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Grenzen des Provinzialismus



Es bleibt in diesem Zusammenhang zu fragen, wieviel von jenen Gegenbildern geblieben ist, die dem umweltentblöß» ten Menschen — zumindest im Roman — eine Heimat und eine Ordnung versprachen. Die Vorsicht, mit der wir die Frage berühren, läßt bereits erkennen, daß es sich um ein Thema handelt, dessen Behandlung im Nu zu Mißverstand» nissen führt. Bei dem Wort Heimat denkt man sofort an den

'Provinzialismus", der als geläufiges Schlagwort in ver» schiedenstem Sinne gebraucht wird. Hat doch Walter Muschg in seinem Aufsatz 'Die Zerstörung der deutschen Literatur" eben den Provinzialismus als deren Folge bezeichnet, wäh= rend die Gruppen, die bei uns von Provinzialismus sprechen, die gesamte Schweizer Literatur — vielleicht mit Ausnahme von C. F. Meyer und Karl Spitteler — unter diesen Begriff fallen lassen könnten. Spricht man von Ordnung, so gerät man sofort in Verdacht, irgendwelche reaktionären Gehäuse zu verteidigen, während es doch dem Menschen ansteht, ausgesetzt, geworfen oder unbehaust zu sein, kurzum, einer umschließenden Ordnung zu entraten. Nicht einmal die Schriftsteller und Dichter, von denen hier die Rede sein soll, werden sich, sofern sie noch unter den Lebenden weilen, mit einer Charakterisierung abfinden, die von vornherein so heftiger Kritik ausgesetzt ist. Deshalb müssen wir, um Mißverständnisse zu klären, eine möglichst genaue Definition dessen vorausschicken, was hier unter Umwelt und Ordnung verstanden wird. Gehen wir von der Tatsache aus, daß es eine Heimatlitera» tur der überlieferten Art nicht mehr gibt. Der Provinzialis» mus wird zwar als Schreckbild an alle möglichen Wände gemalt, aber als Erscheinung ist er kaum mehr repräsen» tativ. So sehr es manchen Schriftstellern am Herzen liegen mochte, das Bild ihrer verlorenen oder verlassenen Heimat in der Dichtung zu bewahren, so ist doch kein einziger Ro= man zu nennen, der die Teilnahme weiterer Kreise gewon» nen hätte. Es gibt Romane aus Ostpreußen und Schlesien, aus dem Sudetenland und Südtirol, die im engeren Verband der Landsmannschaften mit Liebe und Teilnahme gelesen werden. Doch haftet ihnen insgesamt etwas Exklusives an, das nicht notwendig zum Heimatroman gehört. Arnold Krieger sucht in seinem 'Haus der Versöhnung" nach einer Ãœberwindung des Heimatromans, wirkt aber blaß im Ver» gleich mit dem derb plastischen Romanepos von C. Tronier Funder: 'Ãœber die Grenze" und 'Die Große Fuhre". Agnes Miegel, Lulu von Strauß und Torney, ja selbst Ernst Wiechert schufen Heimatdichtung im weitesten Sinne. Aber auch die Dichtung von Oskar Loerke, von Wilhelm Leh= mann, von Georg Trakl ist ohne das heimatliche Element unvorstellbar. Thomas Mann hat immer wieder auf seine niederdeutsche Abkunft verwiesen. Hermann Hesse fühlt sich schwäbischer Tradition aufs innigste verpflichtet. Der Franke Ernst Penzoldt teilt mit seinem Landsmann Jean Paul die humoristisch=groteske Ader. Welcher Schlesier wird nicht Gerhart Hauptmann als seinen angestammten Dichter empfinden? Welcher Elsässer hat nicht in Romanen von Rene Schickele die Tragik seiner Grenzheimat gefühlt? Wir könnten noch lange so fortfahren und ständen am Ende immer wieder vor der Frage, was denn Heimatliteratur zu provinzieller Literatur mache oder wodurch Heimatliteratur den Provinzialismus überwinde.
      Auf diese Frage ernstlich und ohne Vorurteil antworten heißt einen wichtigen Komplex unserer Literatur anschnei» den. Es zeigt sich nämlich, daß wir gegenüber der Heimat» literatur anderer Länder nicht so spröde sind, daß z. B. ita= lienische Landschaftsromane, auch wenn sie sich in einem eng begrenzten Milieu abspielen, überhaupt nicht des Pro= vinzialismus verdächtigt werden, oder daß ein ausgespro« chener Regionalist wie Jean Giono so vorurteilslos gelesen wird wie früher.
