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Gerd Gaiser



In der Nachkriegsliteratur haben sich die Heimatkräfte weitgehend erschöpft. Weder finden wir das Bestreben, ihrer in der Totalschau innezuwerden, noch bekleiden sie die Rolle eines mythischen Ideals. Auch hier leben vereinzelte Tendenzen fort, die sich jedoch nicht mehr zur Ganzheit schließen wollen.
      Am deutlichsten spiegelt diese Problematik das Werk von Gerd Gaiser. Da in unserer Nachkriegszeit — sehr im Gegensatz zu den zwanziger Jahren — die Autoren hinter ihren Büchern zurücktreten, leitet sich die Bekanntschaft mit einem Dichter meist von einem bestimmten Roman her, der aus irgendwelchen Gründen zum literarischen Ereignis gestempelt worden ist. Diese Gepflogenheit macht unter Umständen ein Buch berühmt, aber nicht den Autor. Jedenfalls ist eine intimere Kenntnis von dem geistigen Ort eines dichterischen Werks auf solche Weise nicht zu gewinnen. In Gaisers erstem Roman 'Eine Stimme hebt an" und in den vorangehenden Erzählungen unter dem Titel 'Zwischenland" erklingen präludierend die Hauptthemen seines Werks: die Heimkehr aus dem Krieg und die bittere Ernüchterung; die Beständigkeit der Landschaft und die Sinnlosigkeit der Geschichte; grüblerische Erforschung der Figuren des Schicksals und Rückkehr zur Unschuld der Kindheit. Ãœber der kraftvollen Sprache wurde der verzweifelte Pessimismus des Romans kaum bemerkt. Das ist für die Wirkung Gaisers bezeichnend geblieben und so zu erklären, daß der Dichter den Mangel an Schlüssigkeit durch eine bildgesättigte Sprache wettmacht. Es war ein Stilerfolg, den Gaiser mit seinem ersten Roman errang, obwohl hier der Stil noch nicht durchgehalten war und die Komposition zu wünschen übrig ließ. Man war einigermaßen ratlos, was der Autor mit seinem Buch eigentlich wollte. Da fand man das Gleichnis von den Ameisen, die bis zur Selbstvernichtung im Kreise wandern, wenn ihnen die Führung genommen wird. Da war von dem 'furor teutonicus" die Rede, als der Kehrseite des deutschen Weltmartyriums. Der Mann Oberstelehn kam aus dem Krieg zurück und führte in der Heimat das Dasein eines Gescheiterten. Die fast mythische Figur eines alten Oberförsters, der nicht in den Tausch der Zeiten willigt, stand in scharfem Kontrast zu dem Gebrodel der Vorstadt, wo die Habsucht geil hervorsticht, während die innerlich Vorneh= men sich ducken müssen. Es war das Nachkriegschaos in einer kleinen Stadt, die Hunger* und Schwarzmarktzeit, wie sie jeder erlebt hat: geschildert mit einer gewissen Selbst= gerechtigkeit, mit einer peinlichen Aufzählung all ihrer Lei= den, aber völligem Verschweigen der deutschen Schuld. Da= zwischen immer wieder Bilder: die Landschaft in wechseln= den Jahreszeiten und in wechselnder Beleuchtung. Das unbestimmte Mißbehagen, das dem Leser trotz der Freude an Gaisers Sprache geblieben war, meldete sich ver= stärkt wieder bei seinem Roman 'Das Schiff im Berg". Was hier geschildert wird, ist die Geschichte von der Austreibung des Mythos. Und zwar ist für Gaiser die Austreibung des Mythos die negative Bestimmung von Geschichte über= haupt. Die gefährliche Dialektik von Mythos und Ge= schichte, die aus radikaler Enttäuschung den Hegel'schen Fortschrittsoptimismus in Naturfatalismus umschlagen läßt, wird — wie im ersten Roman — in das Thema 'Der Mensch und die Landschaft" hineingedeutet.
