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Felix Hartlaub



Felix Hartlaubs 'Tagebuch aus dem Kriege" ist nicht vom Standpunkt des idealen Beobachters geschrieben. Darin liegt seine revolutionäre Bedeutung. Im Gegensatz zu Erich Maria Remarque oder Ernst Jünger — diesen zwei pazi= fistischen und heroischen Bürgen der 20er Jahre —, ver= ziehtet Hartlaub auf jede Gesinnungsnote. Im Spiegel gleicht sein uniformiertes Selbst den anderen. Er teilt ihre Illu= sionen, ihre Ängste, ihre fleischlichen Anwandlungen; er nimmt sich nicht hochachtungsvoll aus, verleiht seinen Stimmungen keine Bedeutung, sondern stellt sich gleich und notiert, was er sieht. Aber die Figur im Spiegel ist nicht sein wahres Ich. Sie ist ein kollektiver Reflex. Der Beobach= ter vor dem Spiegel ist abstrakt. Er sieht seinen Doppel= ganger mit Eigenschaften bekleidet, die kollektive Eigen= Schäften geworden sind. Als Beobachter hat er nichts als seine unbestechliche Aufrichtigkeit einzusetzen. Diese Auf= richtigkeit ist sozusagen das Negativ einer moralischen Eigenschaft. Moralische Aufrichtigkeit ist vom Wert der Wahrheit überzeugt. Doch es gibt für Hartlaub keine ob= jektive Wahrheit, es sei denn in Gestalt jenes eigenschafts= losen Hohlraums, der sie betrachtend spiegelt. Der 'Mann ohne Eigenschaften" hat seine negative Pathetik einge= büßt. Er figuriert als Stil, der sich keiner Eigenschaf t versagt.


     
Man stößt in Hartlaubs Tagebüchern kaum einmal auf das Wort 'ich". Man findet ebensowenig eine Gestalt, in die sich dieses Ich projiziert. Seine Aufzeichnungen aus Paris sind Selbstdarstellungen der Gebäude, der Parks, der Leute in der Metro, des Himmels. Der Beobachter zieht sich hinter seine Augen zurück oder schiebt den Doppelgänger vor. Die Aufzeichnungen bleiben in der Schwebe zwischen sub= jektiv und objektiv, zwischen Soldatenjargon und Bericht. Objektive Schilderung erhöbe Anspruch auf objektive Wahrheit, subjektive Schilderung auf Gefühlswahrheit. Die erste zu geben hält sich der Mitlebende nicht für befugt, die andere bleibt angesichts der Tatsachen irrelevant. Hartlaub schreibt die Chronik der anderen, denen er sich selber bei= zählt. Doch ist er bisher der einzige geblieben, der diesen intermediären Stil getroffen hat.
     

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