      Unsere Scheu vor dem bloßen Begriff Heimatliteratur ent= springt demselben Mißbehagen, das wir bei dem Begriff 'national" empfinden. Wir haben nichts gegen Heimat» gefühl, solange es die selbstverständliche Voraussetzung einer dichterischen Leistung bildet. Wir haben auch nichts gegen Nationalgefühl, solange es nicht im Munde geführt wird, sondern sich in der schlichten Tatsache bekundet, daß ein deutscher Dichter deutsch schreibt. Der Begriff Heimatliteratur ist nicht zuletzt darum so vor= belastet, weil hier etwas Selbstverständliches zum Verdienst erklärt und als Eigenwert deklariert wurde. So wenig es ein Verdienst ist, Bayer, Preuße oder Schlesier zu sein, so wenig ist es ein Verdienst, Deutscher zu sein. Wenn aber — wie es bei uns der Fall ist — im Nationalgefühl immer wieder der Partikularismus durchschlägt, muß das Nationale zu einem Superwert gesteigert werden.
      Das heißt: gäbe es keinen nationalen Provinzialismus, so gäbe es auch keinen partikularen Provinzialismus. Die pro* pagandistische Tendenz der Heimatliteratur kommt in di° rekter Linie vom nationalen Provinzialismus her, der am kürzesten so zu definieren ist, daß er sich über alle Welt erhaben dünkt. Die begreifliche Abneigung, die uns heute der Heimatlitera*tur gegenüber erfüllt, kommt aus der Befürchtung, daß sich hier 'in parte" jener Provinzialismus wieder etablieren könnte, der als totalitärer Provinzialismus noch in so übler Erinnerung ist.
      Die Heimatliteratur ist realistischen Ursprungs. Je mehr aber die eigenständige Lebensordnung einer Landschaft in die Defensive gedrängt und von einer übergreifenden Ord= nung abgelöst wird, umso mehr wird das reale Faktum zu einem realsymbolischen Wert gesteigert. Das Bekenntnis zur konservativen Ordnung kann aus nüchternstem Tat= sachensinn hervorgehen. Man erinnere sich, daß Immer» mann seine ländliche Studie 'Der Oberhof" mit bewußtem Realismus der romantischen Traumfaselei des 'Münch= hausen" entgegengesetzt hat. Gerät indessen die konser= vative Anschauung in Kollision mit dem Liberalismus, so bildet sie im Kontrast zu dessen Weltbürgertum ein Be= kenntnis zum Pfahlbürgertum aus. Ursprünglich als Berich» tigung romantischer Schwärmerei gedacht, verfällt sie jetzt selber ins Schwärmen. Anstatt die Wirklichkeit ins Auge zu fassen, die Lebensordnung eines Standes, den Charakter eines Volksstammes vorurteilslos darzustellen, blickt sie auf die Ideologie des liberalistischen Gegners und hält des= sen Wertanschauung in allen Punkten genauen Widerpart. Dem Streben nach einer weltumfassenden Ordnung tritt die Pflege des nächsten Umkreises entgegen, an die Stelle des Menschen schlechthin tritt der Volks» oder Stammes» oder Rassengenosse. An die Stelle von Geist und Vernunft treten Blut und Erbmasse, an die Stelle der Klasse tritt der Stand. Und da im 19. Jahrhundert die Gesellschaftsentwick» lung im Zeichen liberaler Ideen stand, gründet man seine Hoffnung auf jene Stände, die von ihnen am wenigsten er= griffen wurden, und feiert Bauerntum und Handwerk als Werte an sich.
      Es ist auch für den Literaturbetrachter wichtig, daß er sich über diese Entwicklung vom Realismus zum Realsymbolis» mus klar wird und nicht jederlei Landschaftsdichtung der realsymbolischen Abart zuweist.
      Wir stellen fest, daß in der Nachkriegsliteratur die sym» bolistische Ãœberschätzung von Landschaftselementen und Stammeseigentümlichkeiten nur noch ausnahmsweise vor= kommt und somit auch dem gefährlichen Provinzialismus der Boden weitgehend entzogen ist.
     
Das soll keineswegs als Verdienst gebucht werden. Es zeigt sich nur auch hier, daß die Tendenz der zwanziger Jahre, den Kosmos aus einem individuellen Mittelpunkt wieder» herzustellen, endgültig zum Erliegen gekommen ist. Wenn es nach dem Ersten Weltkrieg — was nicht zu leugnen ist — große Landschaftsdichtung, große Frauendichtung, große Geschichtsdichtung gegeben hat, so ist die Ursache ein be= wußter Individualismus, der aus dem Mittelpunkt des eige= nen Wesens den Zirkel einer Totalanschauung schlug. Diese Situation besteht für unsere Nachkriegszeit nicht mehr.
     

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