      Ein Archäologe forscht nach dem verloren gegangenen Ur= bild — eben dem 'Schiff im Berg". Er findet als Ãœberreste der Geschichte Trümmer und Scherben. Der Mensch ist transitorisch, die Natur dauert.
      Bei dieser Feststellung könnte es sein Bewenden haben, wie= wohl die geschichtliche Erfahrung lehrt, daß es sehr wohl eine Tradition gibt, die sich, unabhängig von Trümmern und Scherben, durch die Epochen fortspinnt. Gaiser hat aber nicht diese Tradition im Auge; mithin verleugnet er sie. Er sucht das Bindeglied zwischen den Epochen in der Permanenz des Bodens, in den Sagen, die einen Ort umwittern, in Fluch und Zauber, die sich durch Generationen forterben. Den eigentlichen Sündenfall in die Geschichte da= tiert er von dem Augenblick an, da sich der Mensch Ziele setzt, die über seine natürlichen Bedürfnisse hinausreichen, da er sich von dem angestammten Boden löst und in die Naturbedingungen verändernd eingreift. Gaiser verschleiert die Tatsache, daß die Natur keine eigene Geschichte hat, sondern daß sie ihr vom Menschen zugeschrieben wird. Er übersieht, daß die Geschichtslosigkeit der Natur nicht selten dazu hergenommen wird, um die Lücken eines geschieht» liehen Weltbildes auszufüllen. Nimmt man diese Lücken — frei nach Morgenstern —heraus, so hat man etwas, das zwar keine Geschichte ist, aber wie eine Anti=Geschichte wirkt. Und dieses vage Etwas ist der ideologisierte Mythos.
      Alle mythischen Geschichtstheorien — von Houston Stewart Chamberlain bis zu Ludwig Klages und Rosenberg — ma= chen ein lückenbüßerisches Prinzip zum Hauptprinzip. Ohne den Vorgang rationaler Geschichtsschreibung, die sozu= sagen die Zaunstecken aufgestellt hat, vermöchte die mythi= sehe Lückentheorie garnicht zu bestehen. Es ist nur verständlich, wenn bei Gaiser eine gewisse An= näherung an Ernst Jünger stattfindet. Auch er hat im Krieg das männliche Abenteuer gefunden. Sein Roman 'Die Ster= bende Jagd", in dem etwas von der resignierten Melancholie der 'Letzten Reiter" nachschwingt, ist ein großartiges Ge= mälde fliegerischer Erlebnisse und charakteristischer Typen. Freilich stellt der homerische Einzelkampf am Schluß das Massensterben auf dem Rückzug im Osten und in den zer= bombten Städten diskret in den Schatten. Der unvermittelte Ãœbergang von Kriegsabenteuer zu Nachkriegselend nimmt bei Gaiser die Form einer persönlichen Desillusion an. Und auch dies erinnert an den Jünger der 'Afrikanischen Spiele", den Traumenttäuschung zum Stoiker macht. Der Heimkehrer wird zum 'Waldgänger", der sich in die Chiffren des eigenen Schicksals versenkt. Romantisch war das Abenteuer, nicht minder romantisch ist die Selbstprü= fung. Gaisers Desillusion ist nicht so kategorisch wie die der Moralisten; das Abenteuer setzt sich im Inneren fort. Die Partisanenfrau Gianna in der glänzend erzählten No= velle 'Gianna aus dem Schatten" spielt zwar die Rolle der Rächerin, doch ohne daß ihr Schuß das Gewissen träfe. Zuweilen haben wir den Eindruck, als halte Gaiser der rächenden Meduse den Spiegel seiner bildreichen Phantasie entgegen und bringe den Blick zum Erstarren, ehe er das Herz erreicht hat. In der Novelle 'Mittagsgesicht" wird zwar die Andeutung einer Nächstenmoral spürbar, doch bereitet sich auch hier ein Schleier visionärer Bilder dämpfend dar= über.
