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Friedrich Georg Jünger



Das Werk Friedrich Georg Jüngers beruht auf ganz anderen Voraussetzungen, schon darum, weil Jünger einer älteren Generation angehört und nicht wider ein verlorenes Ge= Schichtsbewußtsein mythische Ersatzbegriffe ausspielt, son= dem ein verirrtes Geschichtsbewußtsein mit ursprünglichen Kräften neu verbindet. Jünger lehrt uns, daß Erscheinungen der modernen Welt nicht nur in deren eigener Sprache gelesen werden dürfen, er weist uns auf irrationale Im= pulse hin, die auch den hochgezüchteten Rationalismus speisen. Er zeigt, daß das Leben immer bestrebt ist, Heraus» ragendes, das sich von seinem Ursprung gelöst hat, abzu= tragen, auszugleichen und einzuverwandeln, und daß Struk= turen, die sich dem Leben widersetzen, eines Tages spurlos hinweggefegt werden. In seiner Anschauung wirken Ge= danken Goethes nach. Wider den Begriff der 'Perfektion" , setzt er den Begriff der Tüchtigkeit. Während Per« fektion ein sachliches Vollkommenheitsprinzip darstellt, das sich von dem Menschen geradlinig immer weiter ent= fernt, bleibt die Tüchtigkeit im Sinne des jeweils Taug= liehen auf das unmittelbare Lebensbedürfnis bezogen. Jün= ger geht nicht auf die Suche nach Urbildern, sondern er beobachtet Phänomene. Er ist der Typus des Augenmen* sehen. Von jedem Streifzug bringt er frische Beute heim. Er ist Botaniker und Ornithologe. Er versteht sich auf Jagd und Fischfang, aber auch auf Rechtsprobleme, kultische For= men und soziologische Veränderungen. Er besitzt die un= schätzbare Gabe, Phänomene als freischwebende Punkte zu sehen und sie strahlenförmig mit anderen Phänomenen in Beziehung zu setzen. Er ist kein Systematiker , sondern ein Beobachter, dem die volle Erfassung eines Phänomens jeweils individuelle Auf= Schlüsse liefert.

