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Friedo Lampe



Ob wir das Werk von Doderer, Penzoldt oder Bergengruen betrachten: immer finden wir, daß es zwar von Heimat» kräften genährt ist, ohne daß das Heimatliche als Selbst« wert verewigt würde. Vielmehr wird es über sich hinaus= gehoben, tritt in Spannung zu anderen Kräften und erlangt dadurch sinnbildliche Transparenz. Es mag hier daran erin= nert werden, daß nicht so sehr die geschlossene Grenze und der konservierte Bereich als die offene Grenze und die Aus= einandersetzung mit einem fremden Geist die größten kul= turellen Leistungen gezeitigt haben. Die spanische Romanze und die schottische Ballade sind Grenzdichtung. Vom Nibe* lungenlied und dem Epos des Gottfried von Straßburg gilt dasselbe. Nicht zufällig wurde dem jungen Goethe im elsässischen Grenzland der Geist deutscher Gotik zum auf= wühlenden Erlebnis. Und denken wir an Hugo von Hof» mannsthal, an Rudolf Borchardt und Stefan George, so fin= den wir bei ihnen dreifach ausgeprägt ein KulturbewußN sein, das mit den heftigsten Spannungen und Dissonanzen zu ringen hat.
      Nach dem Krieg wurde das Gesamtwerk eines Dichters bekannt, der, um die Jahrhundertwende geboren, im Jahr 1945 das allgemeine Verhängnis mit dem Tode büßte: Friedo Lampe. Er hat seinem einzigen Roman 'Am Rande der Nacht" eine Verszeile Hofmannsthals vorangestellt: 'Viele Geschicke weben neben dem meinen / Durcheinanderspielt sie alle das Schicksal". Ihm schwebte vor, die Sphäre seiner bremischen Heimat als ein 'Kleines Welttheater" in Prosaszenen darzustellen. Unwillkürlich denken wir dabei an Rudolf Alexander Schröders Prosastück 'Der Wanderer und die Heimat", das in Form einer Traumschau die erlebte Umwelt als ein Ganzes darstellt.
      Traumschilderung braucht realistische Genauigkeit nicht auszuschließen. Was den Traum zu Traum macht, ist das Bewußtsein eines räumlichen und zeitlichen Allzugleich, ist das Erlebnis der Offenheit und des freien Ãobergangs zwi= sehen den getrenntesten Bereichen. Die Traumfiktion kann weggelassen und zum bewußten Darstellungsprinzip erho= ben werden. Lampes 'Kleines Welttheater" ist ein Versuch in dieser Richtung. Der Held einer solchen Geschichte ist das objektivierte Erlebnis einer Gesamtatmosphäre, die auch Gegensätze einheitlich zu binden vermag. Sie ist der an= onyme Geist des dichterischen Kosmos, der auch das Absei= tige und Abstruse nicht verstößt, sondern es als ein Element des Ganzen in sich begreift. Dasselbe gilt auch für Hesses 'Demian" und 'Steppenwolf", in denen das Abstoßende angesprochen und hervorgerufen wird, um es als notwen= digen Bestandteil eines Ganzen zu retten. Friedo Lampes kleine Binnenweltreise führt hinab in die Hölle der Ratten und empor auf die Höhe des Leuchtturms. Sie erfriäßt uns nirgends aus dem Bann einer geschauten Welt und ver= knüpft mit imaginären Fäden das Entlegenste, ohne es sei= ner Eigenheit zu entfremden. Der Stil hat zuweilen jene fast zynische Herbheit, die wir bei allen Hanseaten finden und die bei Thomas Mann zu Unrecht Anstoß erregt hat. . Der Onkel in den Buddenbrooks, den ob seiner Freßgier der Schlag trifft, könnte mit jener Tante in Lampes Novelle 'Von Tür zu Tür" verwandt sein, die ihrem Papagei kurzerhand den Hals abschneidet. Auch Schröder hat in der Erzählung von seiner ersten Be= gegnung mit dem 'Erlkönig" einen ähnlichen Ton ange= schlagen.
      Das 'Kleine Welttheater" trägt jenem Allgefühl Rechnung, das, nachdem es den universalen Charakter verloren hat, individuellen Charakter annimmt. Die erlebte Umwelt wei= tet sich zum stellvertretenden Kosmos. Als gegen Ende der zwanziger Jahre der erste Roman von Thomas Wolfe 'Schau heimwärts, Engel" in der kongenialen Ãobertragung von Schiebelhuth erschien, wurde er unmittelbar als eine Schöpfung aus dem gleichen Weltgefühl empfunden. Ihm reihte sich nach dem Zweiten Weltkrieg William Goyens 'Haus aus Hauch" an.
     

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