      Gaiser steht am Ende einer Entwicklung, deren vollen Strom das Werk von Hermann Stahl aufgenommen hat. Hamsuns Naturmystik, Jean Gionos berauschtes 'Lied der Welt", die nordische Saga bilden die Begleitstimmen seiner Romane vor und während des Kriegs. Der Held ist meistens ein Einzelgänger, der in eine fremde Lebensgemein schaft eintritt, von ihr ergriffen, geläutert und umgewan delt wird. In dem Roman 'Die Orgel der Wälder" ist es ein Maler, der aus dem Umgang mit elementaren und seeli sehen Kräften eines weltabgeschiedenen Dorfes neue Schaf fenslust schöpft. In dem Roman 'Traum der Erde" ist es ein Mädchen aus der Stadt, das Lust und Schmerz des Da seins als beschiedenes Los annehmen lernt. Nicht selten finden wir bei Stahl die Figur eines alten lebensweisen Mannes, den eigene Ãœberwindung gelehrt hat, den anderen in Güte zu helfen.
      Es sind nie gedachte Linien, die Stahl seinen Romanen zugrunde legt, sondern Lebenslinien, die sich mannigfach schneiden und ineinander verwirren, die auf großen Um* wegen zurückfinden oder ein mühsames Wachstum an= zeigen. Der Kontur einer persönlichen Entwicklung, deren Brechungen und Auswüchse nur dem zufällig erscheinen, der die Lebensgestalt unter rationale Prinzipien beugt, in= spiriert den Autor des Romans 'Langsam steigt die Flut", der am zähen Kampf eines Mannes die Zeit vor 1914 sichtbar macht.
      Diese Leidenschaft für die reine Lebenslinie, die sich ratio naler Berechnung versagt, mag den Dichter auch bewogen haben, 'Die Heimkehr des Odysseus" in freier Form nach zuerzählen. Während Walter Jens und Ernst Schnabel vor ab den Abenteurer in ihm erblicken, ist er für Stahl — und Jean Giono — Symbol des Menschen, den die Heimaterde nährt und der ohne die Berührung mit ihr wie der Riese Antäus seine Kraft einbüßt. Aber wie bei Giono, so er= scheint auch bei Stahl unterm Einfluß des Fiaskos bei Kriegs ende der naturmystische Glaube kritisch gebrochen. Ein Durchbruch zu neuem Stil vollzieht sich in dem Roman 'Die Spiegeltüren", der in den selbstkritischen Brief* und Tagebuchpartien auffallend intellektuell gefärbt ist. Die Atmosphäre der Nachkriegszeit in ihrer ganzen schillernden Unfestigkeit wird hier in pointierter Schreibweise festgehal ten. Ein Kabinettstück ist das Porträt der 'Schloßherrin", einer ehemaligen Tänzerin, die einen Stahlkrösus geheiratet hat und die den hysterischen Charakter der Zeit vollendet ab spiegelt. Auch in diesem Roman wird ein Einzelgänger aus dem distanzierten Beobachter zum Mitverstrickten und Mithandelnden, der seinen Egoismus überwinden lernt.
     
Der lyrische Unterstrom in Hermann Stahls Werk verleug» net sich an keiner Stelle. Es ist Naturdichtung, die in seinen Lyrikbänden herbe eigenwillige Form gewinnt. In den 'Spiegeltüren" tritt der Bruch mit dem naturmysti» sehen Glauben zu Tage. Das Interesse konzentriert sich auf die persönlich=unpersönliche Lebenslinie. In seinen Erzäh= lungen nähert sich auch Gaiser dieser Anschauung . Das 'Schiff im Berg", das als kollektives Leitbild den — wenn auch negativen — Charakter einer Verheißung trägt, ist Mythos in ideologisierter Form.
     

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