      Von seinen Gedichten, mit denen er sich zuerst dem Leser eingeprägt hat, soll in einem anderen Kapitel gesprochen werden. Nach dem Krieg erschien ein Band Erzählungen , erschienen Jugenderinnerungen und in den letzten Jahren zwei Romane . In den Erzählungen wird Jüngers Kompositionsart am deutlichsten. Meist um= schreiben sie den Umkreis eines Phänomens und lassen die Geschichte aus ihm hervorgehen. So in der Erzählung: 'Spar= gelzeit". Auf den Feldern werden Spargel geerntet. Fremde Arbeiterinnen kommen in die Gegend, stiften unter den Männern Verwirrung an und verschwinden eines Tages wie= der. Aber der feine Rausch, der sich über das Land verbrei= tet, hängt mit der Pflanze selber zusammen, der beim Volk zauberisch verwirrende Eigenschaften zugeschrieben werden. Oder die Geschichte 'Der blaue Stein", wo es von dem jungen Mädchen heißt: 'Der blaue Stein kam ihr nicht wie ein Gefängnis vor; daran dachte sie so wenig wie jemand, der zum Himmelsgewölbe aufblickt. Vielleicht war dieses Hausen in steinerner Bläue nichts anderes als ihre eigene Jungfräulichkeit. Vielleicht lag das Vorgefühl des Nichtalterns darin." Denn eines Tages kommt ein Fremder und steckt dem Mädchen einen blauen Saphirring an den Finger. Es tritt aus dem Stein heraus, der jetzt an ihrer Hand glänzt und stirbt drei Tage später. In den Jugenderinnerungen lesen wir, daß Ernst, der Bru= der, auf Schlangen und ihre Gifte neugierig war, indessen sich Friedrich Georg der Betrachtung von Pflanzen und Vögeln widmete. Auch hier wird nicht abstrakt unterschie= den, was immer zu einseitigen Urteilen führt. Wievielmehr läßt sich aus dieser konkreten Unterscheidung ablesen, wenn wir bedenken, daß Jüngers Erzählung 'Auf den Marmorklippen" ursprünglich 'Schlangenkönigin" heißen sollte.
      Der Roman 'Der Erste Gang" ist eine erstaunliche Lei= stung. Hier wird der Versuch gemacht, den östlichen Kriegs= Schauplatz im Ersten Weltkrieg als totalen Schauplatz ein=zufangen. Der Titel ist vieldeutig wie das ganze Buch. Er bezeichnet den Ersten Gang in einem geschichtlichen Prozeß, der heute noch nicht abgeschlossen ist: die Veränderung der Kriegstechnik, die präzise Vermessung der Zeit, die Revolution in Rußland, den Zerfall der vielfarbigen Donau= monarchie, den Zerfall der Stände. Er bezeichnet aber auch den Ersten Gang, den eine Generation antritt, um ihre Lebenswahrheit auf die Probe zu stellen. Nicht der Krieg als solcher ist bei Jünger das Gesamtphänomen, sondern das Feld, das ihn — freilich als signifikanteste Erschei= nung — hervorbringt.
      Verrät die absichtsvolle Komposition in diesem ersten Ro= man von Jünger eine Art kaleidoskopischer Starre — die freilich der Erstarrung des Bewegungs= zum Stellungskrieg entspricht —, so ist in dem Roman 'Zwei Schwestern" die verknüpfende Ornamentik des Reigens das grundlegende Prinzip. Auch hier decken die Figuren einander mit der Vielsinnigkeit von Chiffren. Der Held der Geschichte ist ein Promeneur,der sich eine Zeitlang in Rom ohne bestimm* ten Zweck aufhält. Die Stadt Rom bietet Jünger Gelegen* heit, Sinnfiguren der verschiedensten Epochen in sein Mu= ster zu weben. Das galante Abenteuer des Helden mit den zwei Schwestern könnte Memoiren des Dix=huitieme ent= nommen sein. Ein Gang in die Katakomben rührt an das Thema der Verschwisterung von Liebe und Tod. Die Ver= schwörer=Anekdote hat Züge aus der Zeit des Risorgimento. Doch reicht der Roman durch die Glossierung Mussolinis und des Faschismus und durch die Einführung der insi= diösen Oberwachungsmethoden des totalen Staates bis in die Gegenwart hinein. Gespräche über Kirche und Staat, über Sozialismus und Tradition stiften zwischen den Phä= nomenen überraschende Kontakte. Eine der besten Figuren des Romans, die freilich nur am Rande auftritt, ist ein dem Morphium ergebener Arzt, der an seinem Laster zugrunde geht.
      Jüngers Stil hat etwas Kursorisches und hält zwischen Tagebuch= und Memoirenstil die Mitte. Nicht so sehr die Handlung als das elastische Interesse des Autors, dem auf Schritt und Tritt etwas einfällt, nimmt uns gefangen. Hier wird die Umwelt zur Aura einer Persönlichkeit, die mit federnder Intelligenz der Realität die Spitze bietet. Nichts von romantischem Clair=obscur, aber sehr viel südliche 'limpidezza". Zieht man in Betracht, daß die Romantik durch die vorangegangene Erweiterung der Erfahrungs« Wirklichkeit zu ihren Chiffren und Symbolen gelangt ist, in dem Bestreben, eine desultorisch gewordene Welt noch einmal in einer Gesamtanschauung zu binden, so läßt sich auch der umgekehrte Fall denken: nämlich daß einem Weltbild, das in ein abstraktes Muster einzugehen droht, die ur= sprüngliche 'desinvolture" wiedergeschenkt wird, indem man Symbole in Phänomene, Chiffren oder Ideogramme in Charaktere der Erfahrung zurückverwandelt.
     

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Friedrich  Georg  Jünger    





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