      Im Unterschied zu Romanen in und nach dem Ersten Welt= krieg — z. B. dem Hesse'schen 'Demian" —, in denen die urbildliche Sphäre eine Gegenposition zur Wirklichkeit ab=gab —, ist bei Nossack festzustellen, daß die Wirklichkeit in Unwirklichkeit aufgelöst wird. Aus dem vielgestaltigen Mythos wird die blanke Folie des Nichts, die sich zwischen Erscheinungen, Gebärden und Empfindungen auftut. Die Er= Zählung 'Das Mal", die in den jüngsten Roman des Dich= ters 'Spirale" einkomponiert wurde, erinnert an jene uto= pische Südpolfahrt, die Musil in seinen Tagebüchern als Romanentwurf konzipiert hat. Auch bei Nossack wagt sich eine Expedition in unbetretenes Niemandsland vor und erreicht nicht so sehr einen äußersten Punkt auf der Land* karte als die äußerste Entfernung vom natürlichen Ursprung des Menschen. Auch hier — wie in 'Nekyia" — bezieht der Geist eine äußerste Position. Im Gegensatz zu Risse, der das Abenteuer des modernen Geistes ad absurdum führt, trach= tet Nossack, es vor einen Hintergrund zu stellen. Zunächst bilden diesen Hintergrund Mythos und tragische Fabel. Später wird daraus die unberührte Schneefläche, das Nie= mandsland, das jungfräuliche Nichts. Es kommt zu einer planmäßigen Demontierung der sogenannten Wirklichkeit, die, vor dem Absoluten betrieben, die Phantasie als reine Größe freisetzen soll. Dichtung wird zu Scheidekunst, die durch fortgesetzte Eliminierung eine gesuchte Unbekannte negativ bestimmt.
      Sartre's Freiheitsmoralismus und Samuel Becketts negativer Mythos in 'Warten auf Godot" hängen mit Nossacks An= schauung in einem wichtigen Punkt zusammen. Verringe= rung der Kontakte ist das gemeinsame Moment. Sartre's Skiläufer berührt eine jungfräuliche Oberfläche, die seine Schwünge als reine Figur festhält. Die Figuren von Beckett zeichnen als freies Ornament die Erwartung an sich. Nos= sacks Spirale findet keinen Grund. Sie windet sich ins Un= bekannte hinab und bleibt selbstgenügsame Figur.
     

